Thema des Monats - März 2014

Wir wurden überfallen

 

Jeder Jahresbeginn an der Universität Leipzig bringt neue Kürzungsandrohungen. Dieses Mal betrifft es die Archäologie, die Chemie und die Theaterwissenschaft. Dort sollen drei Professoren und zwei Mitarbeiter gestrichen werden. Mit dem übrigen Lehrstuhl lasse sich weder Lehre noch Forschung gewährleisten, meint der Geschäftsführende Direktor Prof. Dr. Günther Heeg.

 

Das Interview führte Tobias Prüwer

 

Wie haben Sie von der Hiobsbotschaft erfahren – waren Sie überrascht?

 

Wir wurden überfallen. Es war ein handstreichartiges Vorgehen des Rektorats und wir haben nicht im Geringsten damit gerechnet. Weil es überhaupt keinen inhaltlichen oder strukturellen Anlass dafür gibt, so wie das Leipziger Institut für Theaterwissenschaft seit Jahren dasteht, wie es nachgefragt ist, welche Strahlkraft es in der Öffentlichkeit hat.

 

Man soll sich nicht selber loben, aber wie würden Sie das Besondere des Instituts beschreiben?

 

Zunächst: Das Institut ist das einzige in den neuen Bundesländern und damit Motor und Katalysator der gesamten Theaterszene in Ostdeutschland. Es ist dafür besonders geeignet durch seine internationalen Kooperationen mit Wissenschaftlern und Künstlern in aller Welt. Diese internationalen Erfahrungen bringen wir wieder in der Stadt und Region ein, so dass man sagen kann: Wir sind ein Glocal-Player, wir verbinden das Lokale und Regionale mit dem Globalen. Wenn Sie sich nur in Leipzig die Intendanz und Dramaturgie des Schauspiels und die Macher der Freien Szene ansehen, wenn Sie wichtige Positionen in den Theatern der Region und in ganz Deutschland anschauen, werden Sie feststellen, dass viele von der Leipziger Theaterwissenschaft her kommen. Armin Petras hat uns bescheinigt, dass ohne das Leipziger Institut die Theaterszene insgesamt ärmer wäre
Besonders hervorzuheben ist zweitens die Verbindung von Theorie und Praxis am Leipziger Institut. Wir leisten eine intensive Grundlagenforschung. Unsere Schwerpunkte liegen in den Forschungsbereichen Transkulturalität, Historische Anthropologie der Akteure, Körperpolitik und Inszenierung von Gemeinschaft. Einmalig ist vor allem die Verbindung von Theatergeschichte und Gegenwartstheater und die Frage nach der aktuellen Aneignung der Vergangenheit in Archivpraxis, Historiographie und Theaterarbeit. Wir erforschen die Bedeutung von ‚Geschichte in der Zukunft’.
Und schließlich: Theater ist ein wesentlicher Ort, an dem das zukünftige gesellschaftliche und kulturelle Zusammenleben verhandelt wird. Die Leipziger Theaterwissenschaft trägt mit ihrem öffentlichen Auftreten maßgeblich zur Untersuchung und Veränderung von kulturellen Diskursen und Praktiken bei. Das halte ich für etwas ganz Wesentliches in einer Zeit der Ökonomisierung der gesamten Kultur, dass man über den Rand der Universität hinausschaut und Forschung als gesellschaftliche Praxis begreift.

 

Wie reagieren Sie auf die Aussage, Ihre Disziplin sei ein Orchideenfach?

 

Daraus spricht fundamentale Uninformiertheit. Theaterwissenschaft zeichnet sich von jeher durch ihre interdisziplinäre Anlage aus. „Aus Tradition Grenzen überschreiten“, der Slogan der Universität Leipzig, trifft auf uns tatsächlich zu. Dehalb sind wir besonders befähigt, andere Disziplinen zusammen zu bringen und zu integrieren. Zentrale Konzepte geisteswisenschaftlicher Forschung kommen aus der Theatrwissenschaft. Hier in Leipzig hatten wir ein Forschungsprojekt unter der Federführung der Theaterwissenschaft, daran waren 20 Disziplinen beteiligt. Wir sind nicht randständig, sondern arbeiten in einer zentralen Position. Unileitung und Landesregierung wären klug beraten, wenn sie dem Vorschlag des Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins folgten und die Leipziger Theaterwissenschaft zu einem Leuchtturm in Sachsen erklärten


Noch einmal nachgehakt, was macht die Einzelstellung des Instituts im Osten nun so besonders?

 

Wir haben hier eine exemplarische Integration von wissenschaftlichen Ansätzen aus Ost und West. Da ist zum einen die kritische Tradition der Leipziger Schule der Theaterwissenschaft, die berühmt war als Denkraum des Widerstands in der DDR Die wird hier fortgesetzt und trifft auf bedeutende theaterwissenschaftliche Konzepte aus den alten Bundesländern. Beide Denkrichtungen inspirieren einander stark und führen zu einem hohen wissenschaftlichen Output und starker Attraktivität bei den Studierenden.

 

Was bliebe von Forschung und Lehre, wenn nur ein Lehrstuhl übrig bliebe?

 

Wenn es denn so käme, würde das die Schließung des Instituts bedeuten. Wir kämpfen darum, dass es nicht eintritt. Bislang gibt es lediglich einen Beschluss des Rektorats, fünf Stellen zu streichen. Es ist nicht befunden worden über die Schließung von Studiengängen. Weil es keinerlei inhaltliche Begründung für die Stellenstreichung gibt, ist unser Vorschlag an das Rektorat, den Beschluss auszusetzen und gegenüber dem Freistaat ein Moratorium zu verkünden. In der Zeit des Moratoriums könnte eine Evaluation aller Studiengänge stattfinden. die es bislang entgegen allen Andeutungen nicht gegeben hat. Auf dieser Basis wäre dann über eine Profilbildung von unten zu reden.

 

Sie hatten die Durchökonomisierung schon angesprochen. Diese betrifft auch die Universität. Unter dem Hochschulfreiheitsgesetz wird sie für autonom erklärt – mit beschränkten Mitteln. Wie soll man da forschen und lehren?

 

Der Name Hochschulfreiheitsgesetz ist Orwellscher Newspeak. Die Universitäten sind nicht wirklich autonom, solange sie unter dem Druck der Landespolitik stehen, Stellen zu streichen, bis 2020 allein an der Uni Leipzig an die 200 Stellen. Die Hochschulpolitik Sachsens ist unzulänglich. Was die Studierendenförderungen pro Kopf betrifft, steht der Freistaat bundesweit an drittletzter Stelle. Die Universitäten sind chronisch unterfinanziert, die Grundausstattung unzureichend.

 

Bei Ihrem Protest geht es also darum, gegen beide öffentlichen Druck aufzubauen?

 

Wir haben immer betont, dass der entscheidende Grund für die Misere die Hochschulpolitik des Landes ist. Aber den Beschluss zur Stellenstreichung hat das Rektorat getroffen. Dafür trägt es ganz allein die Verantwortung und aus dieser Verantwortung werden wir es nicht entlassen. Gegenwärtig schieben sich der Freistaat und das Rektorat wechselseitig den Schwarzen Peter zu. Wir spielen dieses Spiel nicht mit und lassen uns weder von der einen noch von der anderen Seite instrumentalisieren. Wir werden auf beiden Ebenen kämpfen.

 

 

Studenten äußern sich

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Für Solidarität plädieren

 

Theaterwissenschaftsstudentin Julia Hagen über die Stellenkürzung aus studentischer Sicht und die Leipziger Theaterwissenschaft als Ort der persönlichen Erprobung


Warum studierst Du ausgerechnet Theaterwissenschaft?


Ich interessiere mich seit der Mittelstufe praktisch wie theoretisch für Theater. Nach dem Abitur habe ich ein Jahr lang am Schauspiel Frankfurt gearbeitet und so den realen (Stadt-)Theaterbetrieb erleben können. Der Studiengang Theaterwissenschaft bietet eine solide Grundlage an Wissen und Methodik, die in jedem Theaterberuf notwendig ist. Von der beruflichen Orientierung abgesehen, habe ich das Studium Theaterwissenschaft als ein Reflektieren über Theater an sich erlebt, was mich als Kulturbegeisterte bereichert.


Kam die angedrohte Abwicklung überraschend?

 

Wir wussten natürlich von den Sparplänen von 2010. Deshalb haben wir uns gewissermaßen schon in Hab-Acht-Stellung befunden und haben Argumente gesammelt, die unseren Studiengang und dessen Daseinberechtigung unterstreichen. Niemand hat allerdings mit der kompletten Institutswegkürzung gerechnet. Dementsprechend war der Schock sehr groß, was sich an der intensiven Protestbewegung ablesen lässt. Wir haben schon bei der ersten Kürzungswelle, als wir persönlich nicht betroffen waren, für Solidarität plädiert und uns war bewusst, dass es uns genauso treffen kann. Auch jetzt gehen wir weiter in diese Richtung vor: natürlich kämpfen wir selbst vor allem gegen die Schließung unseres Instituts, aber wir haben es uns auch zur Aufgabe gemacht, die Kürzungen generell zu kritisieren.


Haben Sie Angst um Ihr Studium?

 

Ich studiere im Bachelorstudiengang und komme bis jetzt zeitlich ganz gut voran, sodass ich mein Studium wahrscheinlich in der Regelstudienzeit werde abschließen können. Jetzt verhält es sich mit der Theaterwissenschaft jedoch so, dass praktische Erfahrungen unverzichtbar sind. Manche machen also Auslandssemester oder längere Praktika – und die kann man sich nicht einfach legen, wie man will. Wenn die Schaubühne in Berlin jetzt einen Praktikumsplatz für sechs Monate ausschreibt, dann nimmt man den natürlich, diese Erfahrungen sind unbezahlbar, sowohl für das Studium als auch den späteren Beruf. Da kann es eben sein, dass man ein Urlaubssemester einreichen muss. Und schon schafft man es nicht mehr in den vorgesehenen sechs Semestern. Hinzu kommt natürlich, dass ich meinen Master nicht mehr in Leipzig werde machen können. Man muss ja bedenken, dass es in den neuen deutschen Bundesländern, sollte unser Institut wirklich geschlossen werden, keine Universität mehr gibt, die diesen Studiengang anbietet. Deutschlandweit würden 20 Prozent der gesamten Theaterwissenschaft wegfallen. Wir alle machen uns also nicht nur Gedanken um unser Studium, sondern um unsere ganze Zukunft.


Wie beurteilen Sie das Leipziger Institut?


Mir gefällt besonders die Vielfalt der Lehre. Außerdem wird uns hier deutlich gemacht, wie wichtig die Praxis für die Theorie ist. Leipzig bildet als Stadt einen idealen Standpunkt für Theaterwissenschaft. Mittlerweile gibt es hier so viele kleine Theater, auf deren Bühnen man sich ausprobieren kann. In kulturellen Einrichtungen kann man Profis über die Schulter schauen. Nicht zu vergessen natürlich das Tanzarchiv. Ich komme aus der Nähe von Frankfurt/M., auch da gibt es einen Studiengang Theater-, Film- und Medienwissenschaften, Theater und Museen. Aber die Off-Szene ist eine ganz andere, hier in Leipzig habe ich viel mehr das Gefühl, experimentieren zu dürfen. Hier kommen viele junge kulturbegeisterte Menschen zusammen, Projekte und Gruppen entstehen und lösen sich wieder auf – genau das brauchen Studierende der Theaterwissenschaft.


Julia Hagen, 21 Jahre alt, kommt aus Hessen und studiert seit 2012 Theaterwissenschaft im Kernfach an der Uni Leipzig. Sie ist Mitglied im Fachschaftsrat.

 

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Kunst hat in der Gesellschaft den geringsten Stellenwert

 

Regisseurin und Dramaturgiestudentin Mathilde Lehmann über die Verbindung der Theaterwissenschaft mit der Theaterszene in Leipzig


Warum haben Sie mit dem Studium der Theaterwissenschaft begonnen?


Nach dem Abitur und mehreren Jahren in Jugend- und Stadttheatern in Halle und Leipzig wusste ich, dass ich mich auch professionell mit Theater auseinandersetzen wollte. Das dann am liebsten auf einem Level der Reflexion, das dann entsteht, wenn man nicht nur Oberflächen scannt, sondern sich mit ihren darunter verborgenen Schichten auseinandersetzt. Theater auf einem wissenschaftlichen Wege zu denken heißt ja auch, das Resultat auf der Bühne ganz ans Ende jeder Gedankenkette zu stellen. Häufig ist die besprochene Inszenierung absolut irrelevant, und nur der Gedanke Aufführung, Live-Charakter, Bühnenraum, usw. wird aufgearbeitet, all so was ist schon sehr interessant.

 

Und warum dann der Wechsel? Wollten Sie nach der theoretischen Reflexion praktisch werden?


Dramaturgie und Theaterwissenschaft sollen sich ja durch ihr Theorie-Praxis-Verhältnis unterscheiden. Ich werde jetzt zur Schauspieldramaturgin ausgebildet, damit hat ein Teil von vielleicht 30 Prozent meines Studiums dieselben Inhalte wie das Studium der Theaterwissenschaft. Es gibt viele Schnittstellen, die Studiengänge sind aber weder gegensätzlich noch ähnlich. Ich für meinen Teil brach Theaterwissenschaft aus dem einfachen Grund ab, weil ich Dramaturgin werden wollte. Ein Wechsel erschien mir logisch. Bei der Aufnahmeprüfung wurde ich von den Lehrenden der Dramaturgie aber gleich freundlich darauf hingewiesen, dass es nur Sinn machen würde, Dramaturgie zu studieren, wenn ich noch Zugang zu allen Vorteilen der Theaterwissenschaft hatte. Das war für mich kein Problem.


Als Dramaturgie-Studentin: Wie beurteilen Sie das Theaterwissenschaftsstudium in Leipzig?

 

Als einen eigenen Studiengang, der mit meinem thematisch eng verknüpft ist, jedoch mit starkem Anspruch auf Existenz - ohne mein Studium in der TW hätte ich die Dramaturgie weder gefunden, noch wäre ich je genommen worden. Alle Studenten der TW, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte, stellten in der Praxis entweder tolle Kollegen oder große Konkurrenz dar.


Sie inszenieren selbst: Wie wichtig ist die Theaterwissenschaft für die Theatermacher?


Natürlich profitiert die Theaterszene von der Theaterwissenschaft. Die Arbeit eines Dramaturgen am Theater wird unheimlich erschwert, wenn nicht zu den Themenfeldern jeder Art, jeder Form von Theater ausgiebig geforscht wird. Dazu wird man in der Theaterwissenschaft ausgebildet, weniger nur in der Dramaturgie. Abgesehen davon sind viele Studenten der TW in der Leipziger Theaterszene ausgesprochen präsent.


Es herrscht große Solidarität mit dem Institut. Hat die Dramaturgie bzw. die HMT sich auch daran beteiligt?


Das auf jeden Fall. Die gesamte Belegschaft der Dramaturgie sowie die Studenten des Hans-Otto-Institutes haben öffentliche Briefe verfasst, die aus verschiedenen Perspektiven ihrer Bestürzung zu den geplanten Streichungen Ausdruck verliehen. Die Studenten der Dramaturgie fassten sich, etwas überrumpelt, aber doch ein Herz und malten ein großes auf einen Banner, den wir zur Solidaritätsveranstaltung im Schauspiel Leipzig von der Fassade der HMT herunterließen.


Wie ist die Stimmung in Leipzigs Theaterlandschaft angesichts des drohenden Kahlschlags?


Ich kann nur für mich sprechen, ich habe einmal ein Interview mit einer deutschen Künstlerin gelesen, die nach Amerika auswanderte. Die erklärte ihren Fortgang darin, dass die Kunst jeder Form in der deutschen Gesellschaft den geringsten Stellenwert hat. Das finde ich unheimlich traurig und furchtbar plausibel. Die kulturpolitischen Entscheidungen, die getroffen wurden und uns erwarten, strafen weder diese Frau noch mich Lügen.

 

Mathilde Lehmann lebt als Regisseurin, Dramaturgin und Autorin seit 2009 in Leipzig. Sie studierte Theaterwissenschaft und hat 2011 das Studium der Dramaturgie an der HfMT "Mendelssohn Bartholdy" aufgenommen.

Zur Petition für den Erhalt des Leipziger Instituts für Theaterwissenschaft

 

Foto Homepage - Christiane Richter: "Rothes Colleg" (Außenansicht des Instituts für Theaterwissenschaft in der 1. Etage)

Prof. Dr. Günther Heeg veröffentlichte zahlreiche Publikationen zum Theater des 18. Jahrhunderts, zu Bertolt Brecht, Heiner Müller sowie zur Transmedialität und Transkulturalität der Künste im Gegenwartstheater. Schwerpunkte seiner Arbeit sind u.a. The Presence of the Past – Kulturelle Flexionen von Zeiten und Räumen, Geschichte Aufführen und Das transkulturelle Theater. Er ist Leiter des DFG-Forschungsprojekts Das Theater der Wiederholung. Zum Verhältnis von Theaterhistorismus und künstlerischer Praxis des Reenactments und Vizepräsident der International Brecht Society.

 

Foto: dpa