Thema des Monats - Juli 2017

Deutsch-französisches Theaterfestival Perspectives: Europa spricht

 

Seit 40 Jahren existiert das Theaterfestival Perspectives, das deutsch- und französischsprachige Bühnenkunst in das Saarland, nach Luxemburg und Lothringen bringt. Renommierte Theatermacher und Künstler aus Deutschland und Frankreich beglücken die Grenzregion jedes Jahr mit einem vielfältigen Programm. Zehn Tage lang schenkten die Organisatoren dem Publikum zum Jubiläum sorgfältig ausgewählte Theaterstücke, akrobatische und tänzerische Performances, Konzerte unterschiedlicher Genres, filmische Beiträge und jede Menge Gelegenheit zur Partizipation. Nina Roob hat sich für die junge bühne drei Veranstaltungen näher angeschaut und sich von dem Dialog über Europa leiten lassen.

 

Von Nina Roob


Verräter - Die letzten Tage - Falk Richter/Maxim Gorki Theater Berlin

 

Der Bus fährt vom Saarbrücker Schloss über die Autobahn nach Saarlouis. Die Passagiere unterhalten sich auf deutsch und französisch über den bevorstehenden Abend, die einzige und ausverkaufte Aufführung von Falk Richters „Verräter - Die letzten Tage". Angekommen im Theater am Ring blickt das Publikum auf eine Aschelandschaft, die sich auf der Bühne ausbreitet, farblich gesäumt durch knallbunte Bandposter, ein Sofa und Musikinstrumente. Sechs Gestalten ziehen in diese Landschaft ein, sich alle dieselbe Frage stellend: „Bin ich ein Verräter?"

 

Szene aus "Verräter - die letzten Tage"; Foto: Ute Langkafel


Auszüge: Mehmet, der in Istanbul während des Militärputsches, um sich selbst in Sicherheit zu bringen, Gebrauch von seiner deutschen Staatsbürgerschaft macht und seine türkischen Landsleute in der Bredouille zurücklässt. Mareike, die dem Hart-IV-Milieu ihrer Eltern entflohen ist und nur an Weihnachten zum Pflichtbesuch vorbeischaut. Ҫiǧdem, die mit ihrer Lebensgefährtin ein Kind adoptiert hat und sich gegen das Bild einer Vater-Mutter-Kind-Familie auflehnt und dadurch nicht nur bei den Behörden aneckt. Was es heißt, mit dem Gefühl des Verrats zu leben, als Verräter zu gelten und warum dieses Gefühl aktuell vermehrt in Erscheinung tritt, inszenierte Falk Richter auf beeindruckende Art und Weise.


Die Schauspieler geben dabei in höchst offener Art private Momente und Gefühle preis und vermischen diese mit dokumentarischen, musikalischen und gesanglichen Einschüben (großartig: Daniel Lommatzsch als LaLaLand-Ryan Gosling), die den Zuschauer im Wechsel abholen und ihn dann wieder in die unüberschaubaren Fänge des 21. Jahrhunderts schicken.


„Wir sehen viel, aber sehen nichts mehr."


Die Unsicherheit unserer Zeit, das Gefühl des Risses, der durch unsere Gesellschaft geht und die entfesselte Sprache, die doch keine Worte für die Geschehnisse findet, spielen ständig auf der Bühne mit. „Dialoge sind nicht mehr zeitgemäß", konstatieren die Akteure, während sie miteinander und dann doch aneinander vorbei oder auch übereinander sprechen. An vielen Stellen der ausgedehnten Textblöcke, die als Übertitel auf französisch parallel mitlaufen, stößt die Sprache an ihre Grenzen: Gefühle, Gedanken und Zustände verlieren sich in ihr und geben den Wunsch nach einer Struktur, einer Orientierungshilfe preis. Doch stattdessen schieben sich Sorgen, Vorurteile und ein marodes Gesellschaftssystem immer wieder dazwischen. Die einzige Hoffnung, die bleibt? Die letzten Tagen sind eingeläutet, auch dieses System wird untergehen, so die Akteure. Im Bus nach Saarbrücken hallt dieses Gefühl nach, auf deutsch und französisch. Während einige der Besucher beim anschließenden Festivalclub den Abend bei Reggae-Tönen ausklingen lassen, mache ich mich auf den Weg nach Hause, zufrieden sprachlos.


Hausbesuch Europa - Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel (Rimini Protokoll)

 

Ein völlig anderes Konzept, das den Zuschauer zur direkten Teilnahme aufruft und ihn selbst zum Agierenden erhebt, stellt das dokumentarische Theaterstück „Hausbesuch Europa" dar. Die Aktionsgruppe Rimini Protokoll initiiert dieses theatrale Wanderereignis in privaten Wohnungen in ganz Europa und machte auch Halt beim Perspectives - ohne dabei selbst anwesend zu sein. In den vier Wänden der Gastgeberin Carmen, die in einem ruhigen Stadtteil in Saarbrücken lebt, nehmen nur die 15 Zuschauer Platz. Sie sitzen um die „Bühne", einen Tisch, herum. Vor ihnen ist eine große Papierkarte von Europa ausgebreitet, mühsam abgepaust durch das Perspectives-Team. Das Ziel des Spiels wird bekanntgegeben: das größte Stück des Kuchens abzubekommen. Dann beginnt das fünf-levelige Theaterereignis. Eine nach einer Bombe aussehende Maschine, der „Herzschrittmacher", gesteuert vom Nebenraum aus, spuckt auf Knopfdruck historische Meilensteine unseres Kontinents und Anweisungen für die Spielenden aus, während im Ofen tatsächlich ein Kuchen gebacken wird. Mikrokosmisch wird Europa auf die Spielrunde übertragen; zwischen Gastgeber und Gästen, Bekannten und Fremden, Kollaborateuren und Kontrahenten, Gruppen- und Egogefühl oszillieren die Aufgaben, die neben Interaktion mit den anderen Teilnehmern auch einen regen Gedankenaustausch über das Konzept Europa zur Folge haben. Ein Stück partizipatives Theater par excellance, das Grenzen im wahrsten Sinne der Worte zu ziehen und wieder aufzulösen vermag, auf kleinstem Raum stattfindet und gleichwohl über das große Ganze spricht. Obwohl es am Ende klare Verlierer und Gewinner gibt, wird der Kuchen gerecht aufgeteilt.

 

"Hausbesuch", Foto: Rimini Protokoll, Illustration: Maria Jose


Nobody - Cyril Teste / Collectif MxM

 

Von der Zuschauertribüne des am Rande Saarbrückens gelegenen E-Werks blickt man auf eine Fensterreihe, welche die gläserne Grenze zur Bühne markiert. Die Bühne ist extrem naturalistisch gehalten, ein Bürokomplex mit Schreibtischen, Konferenzraum und sogar einem Aufzug. Das Besondere: Alles, was nun geschieht wird live per Videokamera aufgezeichnet und direkt im filmischen Format auf eine Leinwand projiziert, Sound- und Musikeffekte inklusive. Minutiös konzipiert bewegen sich Schauspieler und Kameraleute durch die Bürobühne, während der Zuschauer den Making Of-Prozess durch die Glaswand beobachten kann. Das unmittelbare Aufzeigen des Herstellungsprozesses schlägt sich als dann auch in den sarkastischen Dialogen der Charaktere nieder. Die französischsprachige Collage aus Falk Richter-Texten spiegelt mit den ausgelaugten Gesichtern und panisch aufblitzenden Augen der Darstellenden die ständige Rechtfertigung über unser Tun und die effektivste Verwendung unserer Zeit wider. Mit dem ständigen Vorwurf konfrontiert, zu wenig oder gar nichts zu tun, bewegen sich die Akteure gequält durch die Bürolandschaft und ihr Leben, bemüht, dieses auf die Reihe zu kriegen und doch immer mit der Frage „Qu'est-ce que je fais là?" („Was tue ich da eigentlich?"). Der französische Wortwitz geht für Nicht-Muttersprachler zwar leider etwas unter, doch die technischen Mittel, das Bühnenbild und die außergewöhnliche schauspielerische Leistung des Schauspielkollektivs „La Carte Blanche" entschädigen hierfür.

 

Das Perspectives brachte die Großregion „Saar - Lor - Lux" für zehn Tage wieder einmal näher zusammen. Merklich wurde dieses Jahr viel über unsere europäische Identität und Verantwortung nachgedacht und gesprochen. Das grenzübergreifende Festival vermag es jedoch mehr als nur Gedanken anzustoßen, es verbindet aktiv durch sein vielseitiges Programm, die unterschiedlichen Spielorte und Einladungen zum Gespräch. Ein wünschenswerter Zustand für ein interkulturelles Theaterfestival und ein alltägliches Miteinander in Europa.