Thema des Monats - September 2017

Wir wissen alle nicht, wo es langgeht

 

In der Spielzeit 2017/18 wird es bundesweit wieder den Performancewettbewerb UNART für Jugendliche geben. Was macht das Projekt unwiderstehlich?


Bemerkungen einer ehemaligen UNART-Performerin

                        

Von Antonia Ruhl

 

I.

Die Spielzeit steht vor der Tür. Oder das Semester. Oder das Schuljahr. Zu Beginn der (wie auch immer gearteten) neuen Saison geht der UNART-Performancewettbewerb in die sechste Runde.

 

II.

Februar 2016. Es hätte ein nervenaufreibender Moment sein müssen: 35 Jugendliche stehen, aufgeteilt in ihre Kleingruppen, auf der Kammerspielbühne des Schauspiel Frankfurt und warten auf die Entscheidung der Jury. An diesem und am vorigen Abend haben sie mit ihren eigenen, ca. fünfzehnminütigen Theaterperformances für ein bisweilen tiefsinniges, auf jeden Fall unterhaltsames und abwechslungsreiches Programm gesorgt. Die Performances waren über Monate hinweg entstanden, schon im Herbst des Vorjahres war in der Auftaktphase das Startsignal erfolgt. Danach hatten die Proben offiziell begonnen. Die Proben - nun ja: dazu gleich mehr. Nun also sind die Jugendlichen - wir - am Ende angelangt: Und zwei der sieben Gruppen würden ausgewählt werden, um ihre Arbeiten beim BEST OF UNART zu zeigen.

 

Die Gruppe „Sünden" beim UNART-Finale 2016; Foto: Birgit Hupfeld

 

III.

Wie gestaltet sich der Prozess von einer Idee (oder tausenden oder keiner) zur eigenen Theaterperformance? Unmöglich, darauf eine allgemeine Antwort zu geben: Jede Gruppe und jeder Ansatz entwickeln schließlich ihre eigenen Bedingungen und Strukturen. Bei allen gleich ist allein die Grundsituation: Es gibt einen Termin, an dem die Performance fertig sein muss, und es gibt die zeitliche Begrenzung von fünfzehn Minuten. Es gibt die Möglichkeit, Probebühnen im ausrichtenden Theater zu belegen, und es gibt den Coach, einen professionellen Künstler, der, zum Glück, mehr mit Rat als mit Tat zur Seite steht. Aber da hört es auf. Ab da eröffnet sich ein (von UNART programmatisch abgesteckter) Freiraum: Alles kann und darf passieren. Performance, das ist ein dehnbarer, ein weiter Begriff. Mehr noch: Er ist anfangs schlicht nicht greifbar. Wikipedia spricht passenderweise vom „offenen künstlerischen Prozess"* und die Homepage von UNART stellt fest, dass Performance prinzipiell überall und zu jeder Zeit stattfinden kann. Das macht es nicht unbedingt leichter. Wenn dann noch jemand wie der Schauspieler Wolfram Koch sagt, dass Theater bestenfalls selbst nicht weiß, wo es langgeht, kann die Freiheit, die doch so verlockend erscheint, plötzlich ziemlich bedrohlich werden. Und dann? Nimmt man sich irgendeinen Fetzen, einen Gedanken, vielleicht ein Thema - das, mit dem man sich beworben hat, oder ein ganz anderes. Und man fängt an zu reden, zu improvisieren, zu denken, zu sammeln, zu spielen, zu singen. Nichts zu tun. Aufmerksam zu werden. Zu wiederholen und zu verwerfen. Von vorne anzufangen. Abzubrechen. Einfälle und Freude an Kreativität oder an der Teamarbeit (oder an liegengelassenen Keksen auf Probebühnen) zu entwickeln. Und dann ist man eigentlich schon mitten im „Probenprozess"...

 

IV.

Meine Gruppe, das waren neben mir mein Bruder Vincent und die Freunde Claudia und Niklas, gecoacht von Tänzerin und Choreographin Kristina Veit, hat schließlich zu dem Titel „4/4-Takt" gefunden, nach Monaten der Auseinandersetzung mit - ja - „Freiheit". Mit dem Thema hatten wir uns beworben und waren nicht davon weggekommen: Selbst- und Systemzwänge, eingespielte Rhythmen und Normen, Individualität und Selbstverortung bewegten uns und sollten unsere Performance bestimmen. Zugegeben: sehr viel und sehr abstrakt für fünfzehn Minuten. Um frei erfinden zu können, muss man sich Beschränkungen auferlegen, schreibt Umberto Eco, und so ungefähr gilt das auch für die darstellenden Künste. Das, so sehe ich es im Nachhinein, war damals unser Antrieb: Beschränkungen und deren Problematik für uns zu erforschen, feste Formen zu wählen, die gerade im Wechselspiel mit einer diffusen Freiheit sehr reizvoll sein konnten; Grenzen zu definieren und zu überlegen, wie wir sie überschreiten können. Und Grenzen fangen schon da an, wo ich keine „fremden" Kekse auf der Probebühne essen darf! Um frei erfinden zu können, muss man sich übrigens auch freimachen - damit man Dinge neu anschauen und denken kann und darüber hinaus zu eigenen Ausdrucksmöglichkeiten findet (die natürlich immer von außen beeinflusst sind). Es ist ein Anliegen von UNART, dass das Eigene, Individuelle gefunden und gezeigt wird. Dazu später. Jedenfalls: sehr viel und sehr abstrakt - ob das bei uns letztlich zutraf, mussten andere beurteilen. Viel auf der Bühne gab es zumindest nicht: vier Stühle; vier schwarz gekleidete Menschen ohne Namen: wir; vier Buchstaben auf den Körpern: f r e i. Und ein Metronom.

 

„4/4-Takt" beim Frankfurter UNART-Finale 2016; Foto: Birgit Hupfeld

 

V.

Februar 2016. Der Moment, der nervenaufreibend hätte sein müssen, war es nicht: Spannungsgeladen, erschöpft, glücklich, wehmütig - all das (in Kombination!) trifft die Stimmung des Abends weitaus besser. Den Wettbewerbscharakter hat UNART nämlich, und das ist zu begrüßen, in der Praxis beinahe eingebüßt: Vorherrschend ist das Bewusstsein, über die Kleingruppen hinaus als eine größere (Theater-)Community zusammenzuwirken. Ob bei den offiziellen UNART-Treffen, in der Schauspielkantine oder während der Finaltage in den Garderoben, nahezu überall kam es zu Begegnungen. Viele Kontakte und Freundschaften, die damals geknüpft wurden, sind bis jetzt nicht verlorengegangen.

 

VI.

In einer unserer „4/4-Takt"-Proben saßen wir plötzlich verschwitzt auf unseren Stühlen, das langsam schlagende Metronom zwischen uns, und unterhielten uns über Erwachsensein und Verantwortungslosigkeit. Als ich später nach Hause fuhr, war ich in mich gekehrt: voller neuer, ungeahnter Gedanken. Das ist es, was das Projekt UNART leistet: Ich muss mich permanent mit mir selbst konfrontieren, angestoßen durch die Auseinandersetzung mit anderen. Wenn ich performe, will ich authentisch sein, will ich mir dabei glauben können. Also kann ich mich selbst gar nicht umgehen. Ich muss mir eine Haltung abfordern.

 

VII.

Seit zehn Jahren findet UNART statt, mittlerweile haben fast 1000 Jugendliche insgesamt an dem Projekt teilgenommen. Was ist UNART für die Jubiläumssaison zu wünschen? Mir fällt viel ein. Das Wichtigste: bunt bleiben. Um- und Irrwege auskosten: Sie sind notwendig. Denn wir wissen ja alle nicht, wo es langgeht.

 

*Zu offenen Formen am Theater wird es einen aufschlussreichen Artikel in der neuen jungen bühne geben. Die Ausgabe erscheint Ende September und ist dann auch online erhältlich.

 

 

Vielen Dank an die Projektleiterin Sigrid Scherer von der BHF-BANK-Stiftung für zahlreiche Fotos und Auskünfte!

 

 

 

UNART ist ein Performancewettbewerb für Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren. Er findet in jeder zweiten Spielzeit am Deutschen Theater in Berlin, am Thalia Theater in Hamburg, am Staatsschauspiel Dresden und am Schauspiel Frankfurt statt. Pro Theater werden für das Finale sieben Bewerbergruppen ausgewählt, die mit Unterstützung durch Coaches fünfzehnminütige Performances entwickeln und auf einer professionellen Stadttheaterbühne zeigen. Zwei von einer Jury je Stadt bestimmte Gruppen fahren nach dem Finale zum BEST OF UNART. Der Bewerbungsschluss ist in allen Regionen nicht vor Ende September. Genaue Daten und weitere Infos hier.