Thema des Monats - November 2017

"Terror" - Polarisierend, erschreckend. Realistisch?

 

Eine Frage. Eine Frage die entscheidet. Über ein Leben hinter Gittern, ein Leben ohne Familie, ein Leben auf neun Quadratmetern. Aber auch eine Frage, die Genugtuung bringen kann, den Angehörigen der Opfer. Eine fiktive Frage. Und doch hat genau diese eine Frage der Theaterwelt des vergangenen Jahres ihr wohl meist gespieltes, aber auch meist diskutiertes und kritisiertes Theaterstück verschafft.


Von Corinna Höfel

 

Warum sich die Medien wie auch Theaterbesucher auf „Terror" von Ferdinand von Schirach gestürzt haben, ist offensichtlich: Das 2015 uraufgeführte Drama hat mitten hinein getroffen in den Nerv der Zeit. Polarisierend, erschreckend. Realistisch?

 

Ein Flugzeug, entführt von Terroristen, nimmt Kurs auf ein voll besetztes Stadion. Ein Soldat schießt es gegen den Befehl seiner Vorgesetzten, wie auch gegen das reale Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2006 ab, es sterben alle 164 Menschen an Bord. Nun steht er dafür vor Gericht, und die Zuschauer sind seine Richter.

 

Szene aus "Terror" am Wallgraben-Theater Freiburg; Foto: Matthias Kolodziej

 

Gerichtsdramen gab es bereits in der Antike. Es wurden Präzedenzfälle verhandelt, dem Publikum wurde eine Moral vorgelebt, die Zuschauer sahen eine Gesamthandlung, die komisch, oder auch tragisch enden konnte, aber stets mit einer unfehlbaren Handlungsmaxime, versteckt hinter absurden Figuren oder vermeintlich juristisch-korrekten Urteilen. Unter anderem brach Bertolt Brecht dieses Muster fiktiver Realität mit seinem epischen Theater des 20. Jahrhunderts auf: Die Zuschauer wurden in die Bühnenwelt hinein geholt, oder anders gesagt, die Grenze zwischen Spiel auf der Bühne und Passivität auf den Rängen existierte nicht länger. Im „Kaukasischen Kreidekreis" beschließt Richter Azdak das salomonische Urteil über den Verbleib des Fürstenkindes, indem er die biologische, aber lediglich am Erbe interessierte Mutter und die gutherzige Bedienstete, welche sich nach den Wirren des Aufstands gegen das Fürstenhaus um das Kind gekümmert hat, um das Kind kämpfen lässt: Sie sollen in zwei Richtungen an ihm ziehen, und wer es zuerst auf seine Seite des Kreises bekommt, gewinnt die Mutterschaft. Die Magd verweigert sich dieser brutalen Aufgabe, und gewinnt das Recht für sich, nachdem sie durch den bisherigen Verlauf des Stückes auch schon die Herzen der Zuschauer für sich gewinnen konnte - auch, wenn Brecht sich alle Mühe gegeben haben will, solch eindeutige Sympathiezuweisung oder gar Identifikation mit seinen Figuren zu verhindern. Die Aktivierung der Zuschauer sollte im Vordergrund stehen, die Einordnung der Szene in das große Ganze, um ein tieferes Verständnis für die zugrundeliegende soziale Kritik zu gewinnen. Dabei zielt Brechts Aktivierung vorwiegend auf die Zeit nach dem Besuch einer Aufführung oder nach der Lektüre des Stücks. Die Menschen sollen sich ihre eigenen Gedanken bilden.

 

Anders funktioniert „Terror" von Schirach. In seinem Text gibt es zwei Schlussfassungen, zwei Urteilsverkündungen: schuldig oder nicht schuldig. Der Vorsitzende betont im Verlauf des Stücks mehrmals, dass die Richter, also die Zuschauer, nur anhand dessen urteilen sollen, was sie an diesem Tag auf der Bühne wahrnehmen. Diese Idealvorstellung geht davon aus, dass jeder im Publikum in der Lage ist, klar und eindeutig sein Unterbewusstsein, sein Vorwissen und auch die aktuelle (politische) Lage in der Welt zu abstrahieren und auszublenden. Dass das kaum zu bewerkstelligen ist, erscheint offenkundig.

 

Schirach sagte in einem Interview *1, es käme eigentlich gar nicht darauf an, ob der Soldat verurteilt oder freigesprochen würde, sondern darauf, dass klar werde, wie dringend die damit verbundenen Fragen seien. Mit dieser Aussage rückt die Bedeutung der Abstimmung der Zuschauer fast schon wieder in den Hintergrund. Dennoch ist es gerade die Einbindung des Publikums in den theatralen Gerichtsprozess, was das Interesse an dem Stück geweckt hat, sodass es 2016 sogar verfilmt wurde. Ebenfalls mit Zuschauerabstimmung. Die Ergebnisse der Theateraufführungen zeigen ein deutliches Urteil: zum Zeitpunkt dieses Artikels*2 wurde bei 91,4% der Aufführungen für einen Freispruch gestimmt, mit durchschnittlich 60,9% der richtenden Zuschauer. Die wenigsten von ihnen waren jedoch mit dem schwarz-weißen Abstimmungsmenü zufrieden, wie eine Umfrage zeigte*3. Sie monierten die fehlenden Details zu den Folgen einer Verurteilung, fühlten mit den Figuren und empfanden Verteidiger und Angeklagten durchweg sympathischer als Staatsanwältin und Nebenklägerin. Von einem objektiven Urteil kann keine Rede sein. Doch die Zuschauer kommen ins Theater, um sich einbringen zu können, selbst eine Rolle zu übernehmen, und vielleicht auch, um ein klein wenig mehr Macht zu spüren, als in ihrem Alltag - und im Anschluss an die Aufführung wird diskutiert. Nicht nur über Schauspielleistung, sondern über Inhalte. Und hier reiht sich auch Schirachs Stück in die lange Tradition der (Justiz-) Dramen ein: durch beispielhafte Prozesse wird das eigene Denken und Urteilsvermögen geschärft, die Vorstellungskraft gestärkt und Essentielles für das eigene Leben aus dem Theatervorgang extrahiert. Das alles war, ist und sollte auch für immer eine wichtige Charakteristik von Theater sein.

 

*1) Die deutsche Bühne, 08/2016.
*2) terror.theater, Stand: 23.09.2017.
*3) Es wurden 261 Theaterbesucher befragt im Anschluss an insgesamt sieben Aufführungen im Theater Trier sowie im Wallgraben Theater Freiburg.


Der Artikel ist im Anschluss an die Zulassungsarbeit (Abschlussarbeit) der Autorin Ende September 2017 entstanden.

Corinna Höfel; Foto: privat


Die Autorin


Studium: seit 2012 Gymnasiallehramt Deutsch, Geographie, Französisch; davor abgeschlossener Bachelor of Science in Geographie und Meteorologie/Klimatologie (beides an der Universität Freiburg)

 

Bezug zum Theater: seit 2012 Schauspielerin und Regisseurin beim Unitheater, nebenher Statistin am Stadttheater Freiburg und Leiterin der Mittelstufen Theater AG an einem Freiburger Gymnasium