Foto: Sebastian Autenrieth
Foto: Sebastian Autenrieth

Thema des Monats - Februar 2019

Junge Perspektiven auf Diversität kommen im öffentlichen Diskurs oft zu kurz

 

Das Stück „My own secret bubble. A prison." feierte im November 2018 Premiere in der Nürnberger Tafelhalle. Regisseurin und Schauspielerin Andrea Hintermaier entwickelte mit drei Jungdarsteller*innen aus Deutschland und den USA eine fiktive Erzählung zum Thema gesellschaftliche Vielfalt, die auf einer umfangreichen dokumentarischen Recherche in verschiedenen Communities basiert. Im Februar wird die Produktion in die Nürnberger Partnerstadt Atlanta übertragen. Julia Opitz hat das künstlerische Team zum Gespräch getroffen.

 

Liebe Andrea, was verbirgt sich hinter dem Titel „My own secret bubble. A prison."?

 

ANDREA: Gemeinsam mit drei Jungdarsteller*innen habe ich ein Stück zum Thema Diversität entwickelt. Die Rahmenhandlung ist fiktiv: Drei Menschen beschließen, da sie sich durch verschiedene Formen von Diskriminierung gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen, den Planeten Erde zu verlassen, wissen dabei aber noch nicht, dass sie in ein wiederum unmenschliches System geraten, in dem sie vorerst erneut diskriminierenden Strukturen ausgesetzt sind. Auf dem fernen Planeten - festgehalten in Glasboxen - sind sie von der Außenwelt abgeschirmt und versuchen auch hier ihre Freiheit wieder zu erlangen. Der Plot entstand aus einer breiten Recherchearbeit, die ich mit meinem Team über mehrere Monate hinweg durchführte.

 

Wie kamst du auf die Idee, mit dem Thema Diversität auf der Bühne arbeiten zu wollen?

 

ANDREA: Ich war mit meinem Kurzfilm auf dem Filmfest in Atlanta und habe dort die Mutter von Royce Mann Stuart kennengelernt, der ja die bekannte black-lives-matter-poetry gemacht hat. Und wir sind dann ins Gespräch gekommen, haben festgestellt, dass wir beide mit Jugendlichen arbeiten und diese einen ganz eigenen Standpunkt zum Thema Diversität haben, der im öffentlichen Diskurs oft zu kurz kommt. Auch sprachen wir darüber, dass viele Communities ähnliche Formen der Ausgrenzung erleben. Dass wiederum aber auch die Communities untereinander sich oft nicht ganz „koscher" sind und sich nicht zueinander öffnen. People of color empfinden häufig Homosexualität als verpönt, ich habe muslimische Freund*innen, die people of color spooky finden, Feminist*innen sind gegen Hidschāb und so weiter. Da haben wir uns eben gedacht, dass es wichtig wäre, sich einmal genauer mit einerseits der Thematik im Allgemeinen, aber auch mit dem Funktionieren der einzelnen Communities in sich zu beschäftigen.


Wie bist du dann weiter vorgegangen?

 

ANDREA: Es war recht schnell klar, dass wir das Projekt in den Partnerstädten Atlanta, wo die Idee geboren wurde und Nürnberg, wo ich u.a. auch mit Geflüchteten gearbeitet hatte, umsetzen wollen. An beiden Orten gab es Ressourcen, auf die wir zurückgreifen konnten. Es fanden sich dann das Push Theater in Atlanta und die Tafelhalle in Nürnberg als Partnertheater.

 

Der Plot ist ja fiktiv, ihr habt aber verschiedene dokumentarische Rechercheformen angewendet, um ihn zu entwickeln. Wie genau kann man sich das vorstellen?

 

Wir alle, also die drei Spieler*innen, meine Regieassistentin und ich selbst, haben viele Interviews in verschiedenen Communities geführt und breit recherchiert. Da ich selber ja auch Schauspielerin bin, finde ich es wichtig, dass man viel Forschungsarbeit betreibt. Ricco zum Beispiel bleibt im Stück sehr nah an der Geschichte seines Interviewpartners Abir, der seine Heimat aus politischen Gründen verlassen musste. Ricco hat Abir einmal getroffen, hörte sich das Interview mit ihm während des Probenprozesses aber regelmäßig an und generierte daraus ein ganz bestimmtes Gefühl bzw. seine eigene Spielweise.


Vielen im Team ging das Erzählte oft sehr nah. Es war klar, dass die Geschichten und Beschreibungen einen künstlerischen Rahmen brauchten, einerseits damit emotionale Distanznahme möglich war aber auch, um künstlerisch 1:1-Abbildungen zu vermeiden.

 

Ganz generell wollten wir, wie schon angedeutet, die Meinungen und Positionen der jungen Menschen, über die wir erzählen, mit abbilden. Emmi und ich haben zum Beispiel auch gemeinsam Workshops mit Menschen aus Trans- und Gay-Communities durchgeführt. Außerdem war ein wichtiger Teil des Projekts die Zusammenarbeit mit dem sog. FAN-Projekt in Nürnberg, die eine Art Fußballfanbetreuung machen. Eine unserer Bühnenfiguren ist eine Fußballerin - so kam der erste Bezug zum dem Thema. Im Kontext Fußball gibt es ja auch viel Sexismus, Homophobie und Rassismus. Darüber haben wir mit den Fans diskutiert und dieser Austausch bildete dann auch einen wichtigen Teil unserer Recherche fürs Stück.

 

Übergeordnet ging es uns darum, dass die einzelnen Communities alle gemeinsam in einem Raum zusammenkamen - in unserem Falle in der Tafelhalle - sich begegneten und sich gleichzeitig repräsentiert und gesehen fühlten durch das, was auf der Bühne erzählt wurde. Ich bin sehr gespannt, wie das in Atlanta sein wird.

 

Vielen Dank für die interessanten Einblicke, liebe Andrea.

 

Hallo Ricco, Natalie und Emmi. Schön, dass ihr da seid.
Worum geht es für euch in „My own secret bubble. A prison." ?

 

RICCO (21 Jahre): Für mich geht es bei dem Stück um Vielfalt, um Diversität aber auch um Themen wie Rasse, Geschlecht, Kultur und Religion.

 

NATALIE (22 Jahre): Ja genau und es geht um soziale Isolation und vor allem auch darum, wie diese innerhalb und zwischen scheinbar gut funktionierenden Gemeinschaften existieren kann.

 

Ihr drei spielt die Protagonist*innen im Stück, die alle verschiedene Formen von Diskriminierung erfahren. Was könnt ihr jeweils über eure Figuren erzählen?


EMMI (16 Jahre): Ich spiele eine Fußballerin, die immer hört, dass es nicht legitim sei, Dinge zu tun, die eigentlich - folgt man den Stereotypen - nur Männer oder Jungs tun. Sie ist also damit konfrontiert, dass sie nicht geeignet oder nicht gut genug ist. Auch von den Liebenden um sie herum erfährt sie Skepsis und viel zu wenig Akzeptanz. Sie fühlt sich alleine, es gibt niemanden, der sagt, dass es gut ist, was sie tut. Darum beschließt sie, das Raumschiff in eine neue, friedlichere Welt zu nehmen.

 

RICCO: Ich spiele einen jungen Mann, der auf Grund politischer Verfolgung aus Äthiopien nach Deutschland flüchtet und schnell erfährt, dass rassistische Denkmuster und Strukturen viel ausgeprägter existieren, als er gedacht hätte. Er bleibt fremd und kämpft auf vielen Ebenen erfolglos um würdevolle Anerkennung. Daher entscheidet auch er sich, das Raumschiff auf einen „besseren" Planeten zu nehmen.

 

NATALIE: Meine Figur ist eine junge Ägypterin, Muslimin und lesbisch. In ihrer Heimat wegen ihrer Homosexualität diskriminiert, lastet in Amerika, wo sie eigentlich studieren und eine Art neue Freiheit erlangen möchte, ein Terrorismus-Vorwurf auf ihr und das Thema religiöse Zugehörigkeit bleibt omnipräsent. Sie beschließt weiterzuziehen, da sie frei sein und einfach geliebt werden will.


Im Stück seid ihr die meiste Zeit in Glasboxen isoliert, könnt nur schwerfällig kommunizieren und bleibt mit eurem sog. „Anderssein" konfrontiert. Wie wart ihr am dokumentarischen Rechercheprozess für den Plot beteiligt?

 

RICCO: Wir alle haben Überthemen bekommen, zu denen wir recherchieren und Interviews führen sollten. Meines war Rasse. Ich habe viele Leute aus Äthiopien und aus Ghana interviewt - so eben auch Abir, dessen Geschichte die Grundlage meiner Figur bildet- und ihnen zum Thema Religion und gesellschaftlicher Vielfalt Fragen gestellt.

 

EMMI: Also ich habe zum Thema Sexualität und Gender Interviews geführt. Es ging hauptsächlich darum, was „typisch" Mädchen und was „typisch" Junge sein soll. Diese Frage habe ich unterschiedlichen Leuten gestellt, die ganz unterschiedlich alt sind und unterschiedliche Dinge tun.

 

NATALIE: Ich hatte den Schwerpunkt Religion, spezifisch Islam. Ich interviewte einige Leute vor allem jüngere Frauen, die in etwa mein Alter hatten und fragte sie, was es bedeutet, eine junge muslemische Frau in einer westlichen Welt zu sein.

 

EMMI: Andrea hat dann aus allen unserer Interviews Inspirationen genommen bzw. aus dem gesamtem Recherchematerial die Charaktere und die Handlungen von „My own secret bubble" entwickelt.

 

Wie hat eure Zusammenarbeit euren Blick auf euch selbst aber auch die Gesellschaft verändert, was hat euch nachhaltig berührt, zum Nachdenken gebracht?

 

NATALIE: Ich bin in Nashville aufgewachsen und es ging mir dort gut. Ich habe also nie in einer Umgebung gelebt, die so bedrückend war, wie jene einiger meiner Interviewpartner*innen. Meine Sexualität zum Beispiel konnte ich sehr geschützt erfahren und entdecken. Mit Menschen in Kontakt zu kommen, denen es da ganz anders geht, die es schwer haben und vor immer wieder neuen Hürden stehen, hat mich sicher berührt und mich auch auf eine Art und Weise schuldig fühlen lassen. Insgesamt habe ich super viel Neues gelernt, auf allen Ebenen. Das wird meine Perspektive auf das Thema Diversität verändern.

 

EMMI: Mich hat die Arbeit insgesamt sehr berührt. Ich habe nie etwas Vergleichbares zu all den Geschichten, die wir kennengelernt haben, erlebt, da ich ganz anders aufgewachsen bin. Dennoch konnte ich mich irgendwie gut mit den gehörten Geschichten identifizieren, bzw. ich habe ihnen gerne gelauscht. Ich glaube der gesamte Recherche- und Probenprozess hat viel verändert bei mir und mich sensibilisiert.

 

RICCO: So nah an so bewegenden Geschichten zu sein und sie auf der Bühne abstrakt nachzuerzählen bleibt ein einmaliges Erlebnis.

 

Danke für das interessante Gespräch euch allen und alles Gute für die Übertagung nach Atlanta!


TEAM:
Regie: Andrea Hintermaier / Schauspiel: Emmi Büter (DE), Ricco Jarret Boateng (DE) und Natalie Risk (US) / Bühne und Kostüm: Sandra Dehler / Dramaturgie: Gunnar Seidel, Katja Kendler / Konzept: Andrea Hintermaier, Katja Kendler und Sheri Mann Stewart / Autorin: Andrea Hintermaier / Choreografie: Alexandra Rauh / Sounddesign: Bastus Trump / Assistenz: Jana Lindner / Hospitanz: Julia Thurn, Rene Gerner / Produktion: Andrea Hintermaier, Sebastian Häupler und Gunnar Seidel

 

Zur Kritik über die Premiere des Stücks in Nürnberg geht es hier.