Thema des Monats - Juli 2019

„Die Bühne ist für alle da."


#Mensch - so heißt nach „Odyssee_21" das zweite Partizipationsprojekt des Hessischen Staatsballetts, bei dem sich 80 Tanzbegeisterte aus dem Rhein-Main-Gebiet die Frage nach der Zukunft stellen und welche Rolle der Körper im digitalen Zeitalter noch spielen kann und wird. Zunächst in Darmstadt und dann in Wiesbaden kommt das Projekt unter der Leitung von Tim Plegge und den beiden Tanzvermittlerinnen Nira Priore Nouak und Sibylle Magel auf die Bühne.


Die junge bühne sprach mit der Dramaturgin Lisanne Wiegand und den beiden Wiesbadener Teilnehmerinnen Marie und Maja, beide 14 Jahre alt, vor der Premiere über ihre Erfahrungen.

 

Foto: Varvara Kandaurova


80 Leute, Jung und Alt, mit verschiedenen Hintergründen und Vorerfahrungen auf einer Theaterbühne zusammenzubringen. Dabei gemeinsam etwas zu erarbeiten, das am Ende zu einer zusammenhängenden Choreographie werden soll - also das stelle ich mir ganz schön aufregend vor.


Lisanne Wiegand (lacht): Oh ja, das ist tatsächlich spannend!


Marie: Gerade sind die Bühnenproben losgegangen. Da sind wir zum ersten Mal alle aufeinandergetroffen. Die Bühne war total voll. Vier Stunden lang haben wir geprobt. Am Anfang ging es total wuselig zu...


Maja: ...aber als die Musik losging, wusste jeder sofort, was er zu tun hatte. Das hatte dann trotz der vielen Menschen etwas sehr Geordnetes.


Mit den Bühnenproben seid Ihr ja sozusagen im „Probenendspurt". Mittlerweile liegt fast ein ganzes Jahr #Mensch hinter Euch, erzählt doch mal von Anfang an. Wie seid Ihr überhaupt zu dem Projekt gekommen?


Maja: Mein Vater hat mir davon erzählt. Der hatte einen Aushang an meiner Schule gesehen. Ich fand das Thema sofort gut. Ich meine, das betrifft uns alle total. Ich mache viel mit meinem Handy, gehe jeden Tag ins Internet. Man will immer online, immer aktiv sein in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder auf Instagram. Das alles in Bewegungen, in Tanz umzusetzen, finde ich sehr interessant.


Lisanne Wiegand: Wir stellen ganz bewusst die Frage nach dem Körper in der Zukunft. Welche Auswirkungen hat das digitale Zeitalter auf den Körper, brauchen wir den dann überhaupt noch...


Sie meinen, weil alles nur noch virtuell abläuft?


Lisanne Wiegand: Ja genau. Aber was ist mit Berührungen. Wir haben zum Beispiel in einer unserer Proben eine Übung gemacht, in der die Tänzer möglichst eng nebeneinander herlaufen, ohne sich zu berühren. Daran schließt die Frage an, was mit unserer Haut passiert in einer berührungslosen Zeit. All diese Fragen nach dem Körper hängen sehr eng mit dem Tanz zusammen. Schließlich ist der Tanz etwas extrem Körperliches.


Marie: Genau das gefällt mir am Tanz so gut, Emotionen rüberzubringen, ganz loslassen zu können vom Alltag und vom Stress, sich eben ausdrücken zu können in großen und kleinen Bewegungen.


Maja: Das geht mir ganz genau so, Marie. Ich mag die flüssigen Bewegungen. Daher habe ich bereits in vielen Tanzschulen getanzt, Ballett, Hip-Hop und Street Dance. Ich finde, es gibt keine andere Sportart, bei der ich mich so gut ausdrücken kann wie im Tanz. Ich habe zumindest bis jetzt noch keine gefunden.


Marie: Ich habe auch schon vor # Mensch getanzt, Street Dance und Show Dance. Zu dem Projekt habe ich mich dann gemeinsam mit zwei Freundinnen angemeldet. An unserer Schule, der Alexej von Jawlensky Schule, wurde das als ganzjährige AG angeboten.


Das heißt, Ihr beiden habt Euch bei den Proben kennengelernt?


Marie: Richtig, wir kommen von unterschiedlichen Schulen. Am Anfang hat man das bei den Proben auch gemerkt. Ich meine, dass wir uns untereinander alle noch nicht richtig kennen. Das haben wir schon spüren können.


Maja: Wir waren einfach nur höflich und freundlich zueinander. Aber Woche für Woche haben wir uns mehr geöffnet und uns gegenseitig voneinander erzählt. Das hat Vertrauen geschafft.


Marie: Jetzt fühlen wir uns einfach als eine Gruppe. Ich glaube, man kann schon sagen, wir haben uns über die Proben hinaus ziemlich angefreundet.


Wie liefen die Proben denn konkret ab?


Lisanne Wiegand: Wir haben uns natürlich zunächst einmal viel im Gespräch miteinander mit der Zukunft auseinandergesetzt. Wie sieht die Welt in 100 Jahren aus? Oder was machen wir, wenn wir nur noch 60 Minuten zu leben hätten und dann ginge die Welt unter.


Marie: Daraus hat dann jeder ein Solo für sich kreiert. Das habe ich noch nie zuvor gemacht. Ich habe in den Proben gelernt, Geschichten, Fragen, Emotionen oder auch einfach nur einzelne Adjektive in Bewegungen zu übersetzen. Das Tolle war, dass wir richtig mitentscheiden durften, was am Ende in die Choreographie einfließt.


Maja: Zum Beispiel finden sich manche der Aufwärmübungen, die wir gemacht haben, auch in der Aufführung wieder. Ehrlich gesagt habe ich in den ersten Wochen gar keinen Zusammenhang gesehen zwischen den einzelnen Übungen und Elementen. Aber jetzt erscheint das alles logisch für mich, wie verschiedene Steinchen, die am Ende ein großes Mosaik ergeben.


Lisanne Wiegand: Das Schöne bei der Probenarbeit war, dass Menschen mit so vielen verschiedenen Perspektiven aufeinandertrafen.


Sie meinen, an dem Mosaik, von dem Maja spricht, mitgearbeitet haben?


Lisanne Wiegand: Sehen Sie, ein 74-Jähriger hat natürlich eine ganz andere Perspektive auf die Zukunft als eine 14-Jährige. Und so groß war die Altersspanne der Teilnehmerinnen tatsächlich. Wir sind ja in vier Gruppen in die Proben gestartet, je eine Gruppe Erwachsene und eine Gruppe Jugendliche in Wiesbaden und Darmstadt. Gerade die Darmstädter Gruppe war sehr durchmischt, was die Herkunft und die Vorerfahrung mit dem Theater anbelangt. Und das waren auch nicht die üblichen Verdächtigen, die ich in den Aufführungen des Hessischen Staatsballetts sehe. Aber das Schöne ist, im Tanz, in der Bewegung treffen sich alle wieder. Deswegen sprechen wir in unseren Partizipationsprojekten wie #Mensch auch nicht von Laien, sondern von Tanzbegeisterten.


Und diese „Tanzbegeisterten" erobern nun mehr und mehr das Theater?


Lisanne Wiegand: In der Tat beobachte ich in den vergangenen Jahren ein verstärktes Bedürfnis nach Teilhabe. Das spiegelt sich in den zahlreichen Spielclubs und Bürgerbühnen wider. Unsere Tanzclubs sind zum Beispiel seit drei Jahren immer voll und auch die Repertoire-Workshops, in denen wir versuchen, Bewegungen erfahrbar zu machen, haben eine große Nachfrage. Wir können diesen regelrechten Ansturm gar nicht immer bedienen. Das Bedürfnis nach Teilhabe ist aber ein beiderseitiges. Und gerade bei den Tanzprojekten machen wir viele Erfahrungen und dürfen viel über Menschen lernen.


Welche Erfahrungen nehmt Ihr aus # Mensch mit?


Marie: Was sich für mich durch das Projekt verändert hat ? Also, als kleines Mädchen dachte ich, wer auf dieser Bühne auftritt, der muss echt super sein und sein Geld damit verdienen. Durch das Mitmachprojekt habe ich gelernt, die Bühne ist für alle da. Das Theater ist offen auch für die, die nicht ihr Geld damit verdienen.


Maja: Theoretisch kann jeder ein Theaterstück auf dieser Riesenbühne aufführen, egal wie groß seine Erfahrung ist.