Thema des Monats - November 2019

Renaissance mit Loops

 

Der junge Komponist Samuel Penderbayne erzählt, wie in einem kollektiven Arbeitsprozess die Musik zu seiner Oper „Die Schneekönigin“ entstanden ist

 

WhatsApp-Dialog zwischen Hanna und Samuel in DDB 10/2019

 

Der Entwicklungsprozess meiner Oper „Die Schneekönigin" ähnelte dem, was ich mir unter einer „Renaissance-Werkstatt" vorstelle: ein wundervolles Durcheinander von allen Beteiligten in einem Atelier oder auf einer Baustelle. Wo die Ideen des einen anfangen und die einer anderen aufhören, kann ich nicht genau sagen. Jedenfalls ist es uns klar, dass eine solche Werkstatt starke Künstlerpersönlichkeiten braucht, und deshalb sind wir sehr glücklich, Hanna Plaß als unsere Schneekönigin im Ensemble zu haben.

 

Als eine vielseitige Schauspielerin mit starkem musikalischen Talent spielt Hanna gleich drei Königinnen im Stück: die Schneekönigin, die Blumenkönigin und die Räuberkönigin. Wir verstehen sie als Schwestern. Sie bringen unterschiedliche ästhetische Elemente ins Bühnengeschehen hinein und deuten dramaturgisch dabei auf die „andere Welt", die die Heldin Gerda noch nicht kennt, aber im Verlauf des Stückes kennenlernen wird. Dieses Konzept hat mich als Komponisten zutiefst angesprochen: In den letzten Jahren habe ich mich fast ausschließlich mit der Idee beschäftigt, ästhetische Mittel auf die Bühne zu bringen, die ich dort nicht erwarten würde, also die Tradition durch Ungewohntes zu konterkarieren und zu erweitern.

 

Hanna wird auf verschiedene Weise ins Sänger- und Musikerensemble integriert. Einerseits haben wir mindestens eine Stelle gefunden, wo sie als Bandleaderin agieren kann. Um die Musik dafür zu entwickeln, arbeiteten wir mit Stichworten: „Hanna, bitte diesen Text im Stil von Gloria Gaynors ,I Will Survive‘ - und, GO!". Durch solche Improvisationen entstehen Freiräume, und die Partitur wird aufgelockert. Es gibt aber auch Passagen, wo Sprechtext lückenlos zwischen und sogar innerhalb einer durchkomponierten Musik stattfindet. Dafür habe ich Loops (Musikfragmente, die sich wiederholen) eingebaut, die quasi „hinter" den gesprochenen Texten ablaufen, bis der Moment vorbei ist und die durchkomponierte Musik weitergeht. Dazu gibt es einige Passagen, wo ihre Stimme als Singstimme zu den Opernsängern und Opernsängerinnen dazugenommen wird. Hier musste ich als Komponist auf die akustische Bilanz und musikalische Funktion der Miteinbindung neben den Opernstimmen achten, bin aber überzeugt, dass es klappt.

 

All das habe ich auch immer wieder in einer endlosen Kette von WhatsApp-Nachrichten mit Hanna abgesprochen. Die Tatsache, dass sie als Nichtopernsängerin auf einer Opernbühne singt und dabei eine Hauptrolle übernimmt, hat mich dazu getrieben, über die üblichen Formen der Oper hinauszudenken. Dies wurde von der Regisseurin Brigitte Dethier verstärkt - sie ist eine weitere Außenseiterin, die von außerhalb der Operntradition kommt! Zum Beispiel schnellere Fokuswechsel: Eben noch macht eine nachdenkliche Sopranarie den Gefühls- und Gedankenraum groß auf, schon kommt ein temporeicher Dialogblock, der die Erzählung vorantreibt. Vor allem hat es bereichert, was und wie ich musikalisch erzählen möchte, weil ich nicht nur Melodien, Rhythmen, Motive und Stimmungen in der Partitur festgelegt habe, sondern mein persönlicher Eindruck von Hannas Agieren auf der Bühne und in gewissen Textstellen in den Kompositionsprozess mit eingeflossen ist.

 

Dafür waren unsere Workshops absolut unverzichtbar, weil die Figur der Schneekönigin nicht allein durch mich in der Partitur entstanden ist, sondern durch Improvisationen im Vorfeld zur Hauptphase der Komposition. Großartig war, dass Hanna meine Vorstellungen von der Schneekönigin völlig auf den Kopf gedreht hat, mir dabei aber das Gefühl vermittelt hat, dass es schon immer so gehörte. Ich hatte ein etwas naives Bild der Figur im Kopf - irreal mystisch, ziemlich seriös, sehr reif bis alt. Dann wurde die Schneekönigin in Hannas Händen ganz anders: hyperreal, aber dafür noch viel mystischer; frech und verspielt, aber dafür noch seriöser; jugendfrisch, aber mit einer allwissenden Reife.

 

Diese Arbeitsproben haben uns befeuert, und bald hatten wir mit jeder Darstellerin und jedem Darsteller offene Entwicklungssessions, in denen sie ihre eigenen Ideen, Tipps und Material zu den jeweiligen Charakteren eingebracht haben. Es fühlte sich wirklich wie eine „Renaissance-Werkstatt" an, wo alle sich in die Rollen der anderen hineindenken und helfen, um möglichst viele Perlen aus diversen Perspektiven zu entdecken.

 

Auszüge aus dem WhatsApp-Dialog zwischen Hauptdarstellerin Hanna Plaß und dem Komponisten, entstanden während der Entwicklungsphase ihrer Partie, könnt ihr unter facebook.com/jungebue und twitter.com/junge_buehne nachlesen. 

 

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Samuel Penderbayne wurde 1989 in Canberra, Australien, geboren. Nach seinem Studium der Komposition in Sydney und bei Moritz Eggert in München zog es den Sänger und Instrumentalisten nach Hamburg, wo er lebt und arbeitet. In seinem Werk verbindet er klassische Musiktradition mit modernen Elementen aus Pop, Rock, Jazz und Elektronik. Er promovierte an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg über die Verbindung moderner Musikgenres mit der klassischen Kompositionstradition. Im April 2018 wurde an der „Opera stabile" der Hamburgischen Staatsoper sein Musiktheaterwerk „I.th.Ak.A" in der Regie von Paul-Georg Dittrich uraufgeführt.

 

Der Text ist in der Ausgabe von DIE DEUTSCHE BÜHNE 10/2019 erschienen.