Thema des Monats - Januar 2020

Jugend ohne … was eigentlich?

 

Horváth liegt im Trend. Drei Werke des österreich-ungarischen Autors wurden allein in Berlin in den letzten zwei Jahren auf die Bühne gebracht. Nun auch „Jugend ohne Gott". Wir haben die zwei Berliner Inszenierungen der Schaubühne und des Maxim Gorki Theaters unter die Lupe genommen. Unterschiedlicher könnten die beiden kaum sein.

 

Von Sophie Vondung

 

„Was verdanke ich Adolf Hitler?", fragt Jörg Hartmann am Anfang des Stücks. In schwarzer Hose und schwarzem T-Shirt steht der Hauptdarsteller vor dem Publikum der Berliner Schaubühne. Die Antwort: Alles. Brücken, Straßen, die Wehrmacht, zählt er auf. Die Lobrede stammt aus dem Jahr 1935, von einem Horst R. aus Braunschweig. Erst danach schlüpft Hartmann in sein Kostüm, das ihm eine Schülerschar anreicht: breite Hose mit Bügelfalte, Hosenträger, Krawatte. Damit schlüpft er gleichzeitig auch in seine Rolle: Die des Lehrers, aus dessen Sicht Horváth seine Geschichte erzählt.


In einem Exilverlag in Amsterdam veröffentlichte Ödön von Horváth 1937 „Jugend ohne Gott". Ein Jahr später wurde der Roman von den Nazis in die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" aufgenommen. Nun hat Thomas Ostermeier die Geschichte auf die Bühne gebracht. Seine Inszenierung feierte vergangenen Juli bei den Salzburger Festspielen Premiere.


Menschlichkeit versus Vaterland


Eine Szene greift rasch in die nächste und die Darsteller wechseln ihre Rollen vom Sohn zum Vater oder vom Schüler zum Priester. So übernimmt das siebenköpfige Ensemble alle 47 Rollen des Stücks. Die Darsteller rollen Pulte herbei und schon sitzt der Lehrer in einem Klassenraum und korrigiert Aufsätze. Das Thema: Warum brauchen wir Kolonien? Schüler N (Damir Avdic) schreibt von der Überlegenheit der weißen Rasse. Alle Afrikaner sind „hinterlistig, feig und faul". Sinnlose Verallgemeinerung, will der Lehrer danebenschreiben, aber da schallt dieselbe Aussage aus dem Volksempfänger, dem Radio der NS-Zeit. Was im Radio kommt, darf ein Lehrer nicht als Fehler markieren. Als er im Unterricht sagt, Afrikaner seien doch auch Menschen, verlangen die Schüler einen anderen Lehrer. Die „Humanitätsduselei" des Lehrers sei nicht mit dem Glauben ans Vaterland vereinbar.

 

Jörg Hartmann in "Jugend ohne Gott" an der Schaubühne; Foto: Arno Declair


Im Zeltlager, wo die Klasse militärisch ausgebildet werden soll, kommt es zum Streit. Schüler Z (Laurenz Laufenberg) beschuldigt seinen Klassenkameraden N, das Schloss aufgebrochen und sein Tagebuch gelesen zu haben. In Wirklichkeit ist der Lehrer der Schuldige. Doch der schweigt, anstatt das Missverständnis aufzuklären. Am Ende liegt N tot im Wald, mit einem Stein am Kopf getroffen. Der Verdacht fällt auf Z. Es kommt zur Gerichtsverhandlung. Im Zeugenstand gesteht der Lehrer schließlich doch, das Tagebuch gelesen zu haben. Von dieser „Wahrheitsliebe" ermutigt, erzählt auch eine andere Jugendliche ihre Sicht der Geschehnisse und der Schuldige wird gefunden.


Im Stück wie auch in der Buchvorlage tritt der Lehrer als Moralapostel auf, der mehr Humanismus fordert und die moralische Verrohung seiner Schüler anprangert. Ein ehemaliger Kollege des Lehrers (hier von Bernardo Arias Porras brillant als verrückter Magier mit wirrem Haar dargestellt) beschreibt diese Empathielosigkeit als das „Zeitalter der Fische". In dem wird die „Seele des Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches". So starrt auch der wahre Mörder des N den Lehrer aus kalten Fischaugen an, bevor er sich das Leben nimmt. „Der Lehrer trieb mich in den Tod", schreibt er in seinem Abschiedsbrief. Schlaff hängt sein blasser, schlaksiger Körper am Ende in der Schlinge im Wald und verschwindet optisch beinahe zwischen den knochenfarbigen Baumstämmen.


Horváth ohne Aktualität?


Thomas Ostermeiers Inszenierung spielt in der NS-Zeit und versucht auch nicht, das Stück zu modernisieren. So hält sich die Inszenierung eng am Original. Anstatt zu modernisieren, lässt Ostermeier die Geschichte für sich sprechen und überlässt es dem Publikum, dessen Aktualität zu erkennen. Das Buch wird hier fast eins-zu-eins auf die Bühne „übersetzt", viel mehr traut sich die Inszenierung leider nicht.


Beim Publikum kommt das Stück dennoch an. Die 15-jährige Amelie hat das Buch auf Empfehlung ihres Lehrers gelesen und wollte die Geschichte dann auf der Bühne sehen. Die Inszenierung der Schaubühne hat sie überzeugt. „Es war sehr gut gespielt. Manche Charaktere waren mir direkt unsympathisch", sagt sie. Mitgenommen hat sie, dass es nicht nur einen Schuldigen gibt. „Oft hängen viele mit drin", sagt sie. Amelie glaubt an Gott. Irritiert hat sie deshalb, dass Gott im Stück für das Schlechte stehe. Wie kann Gott durch die Gassen gehen, die verhungernden Kinder sehen, und nichts tun, fragt der Lehrer während des Zeltlagers den Pfarrer. „Gott ist das Schrecklichste auf der Welt", antwortet der Pfarrer im Stück dem Lehrer.


„Gott ist die Wahrheit", heißt es im Gegensatz dazu in der Inszenierung am Maxim Gorki Theater in einem Monolog des Lehrers. Auch diese Inszenierung, die im vergangenen April Premiere feierte, hält sich teils eng am Text. Jedoch erzählen Autorin Tina Müller und Regisseur Nurkan Erpulat die Geschichte nicht chronologisch, sondern beginnen mit dem Ende. Die Überschrift der ersten Szene wird in großen weißen Schreibmaschinenlettern hinten auf die Bühne geworfen: „Das Verhör". Sieben Jugendliche stehen in einer Reihe und stellen die Gerichtsverhandlung nach, die am Ende des Buches stattfindet. Sie beschuldigen sich gegenseitig: „W ist der Mörder weil er Fußball mag, das ist so eine aggressive Sportart", heißt es zum Beispiel. Oder war es N? Der verteidigt sich: „Ich kann nicht der Mörder sein weil ich das Opfer bin". Hier gibt es nicht nur einen Täter und auch kein klares Opfer.


Das Spiel mit der Opferrolle greift auch auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis über. Denn der Lehrer ist hier als Stalker charakterisiert, der in die Privatsphäre seiner Schüler eingreift. Das Machtgefälle zwischen ihm und den Jugendlichen führt dazu, dass er sich alles erlaubt, und nicht nur das Tagebuch der N liest, sondern auch symbolisch zu den Schülern ins Zelt kriecht und ihnen seine Kamera ins Gesicht hält.


Politische Meinungen clashen aufeinander


Das Gorki-Theater erzählt den Generationenkonflikt aus Sicht der Jugendlichen selbst, anstatt den Lehrer (Denis Geyersbach) als Kritiker der Jugend auftreten zu lassen. Die Schüler, alle gespielt von sehr jungen Schauspielern und Schauspielerinnen, leiden unter überzogenen Erwartungen und Leistungsdruck. „Von mir wird erwartet dass ich aussehe wie ein Instagram-Model, den höchsten Schulabschluss mache, früh anfange zu arbeiten", zählt Schülerin B (Liv Stapelfeldt als Umbesetzung für Helena Simon) verzweifelt auf. Kein Wunder also, dass Aussteigerin E (Lara Feith) nicht mehr Teil dieser Leistungsgesellschaft sein will. „Ich bin nicht der Fisch in diesem Strom", stellt sie fest. Die Welt auf dieser ist Bühne radikal modernisiert: Was an der Schaubühne die Afrikaner sind, sind im Gorki-Theater die Ossis in Sachsen, wo die Schulklasse ihr Zeltlager macht. Im nahen Sägewerk wohnen statt armen Kindern Geflüchtete. Und Thema des Aufsatzes, mit dem das Buch beginnt, sind hier nicht die Kolonien, sondern „Internationale Arbeitsteilung auf dem globalen Markt".

 

Elena Simon in "Jugend ohne Gott" am Maxim Gorki Theater; Foto: Esra Rotthoff


Auch hier ist der Aufsatz ein Streitpunkt. Jedoch ist nicht der Lehrer, der sich gegen die rechte Gesinnung wehrt, das schwarze Schaf, sondern die Schülerin N (Tiffany Köberich), weil sie in ihrem Aufsatz das N-Wort verwendet. Der Lehrer kommt in Erklärungsnot, als er versucht, ihr klarzumachen warum man das Wort nicht sagen darf. Bemüht, niemandem auf die Füße zu treten, verheddert er sich in seinen Ausführungen. Auch, als der Lehrer einen Vortrag darüber hält, warum die AfD so gefährlich sei, kommt die Botschaft nicht bei den Schülern an. Stattdessen schalten sich die Eltern ein und wehren sich gegen die „ideologische Beeinflussung" ihrer Kinder durch den Lehrer.

 

Fridays for Future auf der Bühne


Die Inszenierung treibt ihre Modernisierung schließlich auf die Spitze, als sie am Ende auch noch das Thema Klimaschutz anspricht. „Du lebst auf Kosten meiner Zukunft", klagen die Jugendlichen die Generation ihrer Eltern an. Ein Schüler spricht Alexander Gersts Rede von der ISS nach, in der er sich bei seinen Enkelkindern entschuldigt. „Im Moment sieht es so aus als ob wir euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen würden", heißt es.


Der 13-jährige Arthur findet diesen Abschluss nicht stimmig: „Das Stück hatte dadurch zu viele verschiedene Botschaften", meint er. Der Schutz unseres Planeten, der Rechtsruck, gleichzeitig freie Meinungsäußerung. Das findet er zu viel der Moral. Er konnte aber durchaus Parallelen zwischen dem Stück und seinem Leben erkennen: „In unserer Klasse kam es auch schon dazu, dass die Schüler unsere Klassenlehrerin absetzten wollten", erzählt er. „Wie im Stück gibt es auch bei uns einige Außenseiter, und viele Mitläufer."


Für den 12-jährigen Samuel waren die unterschiedlichen politischen Meinungen im Stück eine Bereicherung. „Ich fand es gut dass unterschiedliche Positionen dargestellt wurden, mit denen sich der Zuschauer direkt konfrontiert sieht", sagt er.


Bootcamp für den Krieg


Das Stück habe sie mehr abgeholt, als es das in der Originalversion geschafft hätte, meint die 23-jährige Sonja. Besonders die Szene, in der B über die Erwartungen spricht, die ihre Umwelt an sie hat, hat Sonja angesprochen.


Man könnte also sagen, der Versuch, „Jugend ohne Gott" in die Gegenwart zu holen, ist geglückt. Trotzdem fehlt für Sonja der rote Faden. „Ziemlich verworren" findet auch der 19-jährige Georg die Inszenierung. Aber das Stück habe auch viele drastische und starke Momente. „Dass so ein Bootcamp auf den Krieg vorbreiten soll, sowas macht ja keine Schule heutzutage. Aber angesichts der erstarkenden Rechten sind wir jetzt in einer vergleichbaren Lage zu damals", meint Georg.


Aus einer anderen Perspektive blickt Lehramtstudentin Laura (30) auf die Inszenierung. „Ich konnte die Hilflosigkeit des Lehrers gut nachfühlen", sagt sie. Hilflos angesichts der „Gottlosigkeit" der Jugend? Nein, denn: „Jugend ohne Gott ist ein unpassender Titel", findet Laura. Es gehe ja gar nicht um Gott. „Für mich geht es vorranging um die moralische Verwahrlosung der Schüler", erklärt Laura. Die Schüler stünden nicht für ihre Werte ein und die Gemeinschaft fehle, meint die Studentin.


Zu viel gewollt?


„Jugend ohne Werte und Gemeinschaft" - klar, das ist weniger catchy als der Originaltitel. Aber was denken die anderen Theaterbesucher über diesen Gott im Titel? „Gott war früher und ist auch heute noch ein sinnvolles Konzept, das Menschen Halt und Sicherheit geben kann", meint der 13-jährige Arthur. Wenn man aber, wie der Lehrer im Stück, annehme, dass Gott die Wahrheit ist, sei das gefährlich. „Denn die Wahrheit kann man formen und dementsprechend auch missbrauchen", erklärt er.


Der Gesprächsstoff geht den Theaterbesuchern an diesem Abend auf keinen Fall aus. Zu viele Anknüpfungspunkte bietet die gesehene Inszenierung. Mit all ihren angeschnittenen Themen will diese Bühnenfassung ein bisschen zu viel. Dadurch kann sie schnell überfordern. Verworren wird sie auch durch die anti-chronologische Erzählweise. Aber: Die Inszenierung ist sehr mutig. Sie wagt Änderungen und trägt das Stück, großteils erfolgreich, ins Jetzt. Dagegen wagt die Inszenierung der Schaubühne leider wenig, sondern bietet „nur" eine solide Nacherzählung von Horváths Werk. Die beiden Versionen versuchen also auf gegensätzliche Weise, Aktualität zu erzeugen. Ostermeier belässt die Geschichte in den 30ern und setzt damit ein Mahnmal, personifiziert durch den Lehrer. Man kann fast hören, wie er durch das Stück hindurch die Zuschauer anspricht: Passt nur auf, dass sich das alles nicht wiederholt! Auch die Gorki-Inszenierung ist nicht gerade optimistisch (Im Zeltlager erzählt der Kommandant vom dritten Weltkrieg). Dennoch gibt diese Inszenierung Hoffnung, weil sie sich auf die Jugend konzentriert. Die hat das Zepter in der Hand, die sagt was falsch läuft und die kann das Ruder noch rumreißen. Gerade weil hier der erhobene Zeigefinger fehlt, wird diese Inszenierung der Jugend eher gerecht. Und sie betont nicht, was der Jugend alles fehlt (Gott, Empathie, Menschlichkeit), sondern zeigt, was sie alles erreichen kann.