Thema des Monats - März 2020

„Das unmögliche Theater“ – Ein Serienprojekt am Staatstheater Cottbus


Vier Schauspieler*innen, ein modulares Bühnenbild, drei junge Regisseur*innen und ein Überthema: „Das unmögliche Theater". Am Staatstheater Cottbus findet diese Spielzeit in der Kammerbühne ein besonderes Langzeitprojekt statt, das ich als Dramaturgin begleite.

 

Von Miriam Fehlker


Es ist schon fast zehn Jahre her, dass Wolfram Lotz mit seinem Stück „Der große Marsch" große Aufmerksamkeit auf sich zog. Dem Text angehängt ist seine „Rede an das unmögliche Theater". Er ruft darin die Theatermacher*innen auf, sich nicht mit dem Bestehenden abzufinden; nicht die Fiktion, die im Theater möglich ist, der Wirklichkeit anzupassen, sondern sie zu nutzen, um über die Wirklichkeit hinauszuwachsen. Für Lotz ist das Theater „der Ort einer heiligen Kollision" - der Ort an dem Fiktionen reale Gestalt annehmen, Wirklichkeit werden. Er schreibt dies so urkomisch, witzig, absurd poetisch und existenziell zugleich, dass man als Regieneuling gar nicht anders kann als sich seine Worte zu Herzen zu nehmen. Denn schließlich sei der Entwurf des unmöglichen Theaters kein Heil auf das man sich setzen könne wie auf eine Frotteewärmflasche und so strahlt „Das unmögliche Theater" Vieles aus:
- Die Sehnsucht nach phantasievollem Theater, das keine Angst vorm Scheitern hat
- Die Frage nach dem Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit
- Der Anspruch, dass Theater Wirklichkeit beeinflusst

 

Szene aus "Der große Marsch"; Foto: Marlies Kross

 

Als Auftakt feierte „Der große Marsch" in der Regie von Wiebke Rüter bereits im Dezember Premiere. Die Unmöglichkeiten die Wolfram Lotz in dieses Stück geschrieben hat, galt es den zehnjährigen Staub abzuklopfen und an die Region anzupassen. Also betritt in Cottbus nicht mehr „der echte Joseph Ackermann" die Bühne und diskutiert über die RAF, sondern es ist Angela Merkel, die sich rechtfertigen muss, wo sie am 9. November `89 war. Die Sozialhilfeempfänger*innen, die im zweiten Teil zur großen Speisung geladen werden, sind hier „echte Cottbusser Bürger*innen", dargestellt vom BürgerSprechChor des Staatstheaters. Diese und weitere Begegnungen werden zusammengehalten von der Schauspielerin, die einfach nur Schauspielerin heißt. Und als sie feststellt, dass der Autor viel zu viel Macht über ihr Figurenleben hat, jagt sie ihn davon und macht sich auf die Suche nach der Unsterblichkeit. Aber erst als Prometheus anfängt von der Seegurke zu sprechen, die schon die gesamte Zeit versucht auf sich aufmerksam zu machen, kann auch die Schauspielerin sie endlich sehen und wirklich verstehen.

 

Regisseur Marian Joel Küster nimmt den Faden der Schauspielerin in seinem zweiten Teil der Serie „Das unmögliche Theater" auf. Seit Ende Januar ist das „Tagebuch eines Verrückten" in der Kammerbühne zu sehen. Er lässt die Schauspielerin zu Beginn noch einmal auftreten. Diesmal hat sie einen Schlüssel dabei, so dass sie beim Verlassen der Bühne nicht noch einmal auf theatermagisch abgeschlossene Türen treffen kann. Doch die Schauspielerin tritt nicht zur Flucht an, sondern führt ein in das Unterbewusstsein und das zu Befürchtende. Die Erzählung „Tagebuch eines Verrückten" des chinesischen Autors Lu Xun liefert in dieser Inszenierung die Grundlage für den Hauptteil. Wie sieht das Innere eines Verrückten aus? Wie sieht die Wirklichkeit für einen Verrückten aus? Und was passiert, wenn der verrückte Tagebuchschreiber, der immer mehr Anzeichen entdeckt, dass die Menschen in seiner Umgebung ihn fressen wollen, in dieser Fiktion gefangen ist und doch wahre Aussagen über die Wirklichkeit macht? Mit diesen Fragen im Hintergrund ist ein klangvoller Abend mit Textflächen und Choreographien voller Entfremdung entstanden.

 

Szene aus "Tagebuch eines Verrückten"; Foto: Marlies Kross

 

Als dritter und finaler Teil arbeitet gerade Claudia Grönniger an der Uraufführung „Der Mörtel der Nation" von Leon Engler, die ab Mitte März zu sehen sein wird. Es ist ein absurdes Theaterstück, das auch Elemente einer politischen Farce in sich trägt, und zeitgemäße philosophische Fragen aufwirft. Im Zentrum steht etwas, das nicht ist: Ein Loch. Dieses Loch wird gegraben von einem Gräber, der damit seine Bestimmung gefunden hat und für Irritation und Bewunderung sorgt, bei allen, die am Loch vorbeikommen. Darunter sind auch ein Skeptiker und ein Pessimist, die vom Hype ums Loch profitieren wollen. Sie verwandeln das Loch in einen so großen wirtschaftlichen Erfolg, dass die Nation nicht tatenlos zuschauen kann. Unterstützt von Kompositionen des Schlagzeugers Lars Neugebauer wird das Loch Dreh- und Angelpunkt einer Nation auf der Suche nach Zusammenhalt.

 

Noch ist dieses besondere Serienprojekt nicht vollendet. Mit Sicherheit ließe es sich so nicht verwirklichen, wenn Schauspieldirektor Jo Fabian seine ihn umgebenden Mitarbeiter*innen (alle drei Regisseur*innen arbeiten sonst in anderen Funktionen im Schauspiel des Staatstheaters) nicht immer wieder auffordern würde, das Experiment zu suchen und frei zu denken in ihrer jeweiligen Kunst. Neben den inhaltlichen Aspekten ist es auch ungewöhnlich mit einer so konstanten Gruppe derselben Schauspieler*innen zu arbeiten. In den verschiedenen ästhetischen Herausforderungen lernen sich alle anders intensiv kennen, als wenn das Ensemble jedes Mal wieder neu zusammengewürfelt wäre. Die Kommunikation miteinander wird genauer und feiner, manchmal auch ungeduldiger, aber immer einander unterstützend. Hier wird eine weitere notwendige Komponente des von Lotz angeregten unmöglichen Theaters erkennbar: Vertrauen zueinander.