Thema des Monats - März 2018

In Bewegung! Was passiert in der Freien Szene Berlins?

 

„Freie Szene" - das bedeutet nicht nur, finanziell unabhängig zu sein und dadurch künstlerisch unorthodoxe Wege gehen zu können. Die „Freie Szene" überschreitet auch die gängigen Genregrenzen der Kunst stärker als die staatlich geförderten Schauspielhäuser. Neue Wege werden zuallererst an den kleinen Bühnen ausprobiert. Von den aktuellen neuen Produktionen über neue Formen künstlerischer Leitung bis hin zum politischen Mitmischen - die Freie Szene ist trotz der eisigen Temperaturen alles andere als eingefroren.


Von David Meiering

 


Musik und Tanz


Die Freie Szene tanzt. Fast alle kommenden Premieren der einschlägigen Spielstätten enthalten tänzerische oder musikalische Elemente. Am Acker Stadt Palast gibt es im März gleich drei Premieren, die unterschiedliche Genres vermischen. Zum Beispiel versucht die Choreografin und Tänzerin Bernadita Villarroel in „Pacifico Exercises: desplazamiento" (dt.: Verschiebung), das gängige Verhältnis von Musik und Tanz im kreativen Prozess vom Kopf auf die Beine zu stellen. Sie entwickelte eine Choreographie - ohne Musik. Nachträglich wurde diese dann von sechs Komponisten interpretiert. Mit den verschiedenen Versionen, die alle an einem Abend uraufgeführt werden, „verschiebt" sich die Bedeutung der Bewegungsmuster jeweils und lotet so das Verhältnis zwischen Musik und Tanz jedes Mal neu aus (10. und 11.03.).

 

Auch das Theater Thikwa feiert mit einer musikalischen Performance am 14.03. Premiere. „miTim - eine Porträtskizze über langsame Stille und lautes Innehalten" bringt verschiedene Musiker und Sängerinnen des Theaters zusammen. Während dieses Stück den Klangraum zwischen Ruhe und Lärm austestet, wird es am benachbarten English Theatre sicher etwas lauter. Die Gruppe „The Kill Joys" spielen in ihrer Konzert-Performance „I AM NOT A JOKE (TAKE TWO)" gegen tägliche Diskriminierungen und das Patriarchat an. Sie richten sich dabei gegen einen naiven „Feel-good-Feminismus", der in der Welt der virtuellen Selbstdarstellung zu häufig als (Selbst-) Vermarktungsstrategie genutzt wird und schreien ihm ihre eigenen Erfahrungen ins für's Selfie posierende Gesicht (Uraufführung am 1.03.).

„miTim - eine Porträtskizze über langsame Stille und lautes Innehalten"; Foto: Theater Thikwa

 


Gibt's noch was anderes?


Wenn schon Sprechtheater, dann auch mit einem monströsen Text: Der freie Regisseur Thorsten Lensing hat den wuchernden Roman „Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace rund um die drei Brüder der Familie Incandenza in den Sophiensaelen auf vier Stunden gestutzt und mit einer hochkarätigen Besetzung versehen. Die mit Spannung erwartete Inszenierung wird am 2.,3. und 4.03. aufgeführt.

 

Besonders interessant ist das Ende März stattfindende IMPRO 2018 Festival am English Theatre (17.-24.03.). Das achttägige Festival „Our Lives" stellt den Höhepunkt eines zweijährigen internationalen Theaterprojekts dar. Schauspieler*innen aus 28 Ländern der Europäischen Union treffen hier aufeinander. Zusammen erkunden sie die Möglichkeiten des Miteinanderlebens, ob unter den Bedingungen des Kapitalismus, den Zumutungen politischer und geographischer Mauern oder der Versöhnung mit den Orten, an denen man aufgewachsen ist. Drei Performances werden besonders spannend, dort treffen die Schauspieler*innen zum ersten Mal aufeinander.

 

Um Begegnungen unterschiedlicher Menschen geht es auch in zwei Inszenierungen am Theaterdiscounter und dem tak Theater im Aufbau Haus. In „Zwischenhalt / Ara Durak / Rawestgeharaf" geht es um die aktuelle Situation in der Türkei und die Sehnsucht, sich trotz unterschiedlicher Herkunft, Sprachen und Hintergründe verstehen zu wollen. Uraufgeführt in Istanbul, kommt das Stück jetzt an den Theaterdiscounter (am 29., 30. und 31.03.). In „Yalda-Nacht" am tak Theater im Aufbau Haus am 10.03. kommt es zu einem ungewöhnlichen Rollentausch. Unter dem Namen Newsgroup Afghanistan interviewten afghanische und Berliner Jugendliche u.a. deutsche Politiker, Asylanwälte, Sozialaktivisten und Bundeswehrsoldaten zum Thema Asylpolitik. Zugleich sammelte das Projekt „Afghan-Memories" Geschichten von Afghan*innen aus ihrer Heimat, von der Flucht und über das Leben im Exil. Für das tak tauschen Berliner und afghanische Schauspieler*innen nun die Rollen: die afghanischen Jugendlichen spielen die deutschen Entscheider, die im Alltag über ihr Schicksal bestimmen, während die deutschen Jugendlichen die Geschichten aus Afghanistan darstellen.

 

 

Alternative Spielstätten und Leitungskonzepte


So vielfältig wie die Aufführungen sind auch die Spielstätten. Das zuletzt genannte tak Theater im Aufbau Haus gründete sich im Januar neu, nachdem die Leitung 2017 neu ausgeschrieben wurde. Mitten in der großen, vor allem durch die neue Volksbühnen-Intendanz aufgekommene Debatte um die Zukunft der Theaterlandschaft entstand eine bisher einzigartige Idee: Mehrere Künstler*innen und Künstlergruppen schließen sich zusammen, um ein kollektives, gleichberechtigtes Leitungsmodell zu entwickeln. Das so entstandene tak THEATER AUFBAU KREUZBERG wird nun geführt von kainkollektiv (Bochum), suite42 (Berlin), France-Elena Damian (Berlin) und Anna Koch/Moritz Pankok (tak e.V. Berlin/Mülheim). Das ganze Jahr 2018 will sich das neue Leitungskollektiv Zeit nehmen für den „Aufbau". Das tak soll noch stärker als bisher ein Freies Theaterhaus sein, an dem transnationale, mehrsprachige Produktionen sich mit unserem Zusammenleben in globalisierten Gesellschaften im 21. Jahrhundert auseinandersetzen. Das zeigt sich - nicht erst seit der Neugründung - auch in den Kooperationen mit Künstler*innen aus NRW, Berlin, Ägypten, Algerien, Iran, Kamerun, Libanon, Rumänien, Syrien und den USA, sowie mit Künstler*innen, die Roma sind. Nachdem im Rahmen der Volksbühnen-Debatte häufig internationale Ausrichtung und stadtpolitische Einbettung zu Gegensätzen stilisiert wurden, sieht man hier, dass ein inklusiver und überlegter Gestaltungsprozess beides zusammenbringen kann.

 

Das gilt ebenfalls für das Gelände „Alte Münze" in der Mitte Berlins. Seitdem die staatliche Münzfabrik 2005 nach Berlin-Reinickendorf zog, wurde das Gelände Gegenstand verschiedener stadtplanerischer Begierden. Nachdem 2013 die „Spreewerkstätten" nach und nach die Gebäude erschlossen und zu einer kreativen Kunst- und Kulturstätte aufgebaut hatten, schien es zunächst so, als würde der Berliner Senat das Gelände wieder stärker selbst gestalten wollen. Nachdem die 2012 gegründete „Koalition der Freien Szene", eine Dachorganisation verschiedener Verbände der freien Kunst- und Kulturschaffenden, sich aber stärker in den Prozess einmischte, konnte im Februar nun die endgültige politische Entscheidung für das Kulturzentrum erwirkt werden. 35 Mio. Euro werden nun vom Senat für die kulturelle Nutzung zur Verfügung gestellt. Auch wenn das Zukunftskonzept „Haus of Berlin" oft so klingt, als würde die Stadt Berlin eher die Perspektive eines Grundstücksmaklers einnehmen („die hohe Diversität des Mieterportfolios"), zeigt der Prozess um diesen Standort doch, dass die Freie Szene ihre Impulse durchsetzen kann, wenn sie kollektiv und politisch auftritt. Die zunächst berlinweite „Koalition der Freien Szene" war so erfolgreich, dass sie als Anstoß für die im Juni 2017 in Berlin gegründete, deutschlandweite „Allianz der Freien Künste" diente. Die Allianz setzt sich seitdem für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für freie Kunst- und Kulturschaffende ein und bringt somit vielleicht bald auch die kulturpolitischen Verhältnisse zum Tanzen.