Thema des Monats - Mai 2018

Im Mobbingkreis mit Rap und 3D

 

Opern sind ja manchmal schon für Erwachsene eine Herausforderung. Wie ist es aber, wenn man 13 Jahre alt ist, noch nie in einer Oper war und nun Musik, Bilder, Gesang und Darstellung in Einklang bringen muss? "Die Deutsche Bühne"-Redakteur Andreas Falentin hat sich mit Luna Nhaili, 13 Jahre alt, in Bonn die Uraufführung von "Geisterritter" angesehen und anschließend mit ihr über die Inszenierung gesprochen.

 

Zum Hintergrund:

„Geisterritter", mit großem Publikumserfolg am Theater Bonn uraufgeführt, ist nicht nur eine wirkliche Familienoper, sondern auch die wohl weltweit erste Musiktheaterversion eines Buches der ungeheuer erfolgreichen Autorin Cornelia Funke („Tintentod", „Die wilden Hühner"). „Geisterritter" ist, wie so viele beliebte Kinderbücher, eine in Großbritannien spielende Internatsgeschichte. Jon wird aus einer Patchworkfamilie auf ein Internat in der durch ihre Kathedrale weltberühmten Kleinstadt Salisbury geschickt. Schon am ersten Tag begegnet er fiesen Geistern, die offensichtlich eine Rechnung mit einem seiner Vorfahren offen haben und sich jetzt an ihm schadlos halten wollen. Die geisteraffine Mitschülerin Ella rät ihm, den in der Kathedrale begrabenen Ritter William, einen guten Geist mit diffusem Schuldkomplex, um Hilfe zu bitten. William wird Idol und Freund und verhilft Jon zum Sieg gegen die Geister. Jon findet im Gegenzug das verlorene Herz des Ritters, so dass dieser wieder mit seiner Frau vereinigt wird. Friede, Freude, Schulfest. Die Komposition besorgte der Broadway-, Electro-Pop- und Minimal-Music-erfahrene Veteran James Reynolds, Regie führte der Musical-Experte Erik Petersen, und für die Bühnenoptik war das prominente Videokünstlerduo fettFilm zuständig.

 

Szene aus "Geisterritter"; Foto: Thilo Beu


Andreas: Luna, konntest du der Geschichte eigentlich gut folgen? Wie fandst du sie erzählt?
Luna: Ich fand eigentlich alles sehr gut verständlich bis auf den Anfang. Den hätte ich weggelassen oder mit dem Ende verbunden.


Andreas: Du meinst, den ersten großen Auftritt der vielen Geister?

Luna: Ja. Danach sagte die Hauptfigur, man muss das jetzt nochmal machen, „damit du verstehst." Aber ich habe das nicht verstanden, obwohl das sehr gut gemacht und gespielt war.


Andreas: Da wollte das Regieteam sogenannte Metaebenen einbauen, es ging darum, dass die Figuren ja von Sängern gespielt werden, die vielleicht von ihren Rollen...
Luna: Aber dann wurde es richtig cool. Teilweise waren die Bilder ja sehr realistisch. Als etwa die Bahn reinkam, hatte man durch den auf der Leinwand mitlaufenden Film den Eindruck, die würden wirklich fahren. Und dann waren wieder viele Bilder und Videos gezeichnet, wie der Regen, den man durch das Fenster sah. Das hätte mit realistischen Bildern nicht gut ausgesehen. Und man kann es ja auch nicht wirklich regnen lassen. Dazu passte die Musik gut zu den verschiedenen Situationen. Vor allem aber hätte ich nicht gedacht, dass Oper so 3D ist.


Andreas: Was meinst du damit genau?
Luna: Dass Leinwände benutzt wurden, auch dünne Schiebeleinwände, die bewegt werden konnten. Und dass die Leute nicht einfach dastehen und singen. Zum Beispiel in der Unterrichtsszene bewegen sich alle mit ihren Pulten, unter denen Rollen sind und dann platzen die Bösewichter von hinten durch die Tafel. Zuerst waren das ja nur Schatten und ich habe überlegt: Sind das Puppen oder sind die wirklich? Und als sie dann wirklich kamen, war es doch eine Überraschung.


Andreas: Ich fand es im ersten Teil sehr flüssig und spannend erzählt. Mir gefielen die Bösewichte, mit diesen deutlich zitierenden Kostümen, die aussahen wie etwa in „Dracula" oder „Tanz der Vampire".
Luna: Die fand ich auch super.


Andreas: Und ich fand, dass der Oberbösewicht, der mit der hohen, der Countertenorstimme einen unheimlich witzigen, ironischen Text hat.
Luna: Der ist bei mir eigentlich nicht angekommen. Höchstens an manchen Stellen.


Andreas: Seine Gegenfigur ist ja der von allen bewunderte Ritter William. Wie fandst du den gestaltet?
Luna: Soll ich ehrlich sein? Der hat bestimmt toll gesungen, aber eigentlich hätte der mir doch richtig gefallen müssen als starker, großartiger Ritter. Und ich fand ihn eher ein bisschen langweilig. Aber er hatte es auch schwer, weil er sich ja in seiner ersten Szene in der Kathedrale, als er so in der Grabplatte hing, gar nicht bewegen konnte. Da habe ich mich übrigens gefragt, aus was die besteht. Wenn die aus Stein wäre, wäre die ja viel zu schwer zu tragen gewesen. Und durch Styropor wäre der Ritter ja durchgefallen.


Andreas: Vermutlich war das ein Kunststoff. Aber ich fand auch, dass dem Komponisten zu unserem Superhelden eigentlich nur ziemlich blasse Musik eingefallen ist.
Luna: Richtig super fand ich die Rapper. Die kommen ja im Buch nicht vor. Aber ich fand es ‘ne tolle Idee, dass einfach drei Mitschüler von Jon rappen. Vor allem die Breakdanceteile bringen dem Stück echt Schwung und Abwechslung.


Andreas: Ich fand es vor der Pause, wie gesagt, sehr gut und witzig erzählt, fand toll, wie realistische, künstliche und ganz verrückte Momente sich abwechseln, wie Bühnenbild, Kostüm und Projektionen zusammenfinden und auch mal was über den Text hinaus erzählen. Im zweiten Teil sind aber meiner Meinung nach die Szenen weniger gut verbunden, vielleicht, weil es sonst zu lang geworden wäre.
Luna: Ich fand schon die Szene in der Kathedrale vor der Pause etwas langweilig, obwohl ich toll fand, dass die Leute aus dem Chor da aussehen wie echte Statuen - bis sie anfangen zu wackeln. Danach war es irgendwie nicht mehr so perfekt. Obwohl ich die Friedhofsszene gut fand - mit dem Nebel und den ganz echt wirkenden Geräuschen. Und auch, dass sie einen Mobbingkreis gemacht haben, das passt ja sehr in die heutige Zeit.


Andreas: Mobbingkreis?

Luna: Das war in der Szene, wo Jon und seine Freunde dem einen Geist Williams Herz abnehmen. Das gibt es auch schon mal in der Schule. Da hat man dann quasi ein Mobbingopfer, das, meistens im Scherz, im Kreis so hin und her geschleudert wird. Und dann gab es ja noch den Moment, wo der Ritter und seine Frau sich wieder treffen. Das kam überraschend und auch in einem besonderen Licht. Wunderschön.


Andreas: Auf dieser Treppe mit der blaugoldenen Sonne. Das fand ich furchtbar kitschig.

Luna: Echt schön. Am Ende habe ich dann gedacht, was ist denn das für eine Partygesellschaft? Erst als dann die Kinder und Eltern zusammenkamen, habe ich gecheckt, dass das ein Schulfest ist.


Andreas: Luna, du warst ja vorher ja noch nie in einer Opernaufführung. Hast du dir das so vorgestellt?

Luna: Nee. Nicht so spannend. Mit Rap und 3D. Ich dachte, da stehen nur einfach ein paar Personen in Kostümen und singen. Ich habe es mir überhaupt nicht so spannend vorgestellt. Und natürlich wird nicht gesungen wie in den Charts, aber ich fand dieses Künstlerische in der klassischen Musik schön, weil es auch mit einer guten Geschichte verbunden war.

 

Das Gespräch ist zuerst in Ausgabe 2/2018 des Theatermagazins Die Deutsche Bühne erschienen.

Foto: privat
Foto: privat

Luna besucht aktuell die siebte Klasse des Abteigymnasiums Brauweiler. Sie spielt Querflöte und Klavier.