Thema des Monats - Juni 2018

Es stellt sich keine Routine ein

 

Der Performancewettbewerb UNART bietet Jugendgruppen einen außergewöhnlichen Freiraum: Selbstständig dürfen sie eigene Performances entwickeln und auf einer professionellen Stadttheaterbühne zeigen. In jeder teilnehmenden Stadt wählt eine Jury zwei Gruppen aus, die zum BEST OF-Festival fahren. Zwei Jurymitglieder haben sich für die junge bühne über das Finale 2018 und ihren gar nicht fiesen Juryblick unterhalten - und erzählen außerdem, warum sie UNART großartig finden.


Elisa Duca und Antonia Ruhl im Gespräch


Antonia Ruhl: Eigentlich fühlen wir uns gar nicht wie Jurorinnen, oder? Wir haben beide ursprünglich einen anderen Bezug zu UNART, du hast mehrere Performancegruppen als Coach betreut, ich war 2016 selbst als Performerin dabei. In diesem Jahr sitzen wir auf einmal in der Jury: ich in Frankfurt, und du als tourendes Jurymitglied in allen vier Städten, neben Frankfurt in Berlin, Hamburg und Dresden. Für mich kann ich sagen: Es war ungewohnt, aber eine bereichernde Erfahrung. So bemüht um einen kritischen Blick und gleichzeitig so nervös habe ich noch nie Theater geschaut. Wie ging es dir?

 

Elisa Duca: Ich dachte vor dem ersten Finalabend in Hamburg: Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, ich werde im Theater so ungeduldig, wenn mir etwas nicht gefällt. Aber fünf Minuten nach Vorstellungsbeginn war ich total in meiner Rolle als Jurorin. Es ist wirklich eine sehr andere Art zu gucken. Man will fair sein, alles sehen und dabeibleiben, auch wenn mich etwas nicht begeistert. Als Zuschauerin hätte ich sofort auf mein Handy geschaut, als Jurorin nicht: So aufmerksam habe ich mir noch nie etwas angeschaut.

 

Antonia: Ich habe an diesem Abend ganz viel gehofft.

 

Elisa: Genau, man hofft, man fiebert mit! Und zwar nicht für eine eigene Gruppe, wie das als Coach oder Performer der Fall ist, sondern durchgängig, für jede Gruppe, den ganzen Abend lang. Das ist eine schöne Verantwortung, die jede Jury sehr ernstgenommen hat, das wurde in den Sitzungen nachher spürbar. Andere fanden das gut, wovon ich nicht so begeistert war, und umgekehrt. Der fruchtbare Austausch hat die Entscheidungsfindung sicherlich erleichtert.

 

Massagekreis beim BEST OF UNART (Foto: UNART-Gruppen)

 

Antonia: Ich kann das für das Jurygespräch in Frankfurt bestätigen, davon habe ich viel mitgenommen. Es ist schön und selten, dass man eine gemeinsame Sprache über das Gesehene findet. Du zum Beispiel hast in deiner Argumentation großen Wert daraufgelegt, dass sich die Performer auf der Bühne mutig zeigen und sich nicht hinter einer Rolle verstecken.

 

Elisa: Ja, Mut ist sehr wichtig, die Performance muss aus einer inneren Notwendigkeit entstehen, aus dem eigenen Material, aus dem eigenen Leben. Da fällt mir zu diesem Jahr eine Gruppe ein, die einfach wirklich Spaß hatte und manchmal echt weird war. Das war toll, da ging mir das Herz auf!

 

Antonia: Ich ahne, welche Gruppe du meinst. Ich mochte sie auch. War das deine Lieblingsgruppe? Dürfen wir das hier überhaupt sagen?

 

Elisa: Wir können es umschreiben! Also ja, es war eine meiner Lieblingsgruppen. Ich hatte mehrere.

 

Antonia: Für mich war es eine Gruppe, die sehr formal gearbeitet hat, aber durch ein Element wurde ein vollständig geplanter Ablauf verhindert. Das fand ich selbstbewusst. Hat sich der Wettbewerb eigentlich inhaltlich verändert in den zehn Jahren, die er jetzt alt ist? Wie empfindest du das?

 

Elisa: Nö, würde ich nicht sagen. Die Themen, die die Jugendlichen beschäftigen, sind häufig die gleichen. Was sich ändert, sind die Leute und die Persönlichkeiten, die da zusammentreffen. Das ist das Schöne an UNART und das, was es jung hält. Es stellt sich keine Routine ein.

 

Alle zum Schlussapplaus auf die Bühne! (Foto: UNART-Gruppen)


Antonia: Und die Themen, von denen du sprichst, nutzen sich auch nicht ab: Oft geht es um das Zurechtfinden in der Welt, ums Erwachsenwerden und das eigene Lebensumfeld, um das auf die Probe gestellte Ich. Weil aber die performative Umsetzung der Gruppen so individuell ist, wird es nie langweilig. Meine Gruppe, mit der ich 2016 die Performance „4/4-Takt" entwickelt habe, hatte Freiheit als Thema. UNART war für mich eine Spielfläche, ein Freiraum - zum Denken und zum Ausprobieren.

 

Elisa: Ja, und die Performer werden ja nicht alleine gelassen, sie haben einen Coach, der hauptsächlich beratend agiert. Ich war in dieser Funktion dreimal dabei und habe immer versucht, das Beste aus meiner künstlerischen Praxis zu geben – viel zuzuhören und nur den Input zu geben, von dem ich wusste: Den brauchen sie, damit kommen sie weiter. Natürlich finde ich mich am Ende in meinen Arbeiten wieder.

 

Antonia: Und was hat UNART mit den Jugendlichen in deinen Gruppen gemacht? Das würde mich interessieren, ich erzähle nämlich immer wahnsinnig gerne von dieser Erfahrung. Weil sich bei mir einfach so viel getan hat.

 

Elisa: Da bin ich jetzt neugierig! Erzähl!

 

Antonia: Ich glaube, ich habe in verschiedenen Hinsichten viel gelernt. Zunächst steht seitdem für mich unwiderruflich fest, dass ich einen Theaterberuf ergreifen möchte. Vorher habe ich außerdem noch nie so eng und so lange in einem Team gearbeitet, da muss man gut kommunizieren und hat Verantwortung für die anderen. Dann der Findungsprozess in der Probenzeit: intim und unberechenbar. Die kreative Dynamik, die sich da entwickelt, ist faszinierend. Unser Coach, die Tänzerin und Choreografin Kristina Veit, hat uns behutsame Impulse gegeben - wie du deinen Gruppen. Und dann das große Theater mit den beeindruckenden Menschen. Ich sag's ja: einfach toll!

 

Elisa: Das habe ich ähnlich empfunden: Man erlebt viel zusammen, tauscht sich aus. Meine Gruppen sind erwachsener und selbstbewusster geworden - weil diese Kunstform dich und deine Ideen und deinen Mut verlangt. Auch ich habe viel gelernt, denn ich probiere alleine nicht so viele einfache, schöne Dinge aus. Das ist für mich als Künstlerin sehr inspirierend.

 

Party nach dem BEST OF am DT Berlin (Foto: UNART-Gruppen)


Antonia: Aus meiner Sicht zieht genau diese Probenerfahrung die meisten Teilnehmer schon so in den Bann, dass es den Wettbewerbscharakter als Anreiz gar nicht braucht. In der Jury hat mir die Auswahl zweier Gewinnergruppen zwar Freude bereitet, aber das eigentlich Interessante daran war doch die Verständigung über die Gruppen und das Erlebte. Und die Performances sind ohnehin so unterschiedlich, dass man eigentlich nicht vergleichen und ein gerechtes Urteil fällen kann.

 

Elisa: Das stimmt nicht! Als Coach merkt man, dass es nicht stimmt. Ihr lernt in der Schule den Wettbewerb kennen. Das finde ich schmerzhaft, wenn man so jung ist, aber das ist euer Leben.

 

Antonia: Ja, und genauso geht es dann bei UNART im Theater weiter...

 

Elisa: Auch im Leben. Aus meiner Erfahrung motiviert die Möglichkeit zu gewinnen, ist ein Kick. Gerade gegen Ende, wenn es auf die Präsentation zuläuft, spielt dieses Wissen eine große Rolle. Und die BEST OF-Erfahrung halte ich für maßgebend, weil alle zusammen auf Tour gehen und eine intensive Zeit miteinander erleben. Ganz wichtig zudem: die konstruktive Jurykritik, die jede Gruppe erhält. Das erwartet ihr als Nachwuchs von den Profis. Und das ist, was euch im Leben weiterbringt!

 

Antonia: Deinem letzten Punkt stimme ich zu: Ich weiß jetzt noch, was die Jury vor zwei Jahren zu meiner Gruppe gesagt hat. Die Kritik bleibt hängen, und das ist gut so. Mir liegt übrigens noch eine plakative Frage auf der Zunge, ich glaube, ich muss sie dir leider stellen. Viele Gruppen haben sich in diesem Jahr damit beschäftigt, was Performance eigentlich ist. Eine Teilnehmerin sprach kurz und bündig von einem „Experiment". Ich schließe mich mal an und behaupte: Es geht in erster Linie um Inhalte und nicht um die Form, oft geht es vehement dagegen. Was denkst du?

 

Elisa: Schwierig zu beantworten. Für mich ist es eigentlich das Suchen. Suchen und versuchen, sich suchen. Entscheidungen treffen. Und was ich bei Jugendperformances auch häufig sehe, ist geradezu die Verweigerung einer Form. Der Wille, andere Türen aufzumachen. Das ist doch das Schöne: dass man es so wenig definieren kann.

 

 

Die beiden Gewinnergruppen aus Frankfurt haben vom Berliner BEST OF auf dem Instagram-Account der jungen bühne gepostet.


Über UNART hat Antonia Ruhl bereits hier berichtet.

 

UNART ist ein Performancewettbewerb für Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren. Er findet am Deutschen Theater Berlin, am Thalia Theater Hamburg, am Staatsschauspiel Dresden und am Schauspiel Frankfurt statt. Pro Theater werden für das Finale sieben Bewerbergruppen ausgewählt, die mit Unterstützung durch Coaches fünfzehnminütige Performances entwickeln und auf einer professionellen Stadttheaterbühne zeigen. Zwei von einer Jury je Stadt bestimmte Gruppen fahren nach dem Finale zum BEST OF-Festival. UNART findet in der Spielzeit 2019/20 zum nächsten Mal statt. unart.net

Foto: Anders Bigum
Foto: Anders Bigum

 

Elisa Duca, geb. 1978 in Assisi, wechselt nach ihrer Schauspielausbildung zur bildenden Kunst. Seither zahlreiche Performances, Installationen und Ausstellungen in der ganzen Welt, u.a. mit ihrem Künstlerduo bösediva. Wiederholt betreut sie Berliner UNART-Gruppen als Coach, 2018 ist sie als tourendes Jurymitglied in allen vier UNART-Jurys vertreten. elisaduca.de

 

 

Foto: Tom Böttcher
Foto: Tom Böttcher

 

Antonia Ruhl, geb. 1999, studiert Theaterwissenschaft in Berlin und ist Autorin bei der Deutschen Bühne sowie freie redaktionelle Mitarbeiterin bei junge bühne. Mit ihrer Gruppe „4/4-Takt" entwickelt sie 2016 eine UNART-Performance am Schauspiel Frankfurt, 2018 ist sie dort UNART-Jugendjurorin.