Thema des Monats - Juli 2018

Mit Händen und Blicken

Gebärdendolmetschen im Theater

 

Gebärden kommen immer häufiger auf deutschen Bühnen zum Einsatz. Doch wie funktioniert Gebärdendolmetschen am Theater? Wir haben uns umgehört.

 

Von Vanessa Renner

 

Zwei Handflächen, die nach vorne zeigen und sich dann jeweils in einer Bogenbewegung zu beiden Seiten öffnen. So sieht eine mögliche Übersetzung für das Wort „Theater" in Gebärdensprache aus. Die Bewegung steht für das Öffnen des Theatervorhangs. Gebärden kommen immer häufiger auf deutschen Bühnen zum Einsatz. So werden Theaterhäuser zunehmend zu Orten, die mithilfe von Gebärdensprache auch ein gehörloses Publikum ansprechen. Übersetzt werden traditionell Vorstellungen der Weihnachtsmärchen wie am Hessischen Staatstheater Wiesbaden oder Familienführungen wie am Staatstheater Mainz. Dort wird die Zusammenarbeit mit Gebärdendolmetschern gerade intensiviert. In dieser Spielzeit steht Sergej Prokofjews „Peter und der Wolf" als inklusives Konzert auf dem Spielplan sowie Molières Tartuffe in einer gedolmetschten Inszenierung. Daneben gibt es an verschiedenen Häusern inklusive Projekte, bei denen gehörlose und hörende Darsteller gemeinsam auf der Bühne stehen. So brachte die Regisseurin Wera Mahne zu Beginn des Jahres im FFT - Forum Freies Theater in Düsseldorf „Flirt" auf die Bühne. Die Produktion spricht über eine Verschränkung von Laut- und Gebärdensprache beide Gruppen an - Gehörlose wie Hörende.

 

Die Schauspielern Mira Benser gebärdet Worte aus dem "Nathan"-Wortschatz:

Engel

 

 

Feuer

 

Hören

 

Weggehen. Weit weg.


Am vorderen Rand der Bühne, rechts und links, stehen oder sitzen zwei Gebärdensprachdolmetscher, die frontal zum Publikum übersetzen - ähnlich wie bei der in Gebärdensprache übersetzten Tagesschau. Alle zehn bis fünfzehn Minuten wechseln sich die beiden Dolmetscher ab, um ihre Konzentrationsfähigkeit besser beibehalten zu können. Für eine Stückdauer unter einer Stunde reicht in der Regel ein Übersetzer. So oder so ähnlich sieht das Szenario bei einer gedolmetschten Aufführung im Theater aus. Wesentlich seltener, zum Beispiel am Hans Otto Theater in Potsdam zu erleben, ist die Methode des so genannten „Shadow Interpreting". Dabei ist jedem Schauspieler, jeder Rolle ein Dolmetscher zugeordnet, der als „Schatten" des jeweiligen Darstellers auf der Bühne agiert.


„Das Shadow Interpreting ist weniger geläufig, da es mehr Dolmetscher benötigt und in der Vorbereitung sehr zeitintensiv ist. Schließlich müssen die Übersetzer die gesamte Choreografie auf der Bühne mit einstudieren", erklärt Esther Sangermann. Die Wiesbadener Gebärdensprachdolmetscherin arbeitet seit der Einführung inklusiver Vorstellungen in der Spielzeit 2010/2011 unter der Intendanz von Manfred Beilharz gemeinsam mit einer Kollegin mit dem Hessischen Staatstheater zusammen. Ihre Begeisterung für das Theater merkt man Sangermann im Gespräch sofort an. Ihr offener, lebhafter Blick hellt sich noch eine Spur auf, wenn sie erzählt, wie sie in ihren Beruf fand: über das Theater. „Bei einem Auslandsaufenthalt während meines Anglistikstudiums habe ich in Glasgow bei einer Inszenierung vom Sommernachtstraum einen Gebärdensprachdolmetscher auf der Bühne beobachtet", erzählt sie, „das war so ausdrucksstark wie...", sie überlegt einen Moment, dann lächelt sie, „...Poesie." Sie habe sofort gewusst, dass sie das auch machen wolle.


Das war in den 90er Jahren. Mittlerweile arbeitet Esther Sangermann als staatlich anerkannte Gebärdensprachdolmetscherin. Sie übersetzt bei Arztbesuchen, Behördengängen, in der Ausbildung oder eben am Theater, wofür sie spezielle Weiterbildungen besucht hat. Auf ihre Einsätze bereitet sich die Gebärdensprachdolmetscherin ausführlich vor: Sie liest sich in das jeweilige Fachgebiet ein und überlegt sich dann passende Gebärden. Denn anders als oft vermutet, sind Gebärden nicht universal. Jedes Land, ja sogar jede Region hat eigene Gebärden und dementsprechend Dialekte. „Das Theaterdolmetschen ist eine sehr kreative Arbeit", so die Erfahrung von Esther Sangermann, „ich gehe dabei nicht so stark auf das einzelne Wort ein, sondern muss mehr in Bilder packen." Eine weitere Besonderheit: im Gegensatz zu anderen Einsätzen kann auf der Bühne weder nachgefragt noch nachgebessert werden. „ Da muss einfach alles sitzen", weiß Sangermann. Um gut vorbereitet zu sein, übt sie zu Hause mit Inszenierungsvideos. „Manchmal fällt mir die perfekte Gebärde aber tatsächlich erst kurz vor Vorstellungsbeginn ein", erzählt sie lachend und mit einem fröhlichen Augenzwinkern, „ein Back-up mit einer zweitbesten Idee habe ich aber immer parat." Gerade bereitet sich Esther Sangermann auf das inklusive Kraut & Rüben-Fest vor, das Mitte August in Mainz über die Bühne geht. Zuletzt war sie in Wiesbaden bei einer Produktion des Hessischen Staatstheaters im Einsatz: Nathan der Weise in der Regie von Nicolas Brieger. Ein besonderer Einsatz, bei dem sie dem Ensemble Unterricht in Gebärdensprache gab. Die Gebärden sind in dieser Inszenierung Teil des künstlerischen Konzeptes.


Trümmer, Asche, Staub. Ein Bühnenbild, über das offensichtlich Zerstörung und Verwüstung hinweggefegt sind. Sirenen heulen, Flugzeuge und Bomben dröhnen, darüber liegt der Sound einer E-Gitarre. Der Ort: Syrien, Aleppo. Doch könnte die Szenerie auch überall dort spielen, wo Kriege in Endlosschleifen wüten. Ein Schriftzug: „Im Anfang war das Wort". Doch Worte fehlen, wo immer neue Bilder des Schreckens entstehen. So sind die Figuren des Nathan verstummt. Die Zuschauer sehen in den ersten zwanzig Minuten der Inszenierung einen Nathan „im Schnelldurchlauf" - in Gebärdensprache. Ausladende, weiche Arm- und Handbewegungen, stärker und intensiver als Gesten, dazu eine ausgeprägte Mimik.


„In der Schauspielschule habe ich oft gehört: Mach nicht so viel mit deinem Gesicht, nimm deine Mimik zurück", erzählt Mira Benser, die Recha in der Wiesbadener Inszenierung. Die junge Schauspielerin gehört seit dieser Spielzeit zum Ensemble des Hessischen Staatstheaters. „Beim Gebärdensprachunterricht habe ich meine Mimik und Gestik endlich einmal so richtig einsetzen können", berichtet sie und dabei huscht ein kleines Schmunzeln über ihr Gesicht. Es habe ihr große Freude bereitet, ihre Gefühle auf diese Art und Weise auszudrücken. „Bei der Gebärdensprache spiegelt sich sehr viel im Gesicht wider", bestätigt ihre Lehrerin Esther Sangermann. Da sei es besonders wichtig zu lernen, aus sich herauszugehen.


Der Gebärdensprachunterricht, der vor der eigentlichen Probenarbeit lag, beginnt mit den Grundlagen: das Fingeralphabet. Eine Methode, um Namen und Worte mithilfe der Hände zu buchstabieren. „Danach haben wir uns den Nathan-Wortschatz erarbeitet", erzählt Mira Benser, „damit konnten wir uns sogar ein wenig in der Kantine über die Tische hinweg verständigen." Ihre Vorgehensweise beim Lernen: „ich habe mir kleine Bildchen gemalt, um mir die Gebärden besser einprägen zu können." Unterstützend wurde alles auf Video festgehalten. „Viele Gebärden sind so plas-tisch und einprägsam", findet die Schauspielerin, „das Schlagen der Flügel für den Engel oder die Judenlocken." Es habe aber auch hin und wieder lustige Verwechslungen gegeben. „Die Gebärden für Reiten und Ein-Kind-Gebären sind für Laien nur schwer zu unterscheiden", lacht Mira Benser. Am meisten habe sie die Vehemenz, die Eindringlichkeit der Gebärden überrascht. „Ich habe über die Gebärden einen so starken emotionalen Zugang zu meiner Rolle und dem gesamten Stück bekommen, das war eine unglaublich intensive Arbeit", so die Erfahrung der Schauspielerin bei den Proben. Sie habe das Gefühl, eine neue Ausdrucksform geschenkt bekommen zu haben.


An die Kraft der Gebärde und das gemeinsame Theatererlebnis von Gehörlosen und Hörenden glaubt Caro de La Trobe, die Projektleiterin des Deutschen Gehörlosentheaters. Das inklusive Tourneetheater, bei dem Gehörlose für ein gemischtes Publikum spielen, produziert alle zwei Jahre ein neues Stück mit immer neuen Verständigungsmitteln. „Wir hatten einen Dolmetscher aus dem Off, Schattendarsteller oder Obertitel", berichtet Caro de La Trobe. Bei der aktuellen Produktion, die im kommenden Jahr auf Deutschlandtour geht, verzichtet das Team auf Dolmetscher und Übersetzung. „Wir werden das über Mimik, Gestik und Berührungen lösen", erklärt die Projektleiterin, die noch einen weiten Weg in der Verständigung von Gehörlosen und Hörenden vor sich sieht. „Doch immer mehr Theater öffnen sich und zeigen Interesse für unsere Arbeit", bemerkt Caro de La Trobe.


Der Einsatz von Dolmetschern im Theater ist nicht zuletzt auch eine Kostenfrage. Für inklusive Angebote wie das Weihnachtsmärchen in Wiesbaden zahlt das Amt für soziale Arbeit den Einsatz von Dolmetschern. Die Kosten für den Unterricht im Rahmen der Nathan-Inszenierung übernahm das Hessische Staatstheater. In der Community der Gehörlosen spürt Gebärdensprachdolmetscherin Esther Sangermann eine geteilte Resonanz. „Die Gehörlosenkultur ist sehr stark und vielfältig. Da gibt es viele eigene Angebote an Kunstformen, zum Beispiel Poetry Slam und Theater." Sie kenne aber auch viele Gehörlose, die sich über die Möglichkeit gemeinsamer Kulturerlebnisse freuten. Und dabei scheint gerade das Theater mit seiner Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten und seiner Nähe zum gestischen Zeigen ein guter Ort der Verständigung jenseits der rein auditiven Ebene zu sein.

 

Fotos: Vanessa Renner