Thema des Monats - August 2018

Die Geschichte des Moks Bremen

 

Das Partnertheater der diesjährigen Printausgabe der jungen bühne ist das Moks in Bremen. Unter der Leitung eines freien Autoren des Magazins "Die Deutsche Bühne" haben einige Bremer Jungjounalisten für das Heft Nr. 12 Texte rund um das Moks entwickelt. Da wir unmöglich alle davon im Heft präsentieren können (sonst müssten wir zwei Hefte machen), stellen wir vorab schon einige Artikel online vor.

 

Von Lena Petermann und Isabel d'Hone

 

Mit Ursula Menck durch das Moks zu laufen, ist wie eine Reise in die Vergangenheit des Jugendtheaters, das seit 1977 existiert. „Im zweiten Stock war früher mein Büro", sagt die ehemalige Leiterin und zeigt auf ein Fenster des Backsteingebäudes. „Und wo heute das Foyer ist, habe ich damals mein Auto geparkt." In den ersten Jahren gab es häufig Raumprobleme, deshalb musste Menck sogar einmal auf einen Bus als Bühne ausweichen, der unter einem Kastanienbaum im Hof stand. Die 76-Jährige erinnert sich, wie Kastanien auf das Dach fielen und die Aufführungen akustisch untermalten.

 

40 Jahre später ist das Moks ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche geworden. „Ein Ort der Begegnung, der zum Verweilen einlädt", sagt Rebecca Hohmann, die aktuelle Leiterin. „Wir haben nun nicht nur ein Foyer, als zusätzliche Spielstätte ist auch der Brauhauskeller dazu bekommen." Dort proben die Jungen Akteure, die seit 13 Jahren unter professioneller Anleitung eigene Aufführungen erarbeiten.

 

Das Moks hat von der Ausstattung wie auch von der künstlerischen Ausrichtung her einen großen Wandel erlebt. Ursula Menck stand zu Beginn für das Mitspieltheater, das Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben sollte, selbst spontan verschiedene Rollen auszuprobieren, miteinander und mit den Schauspielern zu interagieren und zu improvisieren. Dabei scheute sie auch schwierige Themen nicht. Im Stück „Aus Deutschland" (1982) schlüpften Jugendliche in die Rolle deutscher Bürger zu Zeiten des Nationalsozialismus. „Dabei erlebten sie, dass Faschismus nicht nur Leichenberge bedeutet, sondern sich im alltäglichen Handeln von Menschen ereignet, sich auch an Kleinigkeiten zeigt", sagt Menck. Trauen sich die Schüler den Hitlergruß zu verweigern, auch wenn der Gruppendruck groß ist? Durch den Schulunterricht sei das Gefühl für eine so folgenreiche Entscheidung nicht vermittelbar, so Menck. Daher sollte dieses emotionale Erleben im Theater möglich werden. So grenzte Menck sich vom damaligen Jugendtheater ab, das ihrer Meinung nach sehr pädagogisch ausgerichtet war. Sie wollte zum Widerspruch ermuntern und spiegelte damit den Zeitgeist der 68er-Bewegung. Ihr zunächst auf drei Jahre begrenzter „Modellversuch Künstler und Schüler" (Moks) sollte vor allem Schüler aus theaterfernen Schichten den Zugang zur Bühnenkunst ermöglichen. Nach einem Misstrauensvotum gegen Menck, kündigte sie allerdings ihre Stelle als Leiterin. „Das war eine andere Generation, die nach mir kam und sich nicht mehr für das Mitspieltheater interessierte." Allerdings hatte sie noch Einfluss auf die Wahl des nächsten Leiters: 1994 übernahm Martin Leßmann. Er war zuvor Schauspieler am Moks.

 

„Damals galt Mitspieltheater als veraltet", bestätigt Leßmann. So entwarf er ein Konzept, mit dem eine Verbindung von Tradition und Veränderung entwickelt werden sollte. Ein komplett neues Ensemble wurde engagiert. „Heute würde ich das als übermütig bezeichnen", so Leßmann. Bald galt der ganze Modellversuch als verzichtbar. Das Moks sollte Sparzwängen im Kulturbereich zum Opfer fallen. Aber der gute Ruf bei Bremens Pädagogen und Protestbilder von jungen Besuchern stimmten die Politiker um. Mit dem Stück „Papp-Hoorn-Expedition" endete aber die Zeit des Mitspieltheaters.

 

„Wir sollten uns fragen, was für Geschichten wir erzählen wollen", meint Klaus Schumacher, der das Moks von der Spielzeit 2000/01 bis 2003/04 leitete. Zugewandt und nicht belehrend soll das Kinder- und Jugendtheater im ständigen Erfahrungsaustausch mit seinem jungen Publikum sein und spiegeln, was dieses im Alltag erlebt. Schumacher setzt auf dramatisch fordernde Texte, mit denen er Bruchlinien der Realität und Abgründe jugendlichen Lebens mit nachdenklich machender Sachlichkeit und emotionaler Dringlichkeit analysieren kann. Es geht ihm dabei stets um die politische Intensität des Theaters, Auch schwerwiegende Themen wie etwa der Völkermord in Ruanda werden in seinen Moks-Produktionen angesprochen. Schumacher war außergewöhnlich erfolgreich. Seine Inszenierungen „Cyrano" und „Playback Life" wurden zum Berliner Kinder- und Jugendtheatertreffen eingeladen, heute leitet er die Jugendtheater-Sparte am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

 

Einig sind sich die ehemaligen Leiter darin, dass die Kinder- und Jugendtheater-Sparte eine ebensolche künstlerische Qualität haben muss wie die Schauspielsparte - und hochkarätiger Schauspieler bedarf. Während es Klaus Schumacher als Regisseur mehr um klassisch modernes Geschichtenerzählen ging, legt Rebecca Hohmann als Dramaturgin derzeit mehr Wert auf ein ästhetisch vielfältigeres Programm, das auch Aufführungen aus dem Bereich Performance beinhaltet. Längst ist das Moks eine allseits akzeptierte Sparte im Theater Bremen. „Wir klinken uns mehr ein", sagt Hohmann. „Durch unsere eigene künstlerische Leitung und die eigene Technik sind wir wie ein kleines Theater im Großen."

 

 

Warum macht es so viel Spaß, an einem Theater zu arbeiten?

 

Befragung einiger Mitarbeiter des Theaters Bremen


Jörg Hartenstein, Beleuchter und Inspizient im Moks, Lieblingsmusik: R&B und Hip-Hop


„Das Erlebnis, eine Vorstellung zu fahren, sobald das Publikum drin ist und das Licht ausgeht, ist für mich einzigartig. Am liebsten mache ich aber das Lichtdesign für Produktionen, weil ich mich da künstlerisch mal richtig austoben kann. Das Besondere am Moks ist, dass wir so eine kleine Truppe sind und es so ein gutes Klima und Miteinander mit Respekt, Humor und Lockerheit gibt. Obwohl ich seit 21 Jahren im Moks bin, bin ich hier nicht der Dienstälteste und habe keinen Drang, hier irgendwann wegzugehen."

 

 

Gerd Güdter, Vertriebsleiter, Lieblingsmusik: David Sylvian und Can


„Seit fast 21 Jahren bin ich bin ich für die Organisation des Vertriebes am Theater Bremen zuständig. Meine Arbeit ist für mich nicht nur ein Job wie in der freien Wirtschaft, sondern eine ideale Konstellation, bei der meiner kaufmännischen Arbeitsweise in einem Alltag ohne feste Routine schnelle Entscheidungen abgefordert werden. Ich sehe den Arbeitsplatz Theater als eine hochkomplizierte Konstruktion, bei der alles zahnradartig ineinanderläuft. Sehr reizvoll."

 

Tammo Adrians, FKJler in der Pressestelle, Lieblingsmusik: Pink Floyd und Jimmy Hendrix


„Mein Freiwilliges Kulturelles Jahr in der Pressestelle ist geprägt von Telefonieren, Schreiben und Organisieren. Die Arbeit ist gerade für das Bremer Theater besonders, weil es hier die für mich interessante Abwechslung zwischen aktuellem und traditionellem Theater gibt. Wichtige Themen werden über spannende Wege vermittelt, auch wenn diese Wege nicht immer funktionieren."

 

 

Christine Gersthofer, Personalbüro, Lieblingsmusik: Klassische Musik und Oper


„Mein Antrieb zur Arbeit ist das Gefühl, eine gute Verantwortung gegenüber allen Mitarbeitern zu haben. Ich schreibe ihre Verträge, bearbeite Abrechnungen und bereite somit den Boden ihrer Arbeit. Als Frauenbeauftragte bin ich zusätzlich verantwortlich für Gleichberechtigung und Sicherheitsberatung. Es ist für mich schön zu sehen, dass Diversität funktionieren kann in unserem Vier-Sparten-Haus, in dem so viele Leute jeglicher Herkunft mit unterschiedlichen Berufen zusammenkommen und eine schöne Vielfalt erzeugen."

 

Laura Brust, Regieassistentin am Moks, Lieblingsmusik: Käptn Peng und die Musik von „Eltern - ein Forschungsunterfangen"


„Es gibt mir Antrieb, für eine Sache zu arbeiten und dann sehen zu können, dass eine Umsetzung auch funktioniert. Ein Sinnbild für meine Arbeit könnte ein Mobile sein. Ich betreue Vorstellungen und Proben wie ein Mobile, das verschiedene Teile zusammenhält. Ich sorge dafür, dass die Abläufe in Produktionen reibungslos verlaufen. Das ist sehr abwechslungsreich, ich arbeite mit vielen Menschen. Sehr motivierend."

 

 

Bodil Elstner-Bah, Künstlerisches Betriebsbüro, Lieblingsmusik: Klassik und Kinderlieder


„Meine Arbeit liegt in der Schnittstelle von Kunst und Organisation. Wir planen Abläufe. Es kommt oft zu spontanen Ausfällen - dass die Organisation trotzdem klappt, ist wie die Quadratur des Kreises. Ich wusste immer schon, dass ich am Theater arbeiten möchte und im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass gerade dieser Job zu mir passt. Ich arbeite daran, den Künstlern ein minimales Gerüst, einen Rückhalt und damit auch Freiheit zu geben. Ich halte ihnen den Rücken frei. Das treibt mich an."

 

Farina Holle, Marketing, Lieblingsmusik: Princess Nokia und Fem-Rap


„Wenn ich meine Arbeit in drei Worten beschreiben müsste, wären diese Brückenschlagen, Schauen und Verstärken. Ich habe Theaterpädagogik studiert, aber gemerkt, dass mich vor allem die Vermittlung besonders interessiert. Das, was auf der Bühne passiert, gibt mir Antrieb. Ich sehe oft Dinge, die mich bewegen und kann dann als Sprachrohr wirken, um diese nach außen zu kommunizieren. Das Theater Bremen ist ein sehr gutes und hilfsbereites Umfeld. Es ist immer jemand da, der hilft. So ist ein kontinuierliches Arbeiten möglich."

 


Fotos: Christian Wasenmüller (Er fotografierte die Lieblingsobjekte/Perspektiven der Befragten an ihrem Arbeitsplatz im Theater)