Thema des Monats - September 2018

Safari ins Belcanto

 

Unter der Leitung eines freien Autoren des Magazins "Die Deutsche Bühne" haben einige Bremer Jungjounalisten für das Heft Nr. 12 Texte rund um das Moks entwickelt. Da wir unmöglich alle davon im Heft präsentieren können (sonst müssten wir zwei Hefte machen), stellen wir vorab schon einige Artikel online vor.


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Autor Philipp Nöhr, selbst opernunerfahren, wagt einen sehr subjektiven Blick auf die Spezies Operngänger. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

Seit der Mensch sich dafür entschied, kein Tier mehr zu sein, sucht er fortlaufend Beweise für seine Überlegenheit: Ob Rad oder Keule, Zinseszins oder Gulaschkanone, sie alle erwachsen mehr oder weniger aus menschlichem Geltungsdrang. Es ist doch so: Wir alle suchen den Beweis, dass wir mehr sind als wilde Affen. Und wo könnte man besser nach diesem Beweis der Überlegenheit suchen als an der Spitze unserer kulturellen Evolution: der Oper.

 

                                                              Foto_Christian Wasenmüller

 

Ich beginne meine Spurensuche darüber, was Oper ist und was bloß Tier, in dem schummrigen Innenhof des Theaters Bremen. Es ist Sonntagabend, es ist Opernpremiere und es ist erschreckend kühl: Das scheint auch die sommerlich gekleidete Dame vor mir zu ahnen, die sich an dem Leopardenmuster ihrer Handtasche wärmt. Entrückte Gespräche in der Warteschlange vor der Kasse: „Meine Liebste, du auch wieder hier!" „Wie damals, ‘68 im Studium!" „Schöne Perlenkette!", sagt ein Herr mit Schnauzer und blickt seiner Gegenüber heiter ins Dekolleté. Langsam füllt sich das Foyer mit Leben und totem Tier: Pelzkragen, Korallenketten, Ledertaschen. Vor dem prachtvollen Gartenbambus des Innenhofs blitzen Tigermuster aus der Abenddämmerung. Ich merke schnell: Hier bin ich richtig mit meiner Recherche.

 

Der Einlass hat begonnen, begrüßt von Wärtern in roten Uniformen setzt sich die graue Herde in Bewegung, mit ihr ein scheinbar dringendes Verlangen nach Nährstoffen: Kaum sind die Räumlichkeiten des Theaters betreten, sucht eine Familie, offenbar erschöpft von der kräftezehrenden Warterei, verzweifelt eine Nahrungsquelle. Zum Glück gibt es im Theater eine Bar mit kraftspendenden Köstlichkeiten: Laugengebäck für die Ausgelaugten, Champagner für die Champions der kulturellen Auslese. Der Vater der Familie - ein Mann mit langer Krawatte - bestellt Alkohol und Fleischspieße, ein grüner Schein wechselt den Besitzer.

 

„Der nächste, bitte!" „Der Sekt ist nicht perlig genug." „Drei Laugenbrezeln mit Käse!", ruft eine Frau in Lila - eine gute Grundlage für das nächste Glas Sekt. Ich kaufe eine Limonade - als ich das Rückgeld einstecken will, fällt mein Blick auf eine Art Waldhorn, das mit seiner Spitze an meiner Jeans schabt. Seine Besitzerin lacht, während die Jagdtrophäe traurig von ihrer Hüfte baumelt. Gerade will ich fragen, ob sie das Horn wirklich zur Jagd verwendet, und wenn ja, wen sie denn heute Abend zu erlegen gedenkt, oder ob sie mit dem Horn einfach nur Champagner in den
Saal schmuggeln will, als ein lautes Klingeln Gedanken und Gespräche unterbricht.

 

Nur wenige Minuten bis zur Premiere!

 

Erneut stehe ich in einer Warteschlange, diesmal im großen Saal. In Reihe 9 geht es nur langsam vorwärts, Reihe 8 scheint da deutlich entwickelter: Die Dame mit (leerem) Waldhorn steht plötzlich wieder vor mir und fischt aus ihrer Handtasche ein Opernglas - ich nehme Platz, der Vorhang geht auf, die Jagd beginnt. Im Dunkeln! Wenigstens die Bühne ist hell erleuchtet, als Bläser bedrohlich das Szenario der Oper eröffnen: Eine Armee Uniformierter schreitet taktvoll totalitaristisch dem Publikum entgegen, eine Masse Mensch in dystopischer Kulisse. Kritik am Bürgertum? Doch für diese Gedanken bleibt keine Zeit, ein Crescendo des Orchesters schießt ins Publikum: Die Tigerfell-Dame aus Reihe 7 schüttelt ungläubig den Kopf. So hat sie sich das alles nicht vorgestellt.

 

                                                               Foto_Christian Wasenmüller

 

Die Wogen glätten sich, als die erste Liebesarie von der Bühne tönt: Einige Leute schließen ihre Augen, so kennen sie es von ihrer Top-20-Compilation-CD der schönsten Arien, so soll es sein. Die Jägerin legt sogar das Opernglas zur Seite. Währenddessen bin ich beeindruckt: Wie die singen! Diese bildgewaltige Kulisse! Natürlich verstehe ich kein Wort, das da auf Italienisch gesungen wird - zum Glück zeigt die Darbietung aber mehr als die Laufschriftanzeige über der Bühne, die das Publikum die Lyrics übersetzt. Doch dann wird es anstrengend: Die anfängliche Begeisterung für das Kritisch-Schöne wird erstickt von immer dramatischer werdenden Arien, minutenlang ändern sich weder die drei Worte auf der Laufschriftanzeige, noch das Schema der Musik. Was für eine intensive Aufführung!

 

Das denkt sich offenbar auch die Tigerfell-Dame aus Reihe 7: Als ich mich in der Pause, erschöpft von der Musik toter Menschen und dem Anblick toter Tiere, auf einer Sitzbank niederlasse und einige Notizen verfasse, kommt sie auf mich zu und fragt: „Schreiben Sie für die Zeitung?" So ähnlich. „Dann schreiben Sie ja, dass der erste Ton der Streicher versetzt war!" Ihrem Jagdinstinkt entgeht scheinbar nichts. Ich rette mich aus dem Gespräch, fliehe zurück in das Dickicht vor der Bar - im Gewusel überall Erwartungen und Frisuren, beide hoch gesteckt: „Die Musik ist ja nett, aber der Zinnober auf der Bühne ist nichts für uns." „Wenn wir meckern, dann auf hohem Niveau." „Der Sekt ist nicht süß genug!", merkt ein Mann mit kurzer Krawatte an.

 

Mittlerweile irre ich durch eine Wolke aus Moschus, die auf diesen Mensch gewordenen Urwald aus Nadelstreifen und Pailletten um mich herabzuregnen droht; da ertönt das erlösende Klingeln zum 2. Teil der Vorstellung. Eine Herde weißer Elefanten zieht an mir vorbei - und als ich mich im großen Saal wieder ganz in kolonialer Nostalgie zwischen Tigerfellen und Raubtierblicken sitzen sehe, frage ich mich doch, was hier eigentlich Publikum ist und was Schauspiel; was Oper ist und was Tier - und auf welcher Seite dieser grotesken Kultursafari ich eigentlich gelandet bin.


Philipp Nöhr (geboren 1993) studiert derzeit Kommunikationswissenschaft und Politik an der Universität Bremen. Seit einem sozialen Jahr in Indien probiert er sich auf seinen Irrwegen zum Journalisten bei Radio Bremen sowie verschiedenen Online-Magazinen aus.


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Mehr von Philipp Nöhr könnt ihr in der kommenden Ausgabe der jungen bühne lesen, die am 28. September 2018 erscheint.