Thema des Monats - Oktober 2018

Abhängig von SIGNA?

 

Wer eine Eintrittskarte für eine Performance des Kollektivs SIGNA haben möchte, muss sich den Tag des Kartenvorverkaufs rot im Kalender markieren. Ansonsten hilft nur noch stundenlanges Anstehen an der Abendkasse oder den doppelten bis dreifachen Ticketpreis auf Ebay zu bezahlen. Popkonzertähnliche Zustände sind das. Woher kommt der Fankult um SIGNA?

 

Von Luisa Reisinger

 

In den Performances von SIGNA herrschen oft Gewalt, Macht, Sex und Unterdrückung. Wieso besuchen manche Zuschauer bis zu achtmal diese dreckigen Parallelwelten, in denen das Publikum nicht nur passiv rezipiert, sondern aktiv zum Mitspielen animiert wird? Ist es eine Freude am Rollenspiel, wie sie in Computerspielen zu erleben ist? Oder ein unbändiges Bedürfnis nach intensiven Selbsterkenntnistrips?

 

„Ich hatte geplant, zweimal zur Performance ‚Das halbe Leid' zu gehen, daraus wurden dann sieben Besuche." Katharina Alsen, eine Kunsthistorikerin, die sich selbst als SIGNA-Wiederholungstäterin beschreibt, ist eine Kennerin in Sachen SIGNA-Performance. Sie weiß, dass sich das Spiel der Performer über die Zeit entwickelt, und genau das wollte sie miterleben. Doch sie bekam nicht nur das. Denn in „Das halbe Leid" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, in der das Publikum 12 Stunden mit performenden Randständigen unserer Gesellschaft in Berührung gebracht wird, forderte das Kollektiv noch direkter die enge Zuschauerbindung heraus. Jeder Teilnehmende erhielt zu Beginn einen Mentor, mit dem zusammen eine „Empathieschulung" durchgeführt wurde, um gemeinsam mit ihm sein Leid und seine Identität zu teilen.

 

Hier schon fordert SIGNA das Publikum auf, seine eigenen moralischen Grundsätze zu hinterfragen, und spielt so mit der emotionalen Anfälligkeit und den Empfindungen von Mitleid. Dabei spielen die Performer mit leidvoller Erscheinung und zu Tränen rührenden Geschichten den überzeugenden Manipulator in Perfektion und vernebeln die distanzierte Wahrnehmung des Zuschauers. Denn dieser wird sich auch als Theatergänger in der fiktiv vorgegebenen Welt korrekt verhalten wollen. Dadurch passiert es dann eben schnell, dass man nichts anderes mehr tun kann, als die Zitternden im Arm zu halten und die Aufmüpfigen in die Schranken zu weisen. So beschreibt Katharina Alsen, dass sie über die Zeit „die Rollen liebgewonnen" hätte. Dass hier natürlich alles nur ein Spiel ist, wissen neben Alsen auch alle anderen der pilgernden Anhängerschaft. Dennoch quält nach dem 12-Stunden-Trip die Frage, wie es wäre, wenn man die Gruppe einfach noch einmal besuchen könnte?

 

Wer sich dann erneut in den SIGNA-Kosmos begibt, wird erfreut sein, dass man sich seinen Namen gemerkt hat und er oder sie bereits nach dem zweiten Besuch Teil der Handlung geworden ist. Ein schlauer Inszenierungskniff, der das Wiedererleben des Zuschauers auf eine emotionale Art und Weise befriedigt und diesen animiert, noch häufiger in die fiktive Welt einzutauchen. Genau das berichtete auch Katharina Alsen, denn man nach ihrem dritten Besuch habe man angefangen, sie aufzufordern, erneut zu kommen. Das tat sie auch und stand hierfür manche Abende mehr als eine Stunde vor der Abendkasse.

 

Laut der Regisseurin Signa Köstler ist das Einbinden der Wiederholungstäter in die Installation eine Möglichkeit, die Handlung weiter zu entwickeln, da die Zuschauer zusätzliche Figuren werden. An die Performance anschließende private Kontakte zwischen Performer und Zuschauern kämen nicht zustande. Die Performer werden dazu angehalten, außerhalb der Fiktion nur als Figur mit den Fans zu kommunizieren. Hierfür gab es für das Publikum eine Telefonnummer und Email-Adresse. Und so hielt auch Katharina Alsen während der Spielzeit mit der Gruppe Kontakt.

 

Rauschmittel SIGNA? Eine Abhängigkeit ist nicht ausgeschlossen! Gehörig kurbelt SIGNA immer wieder am emotionalen Apparat des Zuschauers, bis dieser aufhört zu fragen, wieso er eben das Erbrochene des Drogenjunkies aufgewischt hat. Indem über Stunden hinweg mit Bekundungen, Blicken, Berührungen der Performer die Verbindungen zu mir und dem anfälligen Publikum enger gestrickt werden, wird am Ende dieses Trips von einem Vertrauen untereinander die Rede sein. Geistig wie körperlich. Da verwundert es nicht, dass man sich in einem sehnsuchtsvollen Wiedersehen mit den gefallenen Figuren verfängt, weil man sich ihnen auf einmal nahe fühlt.

 

Rollenspielsucht? Selbsterkenntnistrip? „Einschneidende Erinnerungen und eine Intensität der Gefühle", das ist das Fazit von Katharina Alsen, die nach sechs Besuchen von einer „heftigen ersten Woche nach Ende der Spielzeit" sprach. Sie beschreibt die Zeit nach den Erlebnissen bei SIGNA als eine traurige, da sie sich von Nacht zu Nacht der Gruppe dazugehöriger fühlte. Da hilft dann nur noch das Publikumsgespräch (Tickets hierfür sind ebenfalls nach wenigen Stunden vergriffen). Das sei desillusionierend, wenn die Performer auf einmal als Privatperson dasitzen, als hätte es ihre Figuren niemals gegeben. Nach zehnminütigen Standing Ovations werden noch letzte Dankesworte an den Mentor gerichtet. Autogramme werden keine verteilt. Da hält man sich lieber wieder bereit, für den nächsten SIGNA-Trip. 

 

Luisa Reisingers Erlebnisbericht über die Performance „Das halbe Leid" findet ihr hier (Dezember 2017).

Foto: privat

Unsere Autorin Luisa Reisinger studiert derzeit Performance in Hamburg.