Thema des Monats - November 2018

Ausdruck ohne Worte

 

Zum 25. Mal fand in Potsdam das internationale Theaterfestival UNIDRAM statt: Vom 30.10. – 03.11.2018 wurden an zehn Spielorten von 14 Ensembles aus elf Ländern 16 Inszenierungen, sechs Konzerte, zwei Partys und eine Ausstellung gezeigt, gespielt, veranstaltet und organisiert. Unsere Autorin hat das Festival in Gänze besucht und beschreibt einzelne Momente, Situationen und Projekte, die exemplarisch für das UNIDRAM gelesen werden können: Das Festival schafft einen kreativen Raum des Miteinanders.


Von Aïsha Mia Lethen


Eine offene und zugleich intime Energie liegt in der Luft der Potsdamer Schiffbauergasse. Am Abend des zweiten Festivaltages spricht hier Rabih Lahoud, Sänger der Band Masaa, leise in das Mikro auf der Bühne des Kunstraums: Die kleinen, leisen Dinge seien oft wertvoller als die lauten, hinterließen einen größeren Eindruck. Wie passend. Im Rahmen von UNIDRAM werden viele nonverbale Inszenierungen gezeigt, die sich die Besuchenden visuell und akustisch erschließen (können). Nonverbales in geschriebene Sprache zu transportieren, scheint manchmal unmöglich. Dieser Text wagt den Versuch.

 

Cirk La Putyka "Black Black Woods"; Foto G. Gnaudschun

 

UNIDRAM versammelt an fünf Tagen verschiedenste Formate: visuelles Theater, Objekttheater, Performances, Tanztheater, Figurentheater, Musiktheater und Soundinstallationen. Das unglaublich leise, respektvolle Publikum lässt sich fallen in ein ästhetisches Spiel mit den Sinnen. Eine visuelle und musikalische Sprache verbindet und vereint internationale Produktionen an einem Ort, die nonverbal ja doch so viel sagen. Zwischen den Vorstellungen fallen umso mehr Worte. Im Festivalzelt vor dem T-Werk und den Cafés der verschiedenen Spielstätten versammeln sich Schaffende und Zuschauende, die sich austauschen, vernetzen, diskutieren und harmonieren.

 

So geht es am Mittwochabend zum Beispiel um unzählige durchdachte und bis ins Kleinste geplante Details in „Mr. Carmen“ von Akhe aus Russland. Ausgehend von Bizets berühmter Oper „Carmen“, entsteht ein nonverbales, visuelles Theaterstück, in der die beiden Darsteller im Wechselspiel immer und immer wieder die Namen José und Carmen raffiniert erscheinen lassen. Da prustet der eine Wasser in das Scheinwerferlicht, in das zugleich der Name José projiziert wird und erst durch die unzähligen Wasserspritzer ersichtlich wird. Der andere pafft den Rauch einer Zigarre in den Scheinwerfer, indem sodann Carmen zu lesen ist. Akhe verhandelt „Carmen“ in einem neuen Rahmen, schafft komisch-schöne Bilder und nimmt das Publikum mit auf eine kreative Reise, die von Assoziationen in der Bildsprache lebt.

 

Oder es geht um „Besuchszeit vorbei“ vom theater junge generation, unter der Regie von Ariel Doron, das den Charakter eines sozialen Experiments aufweist, der dem Stück am Mittwochabend durch die Sitzblockade zum Schutz von Mensch und Tier(-puppen) ein klares Ende verwehrt. Die Grenzen zwischen Akteuren und Zuschauenden verschwimmen. Alle bewegen sich frei im Raum des Waschhauses, in dem die maskierten Spieler Puppen von zwei Tribünen fallen lassen. Die Besuchenden sind frei, sie aufhalten, bis die „Besuchszeit vorbei“ ist. Die Grenze von Theaterstück und „Realität“ verschwimmen jedoch auch.

 

Am frühen Donnerstagabend geht es um „Rostige Nägel und sonstige Helden“, in dem ein kleiner beleuchteter Kreis über alte, rostige Alltagsgegenstände, wandert, die viele Menschen wohl längst weggeschmissen hätten. Für Gérard Schiphorst und Marije van der Sande vom TAMTAM objektentheater aus den Niederlanden bilden diese das Fundament für ihre Form des Geschichtenerzählens und Bildergestaltens: Scheren und Streichhölzer, Nägel und Tannenzapfen, Draht und Kronkorken, Pinsel und Metallplatten werden zu Schiffen, Häusern, Tieren und Figuren. Oft verändern schon ein oder zwei winzige Objekte das gesamte Bild. Schiphorst und van der Sande stehen am linken Bühnenrand und transformieren das live projizierte Bild stetig neu. Im Raum des Museums Fluxus+ ist es 35 Minuten still. Das Objekttheater reduziert auf das Minimalste und verknüpft so die Impressionen mit Gedanken von Zuschauenden.

 

Später verhandelt „Freude“ in der Choreographie von Joshua Monten aus der Schweiz körperliche Gewalt, über das Einstudieren von Kämpfen auf der Bühne. Wieder nonverbal. Eine Darstellerin probt mit einem anderen Darsteller eine immer länger werdende Abfolge vom Schlagen, Ausreißen der Zähne, Zusammenbrechen, begleitet vom Live-Sound zweier weiterer Darsteller. Laut der Stückbeschreibung sollen Fragen nach dem Nutzen und Ursprung von Gewalt aufgeworfen werden, die sich ohne Worte jedoch nur schwer transportieren. „Freude“ schwebt eher in einer Ambivalenz zwischen Verherrlichung und Hinterfragen, das einen kritischen Blick des Publikums fordert.

 

In „Deep“, ebenfalls am Donnerstag, von Daan Mathot aus den Niederlanden sieht mensch in einen vermeintlich tiefen Kasten, der sich aus einer Illusion ergibt: Alles dreht sich um, steht auf dem Kopf, ist scheinbar schwerelos. Der Darsteller performt hinter einem abgehängten quadratischen Gestell in der Luft, während das Publikum um dieses Quadrat herumsteht und in einen riesigen Spiegel sieht. Fällt der Papierflieger auf den Boden oder schwebt er nach oben? „Deep“ verwirrt die Wahrnehmung. Und das begeistert. 

 

Das Tanztheaterstück „Game Changer“ mit Livemusik startet am Freitagabend in eindrucksvollen schwarz-weißen Kostümen, schafft symmetrische, aber starre Bilder, aus der sich Tänzerinnen und Tänzer nach und nach befreien, bis sie zuletzt mal einzeln, mal im Duo, mal alle gemeinsam in bunten Sporthosen freiheitsgreifende Choreografien tanzen. „Game Changer“, unter der Regie von Birutė Letukaitė, ist ein Ausbruch aus der Enge in die Freiheit, von der Statik in die Dynamik. Ein Ausdruck von bewegten Körpern, ohne Worte.

 

"Game Changer"; Foto Svetlana Batura

 

Derweil ist im Kunstraum eine Ausstellung mit gerahmten und projizierten Fotos vom Aufbau, dem Team, verschiedener Aufführungen, Festivalmomenten und abgetippten Zitaten der letzten Jahre stets zugänglich: Untermalt, oder vielleicht besser unterschrieben, wird das UNIDRAM 2018 von Zitaten aus 25 Jahren. Zu finden auf Postkarten, Bannern, Zetteln und Diashows bilden die assoziativen und aus dem Kontext gerissenen halbfertigen Sätze vielleicht einen sprachlichen Rahmen. Unmöglichkeit der Schritte (2013). Alles vibriert alles schwankt und dazwischen ein Körper (2015). Aufbruch Experiment und Scheitern Immer alles auf Anfang (2017). Körperbilder in Endlosschleife aufgelöst in kleinste Bewegungsdetails (2016). Unmöglich dieses Kraftfeld zu verlassen (2014).

 

„Einmal vom Licht durchs Dunkel und zurück“ (2018) beschreibt die multimediale Tanzperformance „Guide“ von Věra Ondrašiková & collective, die den Freitagabend beschließt. Und wenn Pavel Mašek und Josef Koteěšovský zu Akteuren des Lichts werden, es erkunden, bewegen und formen, und mensch auf den Sitzen des T-Werks in einen tunnelähnlichen Lichtstrom gesogen wird, dann entzieht sich diese Erfahrung eben doch der Sprache.

 

UNIDRAM schafft einen Ausdruck ohne Worte, in dem Bildsprache und Musik diesen Raum der Begegnung für unterschiedlichste Theaterformen leiten. Die Vereinigung von einer Offenheit in der Kunst und Intimität des Ortes bestimmen den Charakter des internationalen Theaterfestivals.