Thema des Monats - Dezember 2018

Vom Zuschauer zum lebenden Controller

 

Mit dem Gamer Juan Leon besuchte Kritikerin Sarah Heppekausen ein Live_Jump'n'Run-Abenteuer im Ringlokschuppen Mülheim. Beide finden, dass hier Theater als Game überzeugend funktioniert

 

Sarah Heppekausen: Schon die Ausgangssituation von Anna Kpoks „realReality" ist (zwar nicht neu, aber immer noch) außergewöhnlich für eine Theaterinszenierung. Wir sind nur zu fünft. Fünf Zuschauerinnen und Zuschauer, die zu Spielern werden und gleich aufgefordert sind, ein Team zu bilden. Bevor wir mit Anna Kpok in ihr neues Smart-Home ziehen, wählen wir für sie ein Datenprofil aus und teilen unter uns die Funktionen „Start/Stop", „Rechts/Links", „Einsammeln/Zoom", „Benutzen/Inventar" und „Ducken/Springen" auf. Damit steuern wir unseren Avatar (Performer: Michael Zier) durch sein neues Apartment in einer nicht allzu fernen Zukunft. Entspricht das einer typischen Spielsituation, wie du sie aus Games kennst?

 

"realReality" im Ringlokschuppen Ruhr, Mülheim; Foto: Stephan Glagla

 

Juan Leon: Grundsätzlich kann ich diese Frage bejahen. Auch in virtuellen Spielsituationen führt man eine Reihe allgemeiner, immer wiederkehrender Schritte durch. Das Theaterstück hat sich der fünf grundlegendsten Befehle bedient und Menschen zu lebenden Controllern gemacht.


Sarah Heppekausen:
Du hast zum ersten Mal live in einem Theaterraum gespielt. Unsere Befehle haben wir ganz analog ausgerufen, unser Avatar war ein „echter" Schauspieler. Wie hast du dieses Live-Spiel erlebt im Unterschied zum Computerspiel, daheim allein vor dem Rechner?

 

Juan Leon: Am Anfang des Schauspiels war es seltsam, einer solch ungewohnten Situation ausgesetzt zu sein. Man musste stets wachsam darauf achten, wie die anderen Knöpfe bzw. Menschen agierten, um an passender Stelle selber seinen Teil beitragen zu können. An diesem Punkt muss ich aber mit dem Klischee des „alleine vor dem Rechner Spielens" aufräumen. Auch in Videospielen kann man mit seinen Freunden direkt kommunizieren, und ein gemeinsames Spielen an einem einzigen Computer ist selbstverständlich auch möglich. Gaming kann heutzutage sehr viel interaktiver gestaltet werden, als es vielleicht mancher denken mag. Rundum betrachtet war die Live-Situation im Schauspiel mit einem Videospiel vergleichbar, aber zugleich auch etwas völlig anderes. Die unverzichtbare Koordination mit dem Team machte einen Alleingang unmöglich. Außerdem war die Reaktion des Schauspielers als unser Avatar wie auch die der Mitbefehlenden unvorhersehbar. Das Stück war ein gelungener Umschwung von virtuellen Begebenheiten in die Wirklichkeit. Wie hast du diese außergewöhnliche fordernde und zugleich spaßige Situation als „Nicht-Gamer" denn empfunden? Ohne Videospiel-Erfahrung stelle ich es mir schwer vor, die ineinander überfließenden Abläufe des Controllers direkt zu verinnerlichen.

 

Sarah Heppekausen: Ja, das stimmt. Den Avatar zu steuern, die richtigen Befehle zur richtigen Zeit zu rufen, die Handlungsanweisungen und Abläufe zu durchschauen und anzuwenden, ist mir gerade zu Beginn etwas schwer gefallen. Da war ich um jede Hilfe aus unserem Team dankbar. Außerdem war ich immer noch damit beschäftigt, die möglichen Daten-Profile, Identitäten und diese spannend konstruierte Welt aus Realem und Virtuellem zu entziffern, während ihr erfahrenen Gamer längst den nächsten Schritt, Anna Kpoks nächste Aktion im Sinn hattet. Ich habe also noch versucht, zu verstehen und zu reflektieren, während ihr schon „eingetaucht" ward in diese virtuelle Realität der Smart-Homes. Hattest du denn auch tatsächlich das Gefühl, „eingetaucht" zu sein, „drin" zu sein in einer anderen Welt? Machst du diese Erfahrung überhaupt beim Gaming? Und wenn ja, hat es im Theater ähnlich funktioniert?

 

Juan Leon: Das wirklich gut gemachte Bühnenbild hat die Phantasie angeregt und ein Eintauchen vereinfacht. Und ja, generell fällt es mir leicht, mich in Videospielen zu verlieren, wenn es denn gut gemacht ist.

 

"realReality" im ringlokschuppen Ruhr, Mülheim; Foto: Stephan Glagla


Sarah Heppekausen: Wir bewegen uns in einer futuristisch anmutenden Wohnung. Ein Tisch spielt Musik und aktuelle Nachrichten ein, auf einem großen Display ploppen neue Mitteilungen auf, energiespendende Nahrung wie „gekämmte Beeren" und blaublubbernde Getränke gibt es an einer Säule per Knopfdruck, auf einer Wolken-weichen Liege kann Anna Kpok in 30 Sekunden einen Acht-Stunden-Schlaf genießen - ihre manipulierten, wegweisenden Träume werden auf einer großen Leinwand bebildert. Wir sammeln Gegenstände wie Schlüssel, Pakete, Fotos und Notizbücher ein. Welche typischen Game-Elemente hast du denn wiedererkannt? Was genau haben wir gespielt?


Juan Leon: Das Gespielte hat an ein Point-and-Click-Adventure erinnert. Es gibt dieses eine Szenario - im Theater der Raum mit verschiedenen Requisiten - in dem verschiedene Dinge eingesammelt, angeschaut und ausgelöst werden können. Die Umsetzung war meiner Meinung nach äußerst gut und auch das Verhalten, die Mimik und die Gestik des Schauspielers waren passend.


Sarah Heppekausen: Gaming Theater zeichnet sich durch Interaktivität aus. Als Spieler gestalten wir dieses Kunstwerk, gestalten wir Anna Kpoks „realReality" selbst. Wir erfahren eine Art Zukunftsszenario, indem wir es manipulativ gestalten. Jede Gruppe erlebt tatsächlich einen anderen Theaterabend, wir entscheiden über den Verlauf des ästhetischen Prozesses im Rahmen der vorgegebenen Spielregeln. Im Nachhinein denke ich, ach, hätten wir doch noch etwas mehr ausprobiert, Anna Kpok häufiger trinken und essen, sich umziehen, Musik hören lassen usw. Ich denke auch, da haben wir vielleicht etwas verpasst. Geht es dir ähnlich?


Juan Leon: Ja das empfand ich genauso, leider ist keiner aus unserem Team auf die Idee gekommen, gegen Ende hin die weiteren Möglichkeiten wenigstens mal anzutesten. Das könnte aber auch daran gelegen haben, dass das Ende dann doch etwas plötzlich kam...

 

Sarah Heppekausen: Anna Kpok bekämpft ihr Data-Double und befreit sich aus der Datenhölle.

 

Juan Leon: ...Eigentlich ein Grund, das Stück noch einmal zu besuchen.

 

"realReality" im Ringlokschuppen Ruhr, Mülheim; Foto: Stephan Glagla


Sarah Heppekausen: Waren die Erzählung um Anna Kpok, das Smart-Home in der realReality und die Verknüpfung von Point-and-Click-Adventures und Jump'n'Run-Spiel für dich als erfahrener Gamer stimmig?


Juan Leon: Ja, das würde ich schon sagen. So hätte definitiv ein modernes Computerspiel von heute aussehen können. Das Setting wäre sogar wirklich interessant für ein Point-and-Click-Adventure. Allerdings hat man dieses Szenario - künstliche Intelligenz und dessen Machtspiele - auch schon häufiger in Spielen oder anderen Medienformaten gesehen.

 

Sarah Heppekausen: Das Thema ist natürlich auch nicht neu im Theater, die Umsetzung des Game Theaters aber wirkungsvoll. „realReality" zeigt uns nicht den einen Standpunkt, die eine Sichtweise auf die Welt, sondern demonstriert uns unsere Gegenwart als eine Zeit der Optionen und der verschiedenen Perspektiven. Wir probieren, grübeln, lachen, raten, verzweifeln, zocken, scheitern und starten neue Versuche in einer Art Theater-Testparcours unserer Zukunft.

 

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„realReality" von Anna Kpok
Die Geschichte: Anna Kpok zieht um. Die Welt draußen ist noch härter und heißer geworden. Sicherheit und Wohlfühlambiente verspricht ein schickes neues Smart-Home des Anbieters „realReality". Wohnen dürfen dort diejenigen, die ihre Daten preisgeben. Die Situation: Anna Kpok ist ein Avatar und wir, das Publikum, sind die Spieler. Jeweils fünf Spielerinnen und Spieler entscheiden über seine Identität, steuern ihn durchs Apartment und kämpfen gemeinsam gegen sein Data-Double. Im Mülheimer Ringlokschuppen hat das Kollektiv Anna Kpok ein ausgeklügeltes, detailgenaues Live-Jump'n'Run-Abenteuer kreiert, das jedes Spiel aufs Neue variable Handlungsabläufe und eine andere Form des ästhetischen Erlebens ermöglicht.

 

UNSERE GESPRÄCHSPARTNER

Sarah Heppekausen
» geboren 1978, ist Theaterkritikerin und freie Autorin

 

Juan Leon
» 23 Jahre alt, Kaufmann im Gesundheitswesen

 

„Für mich ist Videospiele spielen pure Entspannung. Wenn die Zeit es erlaubt, ist spielen mein liebster Zeitvertreib. Meistens spiele ich Shooter- und Rollenspiele. Ich finde Theater ist eine super Alternative zum modernen Kino. Ich suche mit meiner Freundin inzwischen häufiger das Theater als das Kino auf."

 

Das Interview ist zuerst in der November-Ausgabe von "Die Deutsche Bühne" erschienen.