Die Performer entführen das Publikum in die neue Welt. © Juri Padel

Schöne neue Welt?

 

„Kitty Hawk" ist nicht nur die Stadt, in der 1903 die ersten motorisierten Flüge stattfanden: So nennt sich auch ein neues Theaterprojekt am Berliner Theaterdiscounter, das am 14.06.2019 Premiere feierte. Wie wird die Welt aussehen, wenn der Mensch ausgestorben ist? Eine Welt, die beherrscht ist von Künstlicher Intelligenz? Unsere Autorin wurde Teil der zweiten Vorstellung - und fand sich in der Zukunft wieder.

 

Von Antonia Ruhl

 

Es ist soweit, endlich und endgültig: Mit der Menschheit ist es aus und vorbei, jetzt regiert die Künstliche Intelligenz! Willkommen zur Trauerfeier, zum Abgesang auf den Menschen: Schön, dass wir alle hergefunden haben. Die Zukunft kommt jetzt zu uns, sie ist schon fast da, lasst uns Abschied von uns selbst nehmen! Weil es nämlich gleich schon zu spät ist, knipst Schauspielerin Emilia von Heiseler noch schnell ein Erinnerungsfoto von uns - also dem Publikum, das am 16. Juni „Kitty Hawk" im Berliner Theaterdiscounter besucht. Und dann setzt es ein, das Zeitalter der KI, des Kalküls, der Auflösung von Subjekt und Objekt, der endlich befreiten Vernunft: Kitty Hawk bricht sich tänzerisch Bahn durch den Zuschauerraum in Gestalt des Performers Kyle Patrick, sie (es?) macht sich gewaltsam Emilia von Heiselers Stimme zu eigen wie einst der antike Gott Apollo die seiner Orakelpriesterin Pythia.

 

Irgendwie sind die Menschen ja auch selbst am eigenen Aussterben schuld. Arbeiten seit Jahrzehnten fleißig an der Automatisierung menschlichen Verhaltens, befeuern den technischen Fortschritt zum Preis ihrer Unabhängigkeit und nicht selten ihrer ethischen Grundsätze. Das Ende des Menschen ist da nur ein natürliches, nicht weiter beklagenswertes Resultat. Diese nüchterne Behauptung macht Schauspieler und Regisseur Juri Padel nun zum Anlass, eine posthumane Welt zu denken und zu erfinden: Die ist entgegen der Erwartung überhaupt nicht künstlich-kühl und durchrationalisiert, sondern stimmungsverhangen und archaisch. Ein Fest der Widersprüchlichkeiten! Dabei erklärtermaßen gesucht: der Kitty-Hawk-Moment - der Moment, in dem Unmögliches möglich wird.

 

Das Unterfangen ist gut recherchiert. Mit besonderem Rekurs auf Jørgen Leths Film „The Perfect Human" (1968) und Stanislaws Lems Buch „Also sprach Golem" (1981) sowie unter Rückgriff auf viele weitere berühmte Menschenbeschreiber erzeugt Juri Padel ein durchlässiges Textgewebe: faktenbasiert und assoziationsgeladen gleichermaßen. Emilia von Heiseler etwa vollzieht in einer Art Lecture Performance* bedeutende technische Entwicklungen wie die ersten motorisierten Flüge in der US-amerikanischen Stadt Kitty Hawk nach; aber schnell macht sich gerade Padels künstlerische Nähe zu immersiven Theaterformen** bemerkbar - auch an einem Abend, der sich „partizipativ" nennt, die klassische Theatersituation aber weitestgehend wahrt. Da gibt es intensive Musiken (verantwortlich: Tom Förderer), bedrohlich, düster, kosmisch. Wie im Museum sind da Reliquien des vergangenen Menschengeschlechts zu bestaunen: Gläsern präsentiert sich eine Tafel mitsamt Stühlen und Geschirr (Ausstattung: Julia Bahn), die die Performenden vorsichtig erkunden, begleitet von Videoaufnahmen, die das Live-Geschehen geschickt überblenden (Video: Philip Hohenwarter). Hier zeigt sie sich, unsere enträtselte und geheimnislose, bis ins letzte durchleuchtete Kultur.

 

Der Abend wird getragen von vielen kleinen, tänzerischen, präzise ausgearbeiteten Erzählungen über die Mechanisierung, „Kultivierung" des Körpers und dessen Instandhaltung, über längst vergangen scheinende Regungen der Natur und die fatale Ichbezogenheit des Menschen, der zum nötigen Überblick nicht begabt ist. Höhepunkt und beeindruckende Feier des Rituals: der Totentanz von Kyle Patrick, der sich zum Trommelrhythmus bis zur Ekstase geschmeidig durch den Raum bewegt, bis der schließlich komplett aufreißt.

 

Am Ende stehen wir - also das Publikum von „Kitty Hawk" am 16. Juni - dann doch alle auf der Bühne herum, in der Dystopie***, die sich als das Gegenteil ausgibt, und werden willkommen geheißen in der neuen Welt. Trinken Limo. Nach wie vor herrscht eine undurchdringlich-rätselhafte Stimmung, ein Pfeil mit dem Wort „Exit" leuchtet plötzlich an der Wand auf. Die Performenden verschwinden kommentarlos durch den Notausgang. Eine Handlungsanweisung? Es scheint zumindest scheint dringend eine geboten!

 

 

* Eine Lecture Performance verbindet Methoden des Vortrags mit kreativen Elementen.
** Immersivem Theater werden u. a. begehbare Parallelwelten zugeordnet, in denen das Publikum in einen direkten Kontakt mit den Performenden und dem Kunstwerk kommt.
*** Eine Dystopie ist eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang (laut Duden).