Foto: Jakob Studnar

Zwischen Paranoia und Realität

 

 

Regisseur Matthias Heße vermischt in seinem Stück „Illuminatics. Ein Mindfuck-Workout in 23 Stufen“ Verschwörungstheorien mit Trash, Absurditäten und Illusion. Heraus kommt ein humorvoller und nicht ernst zu nehmender Abend.

 

Von Maike Grabow

 

Ob um die Illuminaten, die JFK-Ermordung oder die Zahl 23: Verschwörungstheorien sind in einigen Kreisen der Gesellschaft fest verankert. Man kann von einem Verschwörungswahn sprechen, wenn jemand hinter allen Dingen größere Zusammenhänge und eine Geheimorganisation vermutet. „Warum ohne leben?“, fragt sich Celine Hagbart (Elisa Reining).

 

In seiner dritten Arbeit als Regisseur beschäftigt sich Schauspieler Matthias Heße am Schlosstheater Moers mit Absurditäten, Verschwörungen, Paranoia und künstlicher Intelligenz. Das Stück „Illuminatics. Ein Mindfuck-Workout in 23 Stufen“ richtet sich lose an die Kult-Trilogie „Illuminatus!“ von Robert Shea und Robert Anton Wilson und ist genauso verwirrend wie diese. Es geht von Stufe 1 „Höre den Startschuss“ bis Stufe 23 „Am Schluss wird geheiratet“.

 

Abgekapselt vom Rest der Welt wird die zum Theater umgebaute Friedhofskapelle, eine eher ungewöhnliche Spielstätte, zu einer eigenen Realität mit anderen Regeln und Bedingungen. Es wird gekonnt mit verschiedenen Ebenen im Bühnenbild und Zuschauerraum gespielt sowie die Grenzen zwischen ihnen überwunden. Die Zuschauer sitzen mit im Wohnzimmer einer Familie – bestehend aus dem Alt-Hippie Neuss (Patrick Dollas), der Halb-Piratin Celine Hagbart sowie Tierrechtsaktivistin Brute (Lena Entezami) – und ihrem IT-Sicherheitsexperten Georg Dorn (Roman Mucha), die sich ganz der Welt der Verschwörungen hingeben. Durch die geringe Distanz sind die Zuschauenden hautnah dabei, sie erinnert einem an die Aufnahme einer Sitcom. Alles wirkt futuristisch, zusammengemixt mit Elementen aus den 80er und 90er Jahren. Ein gutes Beispiel dafür ist die KI der Familie: FUCKUP ist ein First Universal Cybernetic-Kinetic Ultra-Micro Programmer. Im Wesentlichen kümmert er sich darum, die Menschen morgens aufzuwecken, das Hexagramm des Tages zu verlesen und die Menschen zu ärgern. Was ihm in der Gestalt von Furby, das nervige Spielzeug aus den späten 90er Jahren, auch gut gelingt.

 

Das Ziel der Familie ist, ihre Verschwörungstheorien zu verbreiten. Doch eigentlich wollen sie nur etwas tun – und was eignet sich dafür besser als ein eigener Kanal von der Internet-Ikone Celine Hagbart? Und mal ebenso wird der Umgang der gegenwärtigen Gesellschaft mit Medien parodiert. Ob da tatsächlich der echte Eugen Drewermann sitzt oder sein Körper nur reinprojiziert wird, spielt keine Rolle. Hauptsache mehr Follower, Likes und Käufer. Geht es noch darum, den nahenden Weltuntergang zu verkünden oder nur die Konkurrenten zu überbieten? Alles scheint Illusion zu sein. Wie Georg Dorn zu Beginn verkündet, wird er verschiedene Rollen an diesem Abend spielen, denn jeder spiele im Leben mehrere Rollen. Deswegen ist er nicht nur Georg Dorn, sondern auch der Delfin und Mitglied eines Delfin-Geheimbundes Howard sowie der unheimliche Nachbar Dillinger. Am Ende vermischen sich die Figuren, die er spielt. In Wahrheit ist er alle – oder alle sind eine Illusion.

 

Der Abend versucht durch ein paar intensive Monologe von Celine Hagbart, die an einer Existenzkrise leidet, an Ernsthaftigkeit zu gewinnen. Doch das wird durch den nächsten Trash zerstört, egal ob schlechter Porno, billige Sketsche oder viele Wiederholung, der Regisseur greift tief in die Schatzkiste des Humors. Ernst nehmen kann man das Stück nicht. Und wer sich nicht mit den ganzen Verschwörungstheorien auskennt, dem wird es schwerfallen, die Verbindungen zu erkennen. Doch nachlesen kann dies jeder auf der Internetseite der Illuminatics. Das Stück ist so überladen mit Themen, Illusionen, vermischten Realitäten, Trash und Absurditäten, dass man nicht von einem stringenten Handlungsverlauf sprechen kann. Zu schnell verlieren sich die Figuren innerhalb der Handlung und schlagen neue Wege ein. Doch was ist das Stück – eine Sitcom, eine Komödie oder tatsächlich Realität?