Foto: David Espinosa

Im Spiegel des Spielzeugs

 

Puppen, Stofftiere, Modellbaufigürchen - kaltes Plastik wird dramatisch beim Figurentheaterfestival „No strings attached" der Mainzer Kammerspiele

 

Von Meike Hickmann

 

Wie ähnlich muss eine Puppe dem Menschen sein? Wie kann sie sprechen, wie kann sie sich bewegen? Wie groß muss sie sein? Was passiert, wenn wir versuchen uns selbst darzustellen - mit Plastik und Holz, Leim und Wolle? All diese Fragen drängen sich auf bei dem Figurentheaterfestival „No Strings attached" der Mainzer Kammerspiele, die vom 27. April bis 7. Mai ein Programm vom Miniaturtheater bis zur Darstellung mit Spielzeug anbieten.

 

Ist das Theater erst mal von den Grenzen des Mensch-Seins befreit, kann es Panoramen und Zeitraffer nutzen, Stilmittel, die sonst dem Kino vorbehalten sind. Trotzdem haftet dem Puppenspiel auch immer etwas Merkwürdiges an durch die unbewegliche Miene, die nicht vorhandene Mimik, die zur Projektion einlädt. Und dann ist da noch dieses Fast-Menschliche, das „Uncanny Valley" auf dem Weg von Maschine zu Mensch, kurz vor der vollkommenen Ähnlichkeit mit lebendigen Menschen wird es uns unheimlich.

 

Ein Effekt, den sich auch „Plexus Polaire" in „Cendres" (Asche) zu Nutze macht. In dem beklemmenden Stück über einen Pyromanen, der ein ganzes Dorf niederbrennt, wird die Puppe erschreckend lebensecht. Hier kennzeichnet sie zudem eine eigene Erzählebene: Denn ein sympathisch verlotterter Schriftsteller - gespielt von einem Menschen - sucht die Geschichte des Pyromanen zu erzählen. Doch der Brandstifter entführt und verführt ihn immer wieder in den eigenen Bereich der (Selbst)- Zerstörungswut. Es gehört zu den stärksten Szenen, als der Brandstifter immer wieder aus dem Dunkel hinter dem Schreibtisch auftaucht, mal auf der Schulter, mal auf dem Arm. Er umgarnt, besetzt ihn, ringt mit ihm buchstäblich um den Text.

 

Der Autor verfällt in Alkoholismus, er wird selbst zur Puppe, denn ihn bewegen plötzlich fremde Mächte, die ihm immer wieder ein Glas zum Austrinken hinstellen. Es gibt noch viele starke Szenen in diesem beeindruckenden Stück: ein lautloses Monster, starre Puppen als anklagende Opfer, die Rolle des Schriftstellervaters, wo der Größenunterschied der Puppen menschliche Beziehungen bebildert, die gesteigerte Zerstörungswut, bis der Pyromane selbst von innen brennt. „Asche" kommt ohne Sprache aus, die Puppen erzählen nur mit Bewegungen, mit starrem Blick und laden wie Romanfiguren durch ihre glatte Fläche zur Projektion unserer eigenen dunklen Gefühle ein.

 

An einem anderen Abend sieht man einem Erwachsenen dabei zu, wie er mit Kuscheltier und Plastikfiguren spielt. Im Grunde ist Ariel Dorons „Plastic Heroes" genau das und doch viel mehr: Antikriegstheater mit Stofftier und industriegefertigten Spielzeug. Doron hinterfragt mit seinem Stück bitterböse, warum sich Menschen unbedingt bekriegen müssen und gleichzeitig, warum Menschen gerne Krieg spielen und das von klein auf. Die Faszination des Jagens, noch unschuldig verspielt, äußert sich in der Figur des Stofftiegers, überlebensgroß zu dem Plastikkriegsgerät. Dank Doron erwacht er geradezu zum Leben, niedlich wie ein Hauskätzchen tobt er dem Panzer hinterher und tatscht mit der Pfote nach Haubitzen.

 

Diese Szenen wechseln sich ab mit Kinderspielzeug aus dem Kriegsbereich: Hubschrauber, die so laut sind, dass sie jede Konversation übertönen, die Sinnlosigkeit der Unterwerfung in die starre militärische Hierarchie, das spaßige Blinken von Düsenjets für Kinder. Der Aspekt des Heldentraums steigert sich schließlich zu einer äußerst witzigen Szene, in der ein auf dem Boden krabbelnder Soldat sich entschließt lieber ein tanzender Star zu sein: Nimmt man ihm die Waffe weg und stellt ihn aufrecht auf dem Dancefloor, schwingt er plötzlich die Hüfte zu Bonnie Tylers „I need a hero", statt sich anzuschleichen. Besonders Dorons völlig humorfreier Gesichtsausdruck, während er mitreißend Playback singt, macht die Situation urkomisch.

 

Weil er leider nicht das Geld dazu hat, mache er keine Stücke für große Bühnen, erklärt David Espinosa zu Beginn von „Mi gran obra" (Mein großes Werk). Deshalb brauche er ein eigenes Theater, preiswert und bitte mobil. Was wie ein unmöglicher Wunsch klingt, habe ihm ein extra dazu beauftragter Architekt schon geschaffen: Ein Koffer. Mit Modellbaufigürchen, Maßstab 1:87. Bei Bedarf bitte Operngläser benutzen, weist Espinosa seine 20 Zuschauer an - mehr passen wirklich nicht um den kleinen Tisch herum, auf dem sich jetzt großes Welttheater entspinnt.
Ein Leben im Zeitraffer: Geburt, Kindheit, erste Liebe, Heirat, wieder Kinder, Tod, Grab. Schnell stellt Espinosa die Figürchen hintereinander, die ganze Melancholie der Endlichkeit wird sichtbar, die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens äußerst sich in den zierlichen Minifigürchen. Besonders der schnelle Wechsel, das Kippen von Situationen beherrscht Espinosa virtuos: In wenigen Sekunden wird eine fröhliche FKK-Strandszene in eine Baugrube verwandelt, in der Menschen schuften. Ein rummeliger Marktplatz wird gefährlich, als ein Exhibitionist auftaucht.

 

Alles verschwindet, alles wieder neu: Ein Elefant, ein Weihnachtsmann, Leute, die aufs Klo gehen, Flamenco-Tänzerinnen, Demonstranten - immer mehr, immer mehr schneller verdichtet sich die Szene bis die Gefahren und Brüche in ihr verschwimmen: Der Ku-Klux-Klan neben den Heiligen Drei Königen, die Polizei, die auf einen knieenden Mann die Waffe richtet. Zum Schluss häuft sich alles zu einer Menschenmasse, einem Menschenberg, grausamer Abfall, der droht mit dem Bulldozer abgeräumt zu werden. Schreckliche Assoziationen zu Massengräbern drängen sich auf, dann wird ein Mann dazu gestellt, erst blickt er auf den Berg, dann wendet er sich langsam ab.

 

„Half past selber schuld" greift mit „Kafka in Wonderland" wieder tief in die wunderbare Spielzeug-Kiste des schwarzen Humors: Es geht um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit. Sterben? Das ist doch überholt und „zudem ziemlich langweilig", erklärt ein sonderbares Puppengesicht zum Säusel-Gesang zweier Begleiter. Bewusstseins-Upload, wie wäre es damit? Und schon entspannt sich ein abstruses Gedankenspiel, dass sich durch das ganze Stück zieht als die Sendung „Nachrichten aus dem Reich der Toten": Ghostrobots, die von ihren Hinterbliebenen schon vergessen wurden und sich jetzt im Cyberspace nur noch übers Wetter unterhalten, während man sie des Terrorismus verdächtigt. Oder Discounter-Clouds, in der man sein ganzes zweites Leben in schlechter Auflösung verbringt - und das bis in die Ewigkeit.

 

Die Kreativität heute existente Zukunftsvisionen ins Absurde zu steigern ist die große Stärke des Stücks. Eine Tötungsmaschine auf zwei Beinen, die sich eigentlich für Kunst und dann doch fürs Morden interessiert. Eine hochintelligente Mikrowelle, die hilft ein „instant-baby" zu gebären, dann aber leider das Sorgerecht für es einfordert. Ein verrückter Massenmörder, der von einem Frankensteins-Monster-Verschnitt und einem Stuhl mit Armen geheilt werden soll. Aber das Böse im Menschen bahnt sich immer seinen Weg: Das fette Pappmaché-Kaninchen, an dem der Mörder mit Karotte und Messer seine moralische Entscheidungsfähigkeit prüfen soll, kommt auf die unterschiedlichsten Arten zu Tode. So viel Spaß Einfallsreichtum, Detailliebe und phantastischer Science-Fiction-Stil machen - es bleibt hintergründig. Etwa, wenn die putzige Self-driving-car Carl zu einem Unfall-Dilemma sagt: „Gut, dass ich das nicht entscheiden muss. Sondern ihr das vorlanger Zeit schon entschieden habt."

 

So zeigt „No Strings attached" facettenreich, was passiert, wenn man Erwachsenen nochmal Spielzeug in die Hand drückt. Ein Festival, das zeigt, dass Menschen mit Puppe und Objekt alles spielen können, was ihnen die Phantasie so gebietet - und verbieten würde, hält man sich an die Grenzen des eigenen Körpers. Die einzige Veranstaltung, die nicht dazu passen will, ist der Puppetry Slam: Dieser Comedy-Abend mit pinkem Vogel, nackten Hintern und Grillwürstchen, die von Hackfleisch verspeist werden, fällt neben den künstlerischen Ambitionen der anderen Stücke doch arg raus.