Foto: Esra Rotthoff

Du kannst nicht mehr warten?

 

Unruhe macht sich breit unter den Aktionist*innen im Jugendtheaterclub des Gorki Theaters. Mit „Du kannst nicht mehr warten?" entlädt sie sich unter der Leitung von Theresa Henning am 7.6. im Studio R. Ein Ausbruch, der Spaß macht.

 

Von David Meiering

 

„Hast du ein Problem mit mir?" - „Was?" - „Ob du ein Problem mit mir hast?" Probleme gibt es viele: Verunsicherung, die Bestätigung durch Andere, die Unfähigkeit, miteinander reden zu können, Bedürfnisse einzufordern, überhaupt sich mitzuteilen. So kann Jen nicht sagen, was sie eigentlich von Matondo will. Eine andere Darstellerin kann die Stille im Small-Talk nicht ertragen. Eine dritte will sich endlich um sich selber kümmern, statt immer nur für andere da zu sein. Ein vierter will wissen, was das ist: die Liebe. Was klar ist: Man darf kein Fake sein. Wird man dabei nicht „ein bisschen Psycho", wie eine Darstellerin sich fragt? Mit diesen Fragen und Herausforderungen setzt sich die neueste Produktion des Jugendtheaterclubs am Gorki auseinander.

 

Das Misslingen der Kommunikation ist eines der bestimmenden Themen des Stückes. Ausgangspunkt des theaterpädagogischen Prozesses war die Frage „Worauf kannst nicht mehr warten?" Wer sagen soll, worauf er nicht mehr warten kann, muss sich zuerst selbst kennen und verstehen können. Aber schon dieser erste Schritt ist schwierig, wie der Anfang des Stückes zeigt: Ein Jugendlicher hockt allein auf einer schwarzen Bank auf der ansonsten leeren Bühne. Plötzlich durchfährt ein Schauer seinen Körper. Dann zuckt ein Arm, der Kopf, die Beine. Immer stärker krampft er, fällt von der Bank und windet sich auf dem Boden. Presst gegen die Bank, prallt gegen Wände. Etwas in dem Jugendlichen möchte ausbrechen - die nächsten 90 Minuten sind die Suche nach dieser zunächst unbestimmten Ungeduld in ihrem Inneren.

 

In kleinen Einzelszenen gehen die Jugendlichen mal spielerisch-witzig, mal eindringlich-wütend ihrer inneren Spannung auf den Grund. Da ist zum Beispiel der eigene Körper. Auf einmal wachsen überall Haare, Brüste, alles spielt verrückt, nichts funktioniert. Wann ist der Körper endlich fertig? Als wäre das nicht genug, muss man sich auch noch damit auseinandersetzen, was die Gesellschaft als ‚typisch männlich‘ und ‚weiblich‘ ansieht. Überhaupt geht es beständig darum, einem Idealbild entsprechen zu müssen - oder sich diesem Druck zu widersetzen.

Das gilt nicht nur für Geschlechtsstereotype. Ob es die Hautfarbe ist, die Herkunft oder die Sprache - ständig wird den Jugendlichen vor Augen geführt, was passt oder nicht passt. Matondo Castlo berichtet davon, wie seine Mutter ihn davor warnte, nach 18 Uhr noch alleine auf der Straße zu sein - wegen seiner Hautfarbe. Dann erzählt er von der himmelschreienden Ungerechtigkeit angesichts des immer noch nicht aufgeklärten Todes von Oury Jalloh. [Link: https://www.youtube.com/watch?v=J-gZOZa2H90]. Der Sierra Leoner war 2005 unter bis heute ungeklärten Umständen in einer Dessauer Polizeistation verbrannt. Andere Schauspieler*innen sprechen die Absurditäten der deutschen Bürokratie an oder können es nicht mehr erwarten, endlich wählen zu können.

 

Allmählich zeichnen die Szenen ein Porträt der zuvor unbestimmten inneren Unruhe. Zuweilen wirken diese Beiträge etwas zusammenhanglos. An dieser Stelle hätte man die Szenen vielleicht thematisch stärker ordnen können um die einzelnen Erfahrungen der Schauspieler*innen in einen besseren Gesamtzusammenhang zu bringen. Gleichzeitig werfen die Aktionist*innen eine zweite Frage auf: Wie können sie diese Unruhe in ein Handeln überführen? Beispielsweise durch die Fähigkeit sich anderen mitzuteilen. „Worauf ich nicht mehr warten kann: dass jemand anders etwas in Worte fasst, was ich nicht formulieren kann und runterschlucken muss". Zum einen wird im Stück deutlich, dass die Kultur dem Individuum nur bestimmte Verhaltensmuster zur Verfügung stellt. Es gibt kulturelle Muster für Dates und Achselhaarlängen, aber kaum Muster dafür, wie man sich gegen die Hand eines anderen auf dem Oberschenkel wehrt. Zum anderen fällt an mehreren Stellen auf, wie stark die Jugendsprache bereits von neoliberalen Mustern infiltriert ist. „Ich kann nicht darauf warten, die beste Version meines Selbst zu werden", heißt es an einer Stelle. Die Jugendlichen spüren den Drang, ihr Selbst zu optimieren, noch bevor sie überhaupt ein Selbst geworden sind. Die Stimmen im Kopf, so eine andere Stelle, mögen endlich verstummen. Statt der inneren Stimme zu folgen, wünschen sie sich „Peace of Mind". So schlägt die Sorge um sich selbst in Selbstsedierung um.

 

Von Anfang an versuchen die Schauspieler*innen eine Form des gemeinschaftlichen Handelns zu finden. Dabei spielen Bewegungen eine zentrale Rolle: Drei Jugendliche steigen auf eine Bank, strecken ihre Fäuste in die Luft und rufen: „All the power to the people". Aber sanfte Aerobic-Abläufe bringen niemanden in Wallung. Also versuchen sie es auf andere Weise. Eine junge Frau in Sportkleidung (Johanna Jessen) läuft im Kreis. Kann sie aus ihrer Laufbahn ausbrechen? Trotz der Anstrengung bleibt sie gefangen. Die Energie, die keinen Ausweg findet, wird zur Neurose. So zeigt ihre wiederholte Laufrunde eindrucksvoll die Warteschleife, in der die Aktionist*innen noch gefangen sind wie Hamster in einem Laufrad.

 

Mit jeder kurzen Szene kommen mehr Schauspieler*innen auf die Bühne. In den Übergängen wird die Musik drängender, der Tanz chaotischer. Füße stampfen auf den Boden. Allmählich wird die Wut spürbar im Widerstand gegen die Fremdbestimmung. „Ich kann nicht mehr darauf warten, das zu machen, was ich machen möchte". Die Jugendlichen merken, dass sie nicht in vorgefertigte Muster passen: „wie ein Mandala, aus dem rausgemalt wurde". Sie rebellieren auch gegen die eigenen Idealbilder, die ihrer Freiheit entgegenstehen.

 

Zuletzt gipfelt das Stück in einem dionysischen Höhepunkt. Zu „Black or White" von Michael Jackson brechen die 16 Aktionist*innen in enthusiastisches Tanzen aus. Die inneren Impulse finden endlich ihren Weg nach draußen und verstärken sich gegenseitig. Im formvollen Chaos haben sie eine Ausdrucksform gefunden. Dieser Ausbruch ist derart mitreißend, dass das Publikum nach und nach auf die Bühne strömt, sodass beinahe alle Zuschauer*innen im Studio R selbst zu Aktionist*innen werden und diese gelungene Premiere feiern.