Foto: David Konečný

Suche nach Tiefe

 

Das Festival „Cirkopolis", das vom 10. bis 16. Februar 2019 in Prag stattfand, gibt New-Circus-Inszenierungen aus Europa eine Bühne. Es zeigt sich, dass sich das „Neue" nicht durch Technik, nicht durch Material, sondern in der Suche nach performativer Tiefe ausdrückt.

 

Von Laura Brechmann

 

Der Neue Zirkus (frz. Noveau Cirque) ist in den 80er Jahren in Frankreich entstanden und setzte sich allmählich in der französischen und dann auch europäischen Kulturszene durch. Die Genrebezeichnung „Neuer Zirkus" ist somit schon seit längerem kein Novum mehr in den darstellenden Künsten Europas. Die Publikumsgemeinde wächst, neue Schulen und Gruppen entstehen. Internationale Artisten und Kompagnien kombinieren immer häufiger ihre traditionelle Zirkuskunst, die von Jonglage bis zu Luft-, Seil-, und Hand-to-Hand-Akrobatik reicht, mit Theater, Tanz und Performancekunst. Komplexe Inszenierungen, wie die von Jean Le Guillerm, Camille Boitel oder Jörg Müller, gehen weit über klassische Zirkusnummer hinaus. Kraft und Poesie der Inszenierungen beruhen auf reiner Körperlichkeit und einem sensiblen und tief-sinnlichen Umgang mit dem Material.


Die Produktionen des „Cirkopolis"-Festival, das jährlich vom Kulturzentrum Palác Akropolis und dem Zirkuszentrum CIRQUEON ausgerichtet wird, lassen diese Einflüsse erkennen. Zunächst zeigt sich jedoch lediglich, dass Zirkuskunst nach wie vor sehr gute Unterhaltung sein kann. Dies beweist die Produktion „Loop" (FR) des Kollektiv Cie Stoptoi (Neta Oren, Gonzalo Fernandez) unter Beteiligung des Musikers Gaëtan Allard. Oren und Fernandez wissen die Jonglage Bälle und die faszinierend flexiblen Plastikringe auf überraschende Weise einzusetzen. Das Material, und hier wird es interessant, erlangt in „Loop" eine gewisse Selbstständigkeit. Es „spielt" mit den Performern und reagiert wann und wie es möchte. Diese Ebene des Unkontrollierbaren und Zufälligen, die unter den Shownummer aufblitzt, ist spannend. Doch die Dramaturgie ist simple. Zirkusnummer reiht sich an Zirkusnummer. Es wird schwieriger und aufwendiger. Das Publikum staunt über das Können der Artisten. Aber berühren tut es nicht. „Neues" findet sich auch in der Inszenierung „Memo" (NL/BL) von Zinzi&Evertjan nicht. Eine Beziehung. Mann und Frau. Ein unüberbrückbar scheinender Konflikt. All das findet sich in dieser Inszenierung wieder. Doch obwohl die Thematik, da schon unzählige Male erzählt, mutig gewählt ist, ist die Inszenierung nur wenig überzeugend. Die Hand-to-Hand-Akrobatik ist höchst anspruchsvoll, sie wird von ihm durch die Luft gewirbelt, hochgeworfen, aufgefangen, aber in dieser Kunst erzählt sich nur wenig von Brüchen und Verletzungen, Konflikten und Spannungen zwischen Individuen.


Doch es geht auch anders. In der Inszenierung „Dó" (CZ) zum Beispiel, nähert sich AMU-Absolvent Lukas Blaha unter Einsatz der weißen Jonglage-Bällen seiner Performancepartnerin Eva Stará zaghaft und beobachtend. Die Beziehung von Performer und Material ist beinahe symbiotisch. Das Zirkusmaterial gewinnt, in dem Blaha es untersucht, herausfordert, erforscht, an performativer Kraft und zeigt, dass auch Jonglage eine vielschichtige Kunstform sein kann. Eine ähnliche Sprache lässt sich in der Produktion „Acrometria" (CAT) der Kompagnie PSiRC entdecken. Die Inszenierung überzeugt durch beeindruckende akrobatische Technik. Wanja Kahlert, Adrià Montaña und Anna Pascual montieren ihre Disziplinen geschickt, um von Begegnungen zu erzählen, die verstörend wie poetisch zugleich sind. Trotz dem Einsatz einer Chinese Pole-Stange und viel Hand-to-Hand Akrobatik kann somit von Shownummern keine Rede mehr sein. Ebenso wissen die Luftakrobatin Eliška Brtnická in ihrer site-specific Performance „Opticon" (CZ) und die Kompagnie Lonely Circurs in der Produktion „Mass Critique" (FR) ihr „Zirkushandwerk" einzusetzen. In intensiver Auseinandersetzung von Performer und Material wird versucht Narrative zu finden, die in die Tiefe gehen und poetisch wie kritisch zugleich sind. Diese Versuche, so die Vermutung, sind das „Neue" im Zirkus, dass es nun zu entdecken und auszubauen gilt. Denn Mut zu szenischen Experimenten, die die Grenzen des Zirkus zu anderen Disziplinen verschwimmen lassen, sind bei „Cirkopolis" nur in vorsichtigen Anklängen zu finden. Die klare Sprache des Zirkus mit seinem Handwerk und seinen Figuren erscheint wie ein Sicherheitsraum, den zu verlassen ein, vor allem für junge Kompagnien, noch nicht einzuschätzendes Risiko ist.

 

 

 

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Foto: Arno Declair

Von Zeitdieben und Elternmördern

 

"Der Plan von der Abschaffung des Dunkels" ist die Bühnenadaption des Romans "Die beinahe Geeigneten" von Peter Høeg. Regisseurin Nora Schlocker bringt sie mit dem Jungen DT auf die Bühne des Deutschen Theaters Berlin. Premiere war am 12. Februar 2019.

 

Von Magdalena Sporkmann

 

 

Die Wände kommen näher und die Zeit rennt davon. - Peter und Katharina leben in einer Privatschule. Pünktlichkeit gilt dort als größte Tugend. Doch was geschieht, wenn jemand sich nicht an das strenge Regiment hält? Mit dem neuen Schüler August kommt auch das Chaos und die Kinder finden heraus, dass man der Zeit nicht einfach ausgeliefert ist, sondern sie selbst erschaffen kann.

 

Was wie eine poetische Metapher über das kindliche Begreifen des subjektiven Empfindens von Zeit klingt, entpuppt sich als düsteres Portrait physischer und psychischer Gewalt gegen Kinder: Zwänge, Demütigungen, Schläge, Vernachlässigung. Dem unfähigen oder verstorbenen Elternhaus entrissen, sollen die Kinder nun auf dem engen Weg, den ihnen die Privatschule vorzeichnet, „ans Licht“ geführt werden. Dort dient die Zeit als Normierungsinstrument und formuliert einen Anpassungsdruck, der große Angst erzeugt.

 

Das 15-köpfige Ensemble junger Laiendarsteller*innen zwischen 12 und 22 Jahren leiht den Protagonist*innen verschiedene Gesichter. Alle stecken in derselben grauen Hose und weißen Bluse, aber ihre Stimmen, Körper, Temperamente könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Plan der Regisseurin, dass die Figuren dadurch „wachsen“ und vielschichtiger werden, sodass das erzählte Einzelschicksal eine Allgemeingültigkeit erlangt, geht auf. Es entsteht ein lebendiges Bild des wundersamen schöpferischen Reichtums, den allein die Kindheit birgt. Katharina, Peter und August sind dabei zunächst eine Schicksalsgemeinschaft im Kampf gegen die Bedrohung ihrer Kindlichkeit durch die Erwachsenen, aber sie entfalten in diesem Kampf eine Kraft, die sie bewusst füreinander einstehen lässt. In der Gemeinschaft finden Peter und Katharina ihren persönlichen Weg zum Licht – und zwar durch Liebe, nicht durch Gehorsam.

 

Licht und Dunkel sind auch die bestimmenden Elemente des Bühnenbildes. Die vermeintliche Rückwand der Bühne bildet ein Spiegel. Bei entsprechender Beleuchtung wird er durchsichtig und gibt den Blick auf den – wesentlich größeren – Bühnenraum dahinter frei. Zunächst undurchdringlich wird diese Spiegelwand bald zu einem Tor, durch das die Kinder frei wandeln können, wie durch die Zeit. Aus Gefangenen der Zeit werden so Herrscher*innen der Zeit.

 

"Der Plan von der Abschaffung" des Dunkels inszeniert als Vision die Ermächtigung der Kinder gegen die Unterwerfung durch ihre Eltern und Erzieher*innen. Diese starke und bewegende Anklage gegen autoritäre Erziehungsmaßnahmen und unsinnige (vermeintlich erwachsene) Erwartungen gegenüber Kindern ist harter Tobak für Publikum wie Darsteller*innen: Auf der Bühne wird geschubst, geschlagen, an den Haaren gezogen, ins Gesicht getreten, werden Knochen gebrochen und Menschen mit Benzin übergossen.

 

Warum muss Folter eigentlich immer wieder szenisch nachgestellt werden? Schließlich vertraut die Regisseurin auch auf die Vorstellungskraft des Publikums als sie August erzählen lässt, wie der Erzieher sich immer auf seine Füße stellt, während er ihm seine Medizin verabreicht: „Ich kann dann nirgendwo hin.“ Diese Geste der Unterwerfung ist allein in der Erzählung so schmerzhaft und der bescheidene Zusatz des gedemütigten Kindes so traurig, dass sie sich in die Erinnerung prägen. Einen erniedrigenden Akt stattdessen zu reinszenieren, verstärkt ihn auf groteske Art und Weise.