Thema des Monats - April 2017

Insight Malá inventura

 

In der Erwartung eines Festivals mit Diskussionen rund um das Neue im Theater, artist talks und langen Nächten verbrachte ich einige Tage beim „Malá inventura - Festival of New Theatre" (22.02. bis 01.03.2017) in Prag - und begegnete Menschen, die mehr an ihrer Professionalisierung als an thematischer Auseinandersetzung interessiert waren.

 

Von Laura Brechmann

 

Malá inventura bedeutet im tschechischen so viel wie „kleine Inventur". Ein Betrieb schließt also seine Türen, überprüft wie viel Ware auf Lager ist, zählt diese durch. Eine wenig beliebte Arbeit. Doch wie läuft eine Theaterinventur ab? Beim Malá inventura - Festival of New Theatre lässt es sich beobachten. Von der tschechischen Kulturinstitution /Nová Síť/ 2002 gegründet wird nun bereits zum 15.Mal zur Inventur nach Prag geladen. Die zahlreichen frei produzierenden Divadlos (dt. Theatern) öffnen für eine Woche ihre Theatersäle und bieten den „außergewöhnlichsten Produktionen des letzten Jahres" Spiel- und Freiräume zur Präsentation an.

 

Prag ist eine der Städte mit der höchsten Theaterdichte Europas. Die Wege zwischen den Spielstätten waren dementsprechend weit. Doch dafür wurde einem die einmalige Chance geboten innerhalb von wenigen Tagen einige von Prags Bühnen kennenzulernen. Die Bühnen des Studio Alta, dessen angrenzendes Café zum gemütlichen Festivalzentrum wurde, und das ehemalige Schlachthaus Jathka 78 im Stadtteil Holešocive zeichnen sich ebenso wie das Divadlo Archa und das PONEC, ein ehemaliges Kino, durch Offenheit gegenüber szenischen Experimenten und neuen Theaterformen aus. Prags Theaterlandschaft lässt sich ohne Zweifel mit Regionen wie Nordrhein-Westfalen oder denen in deutschen Großstädten wie Berlin und Hamburg vergleichen.

 

Foto: Vojtech Brtnicky

 

Als Gast aus Deutschland stellte sich mir die Frage, welche ästhetischen Tendenzen sich im tschechischen Theater erkennen lassen; ob es Unterschiede zur deutschen frei produzierenden Theaterszene gibt; und mit welchen theatralen Mitteln welche Themen verhandelt werden. Gleich im ersten Stück der Zirkusgruppe Cirk la Putyka „Black black woods" (Regie: Jozef Frucek, Linda Kapetanea) zeichnet sich in der Hinwendung zum physical theatre eine Ästhetik ab, die sich wie ein roter Faden durch die Stücke des Festivals zieht. Im physical theatre wird durch Körper, Bewegung und Gestik nach neuen Erzählweisen gesucht, die von einer klassischen, an linearer Narration orientierten Erzähltradition wegführt. Die Eingangssituation von „Black Black woods" deutet es an. Für zweieinhalb Stunden konnten die Zuschauer jederzeit in den Theatersaal ein- und austreten. Die beiden Performer Rostislav Novák und Rostislav Novák jr., Vater und Sohn im realen Leben, setzten sich dabei ununterbrochen körperlich mit dem Bühnenmaterial und dem Raum auseinander. Die körperliche Anstrengung, muskulöse Anspannung und der Aufbau atmosphärischer Dichte steht im Mittelpunkt. „Black black woods" ist eine Inszenierung aus Versatzstücken, die, so findet man mit der Zeit heraus, Konflikte und Kämpfe zwischen Vater und Sohn behandelt. Leider fallen die beiden Performer durch choreografierte Bewegungsmuster und angedeutete Kämpfe immer wieder in eine eher klassische Schauspielästhetik zurück. Und auch die inszenatorische Entscheidung das Theater nach zweieinhalb Stunden ‚offiziell' beginnen zu lassen, in dem die Türen geschlossen und der Austritt verweigert wird, weist den Momenten zuvor eine Prologoposition zu. Dem szenischen Experiment werden kalkulierbare Grenzen gesetzt. Eine Beobachtung, die exemplarisch für die Produktionen des Malá inventura ist. Auch in dem Tanzstück „Potmehúd" des slowakisch-ungarischen Choreografen Csaba Molnár oder in „Busking un/limited" von Spielraum Kollektiv lässt sich die Suche nach neuen szenischen Umsetzungen erkennen. Risiken werden jedoch nicht eingegangen. In „Potmehúd" arbeiten die slowakischen Tänzer und Tänzerinnen mit improvisierten Bewegungen, die an einen Mix aus Folklore und Contemporary Dance erinnern. Im Zusammenspiel mit dem Rhythmus einer einsamen Violine entwickeln sich intensive Momente, die eben die Zerrissenheit einer jungen Generation zwischen Tradition und moderner Lebensweise ausdrückt. Umso mehr irritiert der plötzliche Einsatz von Sprache. Der Dialog, ein fingiertes Streitgespräch, verbleibt an der Oberfläche. Auch der Einbezug des Publikums ist lediglich angedeutet und wirkt verkrampft und forciert. In „Busking un/limited" erzählen Straßenmusiker von ihrem täglichen Kampf mit der Bürokratie, von ihrer Liebe zur Musik und ihrem finanziellen (Miss-)Erfolg. Das inszenatorische Konzept sieht Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern der Straßenkunst durch den spielerischen Einbezug des Publikums vor. Doch die Musiker sind wahre Sympathieträger und der Moderator verhindert durch eine eindeutige Stellungnahme jede kritische Äußerung. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema „Busking un/limited" ist an diesem Abend nicht gewünscht.

 

Wenn sie auch keine Begeisterungsstürme auslösen, so sind die Produktionen des Malá inventura weder thematisch noch ästhetisch unspannend. Im Gegenteil, in mir stauten sich Fragen zu Arbeits- und Herangehensweisen, zum Entwicklungsprozess, zur künstlerischen Ausbildung. Gemeinsam mit den Künstlern, Zuschauern und professionellen Kunstschaffenden wollte ich die Frage nach dem „Neuen" in diesen Theaterformen diskutieren und tiefer in die tschechische Theaterszene eintauchen. Doch während Nachgespräche in Deutschland fester Bestandteil jedes Theaterfestivals sind, fehlen die artist talks beim Malá inventura vollständig. Dem Zuschauer wird keine Möglichkeit geboten Fragen zu stellen oder kritische Diskussionen anzustoßen.
Sich zeigen und gesehen werden ist hingegen das Leitmotiv des Festivals. Malá inventura schreibt es sich groß auf die vom Huhn illustrierten Banner: Networking, Professionalisierung. Nachhaltigkeit. Neben dem Showcase ist das gesamte Rahmenprogramm also auf Vernetzung ausgerichtet. Insbesondere das Format „Take his breath away!" bleibt im Gedächtnis. In der Art des Speed Datings stellen Tschechiens Künstler den professionellen internationalen Vertretern ihre Kunst vor. Vom Saxophon begleitet werden Projekte in drei Minuten gepitcht, Visitenkarten ausgeteilt, Einladungen ausgesprochen. Das Ziel? Investitionen, Spielmöglichkeiten bei Festivals und vor allem Residenzen. Die Teilnehmer kommen mehrheitlich frisch von der Akademie und sind bereits jetzt Meister darin sich und ihre Kunst gewinnbringend zu präsentieren. Doch wo bleibt das Theater? Das findet an den nummerierten Tischen keinen Platz. Hier geht es nicht um Erzählweisen, um Themen, um das „Neue" im Theater, sondern darum die eigene Person adäquat auf dem internationalen Markt zu platzieren. Ein Format wie „Take his breath away!" sucht man auf vergleichbaren Festivals vergeblich. Dabei sind die Grundgedanken Malá inventuras „Netzwerk - Professionalisierung - Nachhaltigkeit" grundsätzlich zu unterstützen. Allzu schnell werden gerade junge Kunstschaffende auf dem Theatermarkt verheizt und auch gefeierte Auftritte bei renommierten Festivals sind kein Garant für nachhaltigen Erfolg. Kunst machen wird immer mehr zum Kampf. Aber muss deswegen auf Nachgesprächsformate verzichtet werden, die auch dem herkömmlichen Theaterpublikum eine Chance geben würden, sich zum Gezeigten zu äußern? Malá invenura hat für sich die Antwort gefunden. Es ist kein Festival in diesem Sinne, sondern ein Showcase. Von Künstlern für den Markt. Es wird zur Theaterinventur geladen, der Bestand aufgenommen und präsentiert. Während Kooperationen eingegangen und Vernetzung protegiert wird, bleibt der Zuschauer jedoch allein mit seinen Gedanken zu einem neuen Theater zurück.