Thema des Monats - Mai 2017

Die Intensivspielerin

 

Seitdem sie vier Jahre alt ist, steht Gala Othero Winter auf der Bühne. Diese Erfahrung zahlt sich aus: Seit einigen Jahren begeistert sie das Publikum am Hamburger Schauspielhaus. Und wichtige Preise hat sie auch schon gewonnen. Grund genug für ein Porträt über eine junge Schauspielerin, die gerne mit dem Ungewissen spielt.


Von Nicolas Garz

 

Sie hätte auch etwas ganz anderes werden können. Kurz nach dem Abitur standen Gala Othero Winter schließlich alle Türen offen: Sollte sie studieren wie ihre Mitschüler? BWL, Germanistik oder irgendwas mit Medien? Heute weiß sie, dass ihre Entscheidung zu dem Zeitpunkt eigentlich schon feststand: „Da gab es nichts, das so selbstverständlich für mich war wie das Theaterspielen. Bei nichts war die Neugier so groß, als dass ich die Ausdauer gehabt hätte, mich so stark da rein zu fuchsen." Damit war die Entscheidung gefallen - statt in den Hörsaal zog es sie auf die Bühne.

 

Woher kommt diese Selbstverständlichkeit, mit der sie sich für die Schauspielerei entschied? Winter war gerade einmal vier Jahre alt, als sie zum ersten Mal einen Proberaum betrat. Ihr Vater nahm sie regelmäßig mit zu den Proben in der „Theaterschule im Kalkwerk", die er als freischaffender Regisseur in der Nähe von Limburg leitete. Während gleichaltrige Kinder auf dem Spielplatz herumtollten, rannte Gala Othero Winter jeden Nachmittag über Bühnenbretter. Als sie schließlich eingeschult wurde, war das Theater schon längst ein fester Bestandteil ihres Alltags: „Das war so meine Tagesbeschäftigung: Vormittags war ich in der Schule, dann haben wir zusammen gegessen und dann haben wir geprobt."

 

Ganz anders als Ballett

 

Eine Rolle zu spielen wurde für sie so zur normalsten Beschäftigung der Welt. Und mit jeder geglückten Aufführung wuchs die Bedeutung des Theaters für sie: „Das Theaterspielen war nicht einfach so, wie einmal die Woche zum Ballett-Unterricht zu gehen. Vielmehr war das eine Notwendigkeit für uns alle, für die ganze Gruppe. Es war vollkommen klar, dass es das absolut Wichtigste ist, was man jetzt machen kann." Wichtiger als die Schule, an die sich kaum mehr erinnern kann. Nur eines weiß sie noch: Ein Alphatier sei sie damals in ihrer Klasse gewesen. Und ein Anflug von Verlegenheit tritt in ihre großen, dunkel umrandeten Augen, während sie das sagt.

 

Szene aus "Die Kassette"; Foto: Thomas Aurin


Man kann sich dieses Alphatier lebhaft vorstellen, wenn man die 26-Jährige heute bei der Arbeit beobachtet. Auf der Probe zu „NEW HAMBURG: Iphigenie" (Regie: Paulina Neukampf) ist sie der einzige Profi inmitten einer Laiengruppe. Mit ihren Mitspielerinnen versteht sie sich sehr gut, scherzt und lacht viel mit ihnen. Zugleich tritt sie, wenn es darauf ankommt, sehr bestimmt und zielstrebig auf. Sie ist hier die Anführerin, welche die Anweisungen der Regisseurin in die Truppe trägt. Diese Rolle bereitet ihr keine Probleme, denn Schüchternheit ist nicht ihr Ding.

 

Rampensau und Grüblerin

 

Das sieht man auch auf der Bühne. Zum Beispiel, wenn sie als verzogene Göre in „Ab jetzt" (Regie: Karin Beier) über die Bühne wütet oder in Simon Stones „Peer Gynt"-Inszenierung ein Lana del Rey-Lied ohne Rücksicht auf falsche Töne durch den Saal schmettert. Winter mag das Komische, Schrille und Übertriebene. Sie ist eine Rampensau. Oft wirkt das ein wenig überdreht. Jedoch ist diese laute Theatralik auch nicht das Wesentliche ihrer Spielkunst.

 

Denn im Gespräch unter vier Augen offenbart sie eine ganz andere, ruhige und nachdenkliche Seite. Oft unterbricht sie ihren Redefluss und starrt grüblerisch ins Leere. Während sie spricht, ziehen sich häufig ihre Augenbrauen zusammen, als würde sie das Gesagte sogleich wieder in Zweifel ziehen. Und als könne sie sich viel von dem, was in den letzten Jahren in ihrem Leben passiert ist, auch nicht wirklich schlüssig erklären.

 

Zum Beispiel, wie schnell sie auf die Schauspielschule kam. Die Vorsprechen sind ein Hauen und Stechen: Nur ganz wenige Bewerber erhalten einen der wenigen Studienplätze. Viele Schulabgänger reihen Vorsprechen an Vorsprechen, manchmal jahrelang, oft ohne Erfolg. Winter hingegen benötigte nur vier Vorsprechen, um gleich zwei Zusagen auf einmal zu erhalten. So konnte sie sich ihre Schule sogar aussuchen - und entschied sich für die Hochschule für Musik und Theater in Hamburg.

 

Mit „Scheiß-Egal" zum Erfolg

 

Wie hat sie das geschafft? Winter muss kurz überlegen, dann sagt sie: „Nach einigen Vorsprechen entwickelt man so eine Scheiß-Egal-Haltung, nach dem Motto: Ihr seid jetzt da und ihr guckt mir zu, aber ich mach jetzt hier mein Ding und wenn nicht, dann nicht! Das ist natürlich auch so ein Schutzmechanismus, damit man nicht so enttäuscht ist. Aber dadurch hatte ich Spaß daran und das wiederum merken die Zuschauer dann ja auch." Wieder tritt Verwunderung in ihre Miene. Ganz scheint sie ihrem Erfolg noch immer nicht über den Weg zu trauen.

 

Wie gut, dass sie diesen Selbstzweifel für ihre Auftritte nutzen kann. Denn es ist gerade der Kampf mit der Ungewissheit, der ihrem Spiel besondere Intensität verleiht. Vor allem in den ruhigen Momenten. Bestes Beispiel ist ihr Auftritt in „Peer Gynt". Der norwegische Draufgänger wird hier von drei Frauen gespielt. Als Jüngste der drei ist Winter mit einem unheimlich nervigen Helikopter-Ehemann verheiratet. Das erste Kind ist auch schon da und schreit sich die Seele aus dem Leib. Eingezwängt in dieses Familien-Korsett, blickt sie am Ende der Aufführung scheu und verwirrt auf ihr Kind herab. So als wäre sie in einem besonders skurrilen Traum gefangen. Nach und nach breitet sich Entsetzen in ihrem Gesicht aus. Should I stay or should I go? Ihr schmächtiger Körper beginnt langsam zu zittern. Dann verliert sie den Kampf. Wie ausgeknockt läuft sie davon. Vorhang zu.

 

Rasanter Aufstieg

 

Diese Szene ist deshalb so bewegend, weil Winter es mit leisen, behutsamen Mitteln schafft, diesen inneren Kampf nach außen zu tragen. Ohne unnötiges Pathos. Es reicht aus, dass sie das Publikum mit ihren tief traurigen Augen fixiert - schon leidet man an ihrer Einsamkeit. Zugleich vergisst man niemals die Grausamkeit dieser Figur. Denn Gala Othero Winter beschönigt nichts. So überträgt sie den Zweifel ihrer Figur auf den Zuschauer, der sich am Ende fragen muss: Wäre ich in dieser Situation geblieben?

 

Gala Othero Winter in "Peer Gynt"; Foto: Matthias Horn

 

Blickt man auf Winters Lebenslauf, so überrascht es, dass sie die unsicheren Charaktere so glaubhaft spielen kann. Denn ihr rasanter, beruflicher Aufstieg dürfte ihr nur wenig Raum zum Selbstzweifel geben: Noch während des Studiums sprang sie 2013 bei der Inszenierung von „Alles weitere kennen sie aus dem Kino"(Regie: Katie Mitchell) für eine Kollegin ein. Ein glücklicher Zufall. Ab da hatte sie einen ersten Fuß in der Türe des renommierten Hamburger Schauspielhauses.

 

Weitere Engagements folgten. Seit der Saison 2014/15 gehört sie fest zum Ensemble der Hamburger Traditionsbühne. Dieser schnelle Aufstieg erscheint ihr oft selbst überraschend: „Ich habe oft das Gefühl, krass, was das für ein Luxus ist, dass ich mich mit so vielen Themen beschäftigen darf und damit auch noch meinen Kühlschrank füllen kann!" Und dazu noch Preise gewinnt: 2014 bekam Winter den Alfred-Kerr-Preis für ihre Rolle als Frida in Karin Henkels Inszenierung von „John Gabriel Borkmann". Im vergangenen Jahr wurde ihr von der Körber-Stiftung der Boy-Gobert-Preis verliehen.


Das Spielen als Wagnis

 

Was ist ihr Erfolgsrezept? Wie geht sie an eine Rolle heran? Winter gehört nicht zu den Schauspielern, die ihre Rollen komplett durchplanen. Mit Method Acting kann sie nicht viel anfangen. Sie wälzt auch keine Geschichtsbände oder konstruiert Psychogramme für ihre Figuren vor Probenbeginn. Im Gegenteil: Zufall und Ungewissheit sind zentrale Bestandteile ihrer künstlerischen Arbeit. „Ich benutze den Moment auf der Probe: Wer ist da? Wie sieht der Raum aus? Und was passiert, wenn wir was zusammen machen?", erklärt sie. Man muss dem Zufall eben nur genügend Spielraum geben. Jede Probe ist ein Experiment, das gelingen, aber auch scheitern kann - das Theater als Wagnis, als Abenteuer. Da überrascht es wenig, dass sie sich den Helden antiker Dramen besonders nahe fühlt: Weil sie immer wieder an der Welt verzweifeln und doch nie aufhören, gegen ihr Schicksal anzukämpfen.

 

Wer sich so jedoch so intensiv auf die Proben einlässt, braucht gute Mitstreiter. Theater ist für Winter daher in erster Linie Teamarbeit. Erst im gemeinsamen Spiel gewinnt sie den Abstand zu sich selbst, den sie für ihre Rollen braucht:„Ich will mich nicht ständig mit mir selbst auseinandersetzen. Das macht man als Schauspieler eh andauernd. Ich alleine kann mir einiges bauen, aber ich komme auch schnell an meine Grenzen. Daher brauche ich die Leute, einen Raum und eine Geschichte."

 

Nicht nur schön, sondern notwendig

 

Daher ist ihr der Zusammenhalt im Ensemble besonders wichtig. Und der hat viel mit Vertrauen zu tun: „Wichtig ist, dass da einfach Leute sitzen, die an dich glauben. Die dir zutrauen, etwas zu schaffen. Sei es eine Rolle zu spielen oder etwas auszuprobieren, was man vorher nicht konnte." Hobbies hat Winter ansonsten keine - das Theater reicht ihr völlig aus. Viele ihrer Freunde arbeiten ebenfalls am Theater. Auch deshalb betont sie häufig, nicht nur wie schön, sondern wie notwendig das alles für sie ist. Nirgendwo sonst kann sie sich so gut entfalten. Die Schauspielerei ist für sie nicht nur ein Job. Sie ist auf der Bühne zu Hause.

 

Aber bei all dem Trubel braucht auch Gala Othero Winter Zeit für sich. Um sich auf den Theaterabend einzustimmen, zieht sie immer das gleiche Ritual durch: Einige Stunden vor Beginn der Aufführung setzt sie sich alleine auf die Bühne. Dann lässt sie ihren Blick über die leeren Ränge schweifen. Riecht die staubige Luft, lauscht den Geräuschen und sieht den Technikern beim Licht-Check zu. Für einen ruhigen Moment ist sie ganz bei sich. Fühlt, wie langsam ihre Spannung wächst. Hier ist sie ganz in ihrem Element.

 

 

 

Gala Othero Winter; © Matthias Baus
Gala Othero Winter; © Matthias Baus