Thema des Monats - Januar 2019

In Deutschland hat man ein kompliziertes Verhältnis zu Gefühlen


Die Tänzerin Ligia Lewis ist dabei, mit ihren eigenwilligen Choreographien und emotionsgeladenen Performances zu einer festen Größe in der deutschen Tanzszene zu werden

 

Fragen und Übersetzung_Nora Auerbach

 

Ligia Lewis hat nicht nur mit ihrer zur Tanzplattform 2018 in Essen eingeladenen Choreographie „minor matter" gezeigt, wie dringlich ihre Arbeiten sowohl ästhetische als auch gesellschaftlich relevante Fragen aufwerfen. In „minor matter" widmen sich drei Performer dem zur „Blackbox" dekonstruierten Theaterraum, sowohl im Sinne konkreter Raum- und Körpererfahrung als auch im Umgang mit Rollenbildern und -klischees, mit denen schwarze Performer und Tänzer nahezu täglich konfrontiert werden. Nicht nur hier hinterfragt Ligia Lewis gedankliche und räumliche Grenzen mit dem Ziel, diese zu überwinden. Nach einer öffentlichen Probe am tanzhaus nrw für ihr neues Stück „Water Will (in Melody)" gewinnen, das dann am 29. November am HAU Hebbel am Ufer Premiere hatte, ergab sich die Möglichkeit zu einem ausführlichen Gespräch.

 

"minor matter" am Hebbel am Ufer in Berlin; Foto: Martha Glenn

 

In ihrer Arbeit als Choreographin und Tänzerin setzen Sie Gefühle bewusst ein und spielen mit ihnen. Ist das mit dem Ausdrucksspektrum der Bewegungen eines Tänzers Ihrer Ansicht nach direkter möglich als etwa im Schauspiel oder Musiktheater?

 

Tanz oder Bewegung ermöglichen die Erfahrung von Emotionen, bevor man überhaupt ein Wort hat, um sie zu beschreiben. Außerdem glaube ich, dass Wörter dazu tendieren, das Potenzial eines Affekts oder einer Emotion zu reduzieren, indem sie sie in einen engen
Rahmen zwängen. Dabei sind die Nuancen, wie wir etwas erleben, ungeheuer vielfältig. Unser Gefühlsleben weist einen Reichtum auf, der sich definitiven Beschreibungen entzieht. Und Sounds sind in sich abstrakter.

 

Ist Musik also zu abstrakt, um Emotionalität zu vermitteln? Wie würden Sie die Rolle von Musik in ihrer Arbeit beschreiben?

 

Sounds spielen eine sehr wichtige Rolle als Bezugspunkte, ich kann gar nicht außerhalb von Musik und Klängen denken. Sie bilden den Ausgangspunkt für meine Stücke und sind den konkreten Bewegungen und der Choreographie vorgelagert. Sie erzeugen eine Stimmung und
fungieren gleichzeitig als eine Art Textgrundlage.

 

Haben sie in ihrer Arbeit standardisierte Bewegungen oder Ausdrucksweisen für bestimmte Grundemotionen entwickelt?

 

Nein, denn ich versuche gerade nichts in meiner Arbeit zu standardisieren und eher mit tradierten Formen zu brechen. Meine Arbeit ist von dem Interesse an Emotionen getragen, ohne das zu Beginn klar ist, was am Ende entsteht. Ich erlaube mir, diesen ganzen Prozess
zu durchleben und all die Nuancen des Ausdrucks und der Emotionen zu erleben.

 

In ihrer Arbeit „minor matter" haben Sie sich viel mit dem Verhältnis von Körper und Raum im Theater beschäftigt, auch auf einer bewusst emotionalen Ebene. Ich habe mich gefragt, ob Emotionen dazu beitragen, die Empathie des Publikums zu steigern und ihre eigenen Gedanken und Reflexionen nachvollziehbar werden zu lassen. Inwiefern ist die Einbeziehung der emotionalen Reaktionen des Publikums wichtig für Ihre Arbeit?

 

Ich denke immer relational: Was auf der Bühne performed wird, ist nicht autonom oder vom Zuschauer getrennt, sondern immer mit ihm im Hinterkopf konstruiert, wie ein Gespräch, in dem man viele verschiedene Emotionen erfährt, die von dem Gesichtsausdruck, der Gestik und auch der Sprache verstärkt werden. In ähnlicher Weise sehe ich das Theater. Ich habe zunächst die Sounds, die für mich Bilder erzeugen, und Bewegungen. Davon ausgehend kreiere ich einen Theaterabend, und habe dabei stets das Publikum im Kopf. Es geht mir jedoch nicht allein um die Erzeugung von Mitgefühl. Ich glaube Empathie hat Grenzen, obwohl sie eine wesentliche Komponente meiner Arbeit ist, eine Art Verbindung. Für mich ist Verschiebung wichtig, es darf nicht nur verbindend oder identitätsstiftend sein. Es geht mir darum eine Ambivalenz herzustellen, die Komplexität der Beziehung zum Material zu zeigen und nicht darum, diese konkretisierend aufzulösen. Emotionen können manchmal Situationen aufklären, sogar eine Art Wahrheit erzeugen. Das interessiert mich weniger. Ich möchte, dass das Publikum Erfahrungen macht, die immer oszillieren, die nie statisch sind: Es verändert sich, verschiebt sich unglaublich viel durch das, was du siehst, hörst und fühlst.


Ihre aktuelle Produktion „Water will (in Melody)" erforscht das Genre des Melodramas Was interessiert Sie daran?

 

Mir geht es weniger darum, einen narrativen Bogen zu spannen, als um die Erzeugung einer umfassenden Seelenlandschaft, die sich nicht allein um eine Protagonisten dreht, sondern im engeren Sinne sozial ist. Es geht nicht notwendigerweise um die Fokussierung auf das eigene Gefühlsleben, sondern darum, wie dieses zu etwas anderem werden kann innerhalb des Theaterraums. Das ist schwer zu beschreiben. Wir erschaffen Szenen, die sich permanent verschieben und dabei nie psychologisierend werden. Das ist ein Prozess des Fremdwerdens von uns selbst und unserer Sicherheit.

 

Sie erzeugen dissonante Bilder, die auch unsere Vorstellung von Harmonie und Schönheit hinterfragen, wie sie häufig im klassischen Ballett zu finden ist. Es wird oft gesagt, dass im zeitgenössischen Tanz Emotionalität von der Bühne verbannt wird und es mehr um Diskurse geht. Würden Sie dem zustimmen?

 

Ich denke nicht, dass Gefühle im Diskurs abwesend sind; das ist einfach ein Irrglaube. Es ist immer eine Frage des Kontextes: Ich glaube, in Deutschland hat man ein kompliziertes Verhältnis zu Gefühlen, aufgrund ihrer Wirkung in der Vergangenheit. Es gibt eine Angst vor gefühlem, weil sie Leute irrational werden lassen, sie zu irrationalen Entscheidungen und Handlungen bringen könnte. Für mich, insbesondere als schwarze Frau, ist der Ausdrucksreichtum der Kunst und besonders ihre Emotionalität bestimmend für einen Großteil meines Denkens. Emotionen sind wie Bindegewebe, sie kreieren Beziehungen. Ich weiß nie im Voraus, was ein Stück eigentlich ist. Es ist eine Mischung aus Intuitionen, Schriftfetzen, Notizen; eine Mischung aus Diskurs und Materialität, disparates Material, um eine Welt zu kreieren, die wir dann bewohnen und erleben können; manchmal braucht es ein paar Monate, bis ich verstehe, warum ich entschieden habe, etwas Bestimmtes zu tun, ich erfahre es erst durch den Probenprozess. Wir müssen das Material wirklich erforschen, um zu erkennen, was es überhaupt ist und welchem Zweck es dienen kann.