Ich, Hamlet - Installation in den Tod

 

Von Paul Bullinger

 

Theater vergeht nicht.
Theater geht.
Immer nach vorne,
immer neue Wege,
neue Abzweige
neue Herausforderungen.
Theater entwickelt sich weiter,
sucht, prescht vorwärts,
verläuft sich, kehrt zurück
und fängt von Neuem an,
drückt sich in jeden Winkel und guckt, ob es bleiben kann,
ständig getrieben
von der Suche nach den Grenzen des Möglichen.


Im Anhang meine Vision des Theaters der Zukunft.
Eine Maschinerie.
Eine Hamlet-Maschinerie, die den Zuschauer einsaugt und ihn als
Hamlet wieder ausspuckt. Allein, nackt, ängstlich.

 

Ich, Hamlet - Installation in den Tod.

 

Und die Frage bleibt.

 

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Der Teilnehmer betritt die Installation alleine. Vor ihm liegt ein langer, verwinkelter Gang, in dessen Verlauf er durch etliche Türen und Abzweige muss, so dass ihm die Orientierung gänzlich schwer fällt. Die Türen sind nur in die Richtung, in die der Teilnehmer geht zu öffnen, zurück kann er nicht. Der Gang ist hell, viktorianisch gestaltet, mit einem weißen Läufer auf dem Fußboden. Eine sanfte, leichte Hintergrundmusik ertönt. An den beigefarbenen Wänden hängen Portraits der vergangenen Könige. Der letzte Rahmen, kurz bevor der Teilnehmer eine weitere – sich nicht von den anderen Türen abhebende – Tür durchschreitet, ist leer.


Der Raum, den er betritt, ist ebenfalls hell und mit Teppich ausgestattet. Allerdings besitzt er keine Fenster, auch ist die Musik nicht mehr zu hören. Die Tür hinter dem Teilnehmer ist nicht mehr zu öffnen. In der Mitte des Raumes steht ein Sarg, über dem ein Hologramm eines Königs mit geschlossenen Augen leuchtet. Hinter dem Sarg, leicht erhoben, sitzen ein weiterer König und eine Königin. Sie starren den Teilnehmer mit kalten Blicken an und lassen ihn unter keinen Umständen aus den Augen. Erst, wenn der Teilnehmer sich wirklich auf die Blicke einlässt und nicht mehr versucht, diesen auszuweichen, rücken sie fast unmerklich auseinander und geben eine Tür hinter ihnen zum Vorschein. Wenn der Teilnehmer durch diese geht, kommt er auf einen ähnlichen Gang wie der vorherige. Fackeln an den Wänden; jetzt liegt ein roter Läufer statt eines weißen auf dem Boden. Auch in diesem Gang gibt es keine Fenster, die Wände sind kahl. Es ist still. Plötzlich ertönen verstörend wirkende Satzfetzen („’s ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen.“, „Schlafen“, „Das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt“) und wiederholen sich ad infinitum. Der Gang, der im Verlauf immer dunkler wird, führt den Teilnehmer weiter in die Orientierungslosigkeit. Das Ende des Ganges ist fast komplett dunkel, nur noch eine Fackel flackert. Eine weitere Tür taucht auf. Über der Tür steht mit roter Farbe „ Das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt“. Sobald der Teilnehmer die Klinke umfasst ertönt eine Stimme: „Er oder du. Einer wird mich hier besuchen müssen.“


Das Innere des Raumes ist schwarz. Auf der Gegenüberliegenden Seite ist eine weitere Tür. In der Mitte des Raumes steht ein Tisch, auf dem ein Glas mit einer grünen Flüssigkeit steht und ein Schwert liegt. Die Spitze des Schwertes zeigt auf die gegenüberliegende Wand. An dieser stehen in roter Farbe die Sätze „Befleck dein Herz nicht.“ „Räch seinen feigen, schnöden Mord.“, „Welch ein Abfall!“. Auf der anderen Seite – die, aus der der Teilnehmer kam – stehen ebenfalls mit roter Farbe die Sätze „Von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt!“ und „So macht Bewusstsein Feige aus uns allen“. Durch eine Kamerainstallation kann das Verhalten des Teilnehmers mit den Sätzen „’s ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen.“, „Das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt“, „Dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen, als zu unbekannten fliehn.“ und „So macht Bewusstsein Feige aus uns allen!“ kommentiert und er zur Entscheidung gedrängt werden, das Schwert zu nehmen. Die Türen lassen sich erst öffnen, wenn der Teilnehmer eine Wahl getroffen hat und entweder das Schwert mitnimmt oder das Glas leertrinkt. Jedoch führt nur eine Türe weiter: Die gegenüberliegende; die, die sich nur öffnen lässt, wenn der Teilnehmer das Schwert nimmt. Diese Türe lässt sich nur schwer öffnen und fällt dementsprechend schwer wieder in ihr Schloss. Der nächste Raum gleicht einem Schlachtfeld; der letzten Szene von „Hamlet“. Auf dem Boden liegen der König mit einem großen Blutfleck auf seinem Gewand, daneben die Königin mit einem zerbrochenen Glas. Auch Laertes liegt am Boden, auch er mit einem großen Blutfleck. Röchelnd wiederholt er wieder und wieder den Satz „Des Königs Schuld! Des Königs!“. Der Teppich im Raum ist eigentlich weiß, wie am Anfang, als der Teilnehmer die Installation betrat. Allerdings haben ihn die Blutflecken in das selbe Rot getränkt, das der Teppich seit dem zweiten Gang hat. Zwischen den Sterbenden, direkt vor dem Teilnehmer, ist etwas auf den Boden gemalt: Ein Kreideumriss einer Leiche. Eine Leiche mit einem Schwert in der Hand. Laertes wird immer leiser und leiser. Den letzten Satz betont er wie eine Frage: „Des Königs Schuld?“ Stille.