Poetry-Slam-Texte

Text von Fabian Neidhardt

 

Fabian Neidhardt    Foto: privat

 

Es war schon wieder Freitag und es war wieder diese Bar. Sie saß am Tresen, leicht angetrunken und deprimiert beobachtete sie ihre Freundinnen, die sich schon alle irgendeinen der Dorftrottel geschnappt hatten, die genauso wie sie jeden Freitag in dieser Bar zu finden waren. Diese Inzestbrutstätte, in der jeder schon mit jedem …. und es nur darum ging, die Langeweile wegzutrinken und dem eigenen Leben einen Glanz von Coolness zu verpassen. Sie war des Ganzen überdrüssig und hatten sich ihr dünnes Jäckchen schon zum Gehen bereit gelegt, als plötzlich ein neues Gesicht am Eingang zu sehen war.


Seine Augen gewöhnten sich an die von bunten Lichtern und künstlichem Nebel durchdrungene Dunkelheit, dann ging er, ungeachtet aller Blicke und Verwunderung ob des neuen Gesichts, direkt zur Bar. Er bestellte, der Barmann nickte. Dann drehte er sich um und lehnte sich rücklings an die Bar. Er war ein bisschen älter als sie. Vielleicht Ende Zwanzig. Sein Bart sah aus wie der eines Mannes, der keine Zeit hatte, sich um ihn zu kümmern. Als ob er Wichtigeres zu tun hätte. Die Dorftrottel, die Art Männer, denen sie sonst begegnete, wendeten viel Zeit auf, um ihr kümmerliches Inneres durch ein perfektes Äußeres zu bedecken. Er musste bemerkt haben, dass sie ihn anstarrte, denn er drehte sich zu ihr und lächelte.
Ein interessanter Mann, dachte sie. Dann rückte sie zu ihm rüber.


“Hi!”
Er nickte ihr zu.
“Guten Abend.”
Er beugte sich zu ihr.
“Könntest du mir vier Gefallen tun?”
Gleich vier Gefallen, er geht aber schnell vor, dachte sie.
“Kommt darauf an, was es ist.”, sagte sie und lachte naiv.
“Ich habe nicht viel Zeit.”, sagte er und zwinkerte.
“Was ist denn der erste Gefallen?”
Er zog ein zerfleddertes Notizbuch aus der Innenseite seiner Jacke und blätterte darin bis zur letzten beschriebenen Seite.
“Sind wir hier in Birkenfeld?”
Sie lachte und nickte.
“Ja, das hier ist die Weltstadt Birkenfeld. Was ist der zweite Gefallen?”
“Würdest du mir deinen Namen verraten?”
Da bin ich ja gespannt, was die anderen zwei Gefallen sein werden, dachte sie
“Sara heiße ich, angenehm.” Sie streckte die Hand aus. Er schüttelte sie.
“Kasimir, hallo Sara. Mit oder ohne h?”
“Ohne h.”


Er nickte, zog einen Kugelschreiber aus derselben Tasche, in der das kleine Notizbuch gesteckt hatte, und schrieb ihren Namen und das Datum neben den Ortsnamen “Birkenfeld”. Sie, vorgebeugt, las mit, was er schrieb. Über ihrem Namen stand ein anderer Name hinter einem anderen Ort. Und hinter dem Namen war ein kleines Häkchen.


“Wofür ist denn der Haken hinter dem Namen?”
“Das wäre mein dritter Gefallen. Sara, ich würde dich gern küssen, darf ich das?”


Dann ist ja offensichtlich, was Gefallen Nummer vier sein wird, dachte sie und fand selbst Gefallen daran. Sie nickte. Kasimir beugte sich vor und küsste sie. Kein schnelles Wahrheit-oder-Pflicht-Küsschen. Kein Willkommensbussi. Ein Kuss. Sie spürte die warmen Lippen, die stoppeligen Barthaare und musste erst einmal tief Luft holen, nachdem er fertig war, denn das hatte sie während des Kusses komplett vergessen. Er lächelte wieder. Und dann setzte er seinen Haken hinter den Namen Sara. Ihren Namen.


“Was ist der vierte Gefallen?”, fragte sie und war bereit, zu nicken. Er beugte sich nach vorne, noch weiter zu ihrem Ohr und fragte:
“Kannst du mir einen anderen deutschen Ort nennen? Möglichst weit weg?”
Das muss die Masche sein, die Mädels zu verwirren, dachte sie. Dann dachte sie nach.
“Vechta.”
“Wo ist Vechta?”
“Weit oben, Niedersachsen. Meine Mutter kommt von dort, wir haben da noch Verwandte.”
“Mit V geschrieben?”


Sie nickte und er schrieb den Stadtnamen in die nächste Zeile. Dann leerte er sein Glas in einem Zug, legte einen Schein auf den Tresen, nickte dem Mann dahinter zu, lächelte sie ein letztes Mal an, verabschiedete sich, stand auf und verließ die Bar. Perplex sah sie ihm hinterher, dann schnappte sie sich ihr Jäckchen und hastete ihm nach. Als sie an die feuchte, frische Luft kam und ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatte, sah sie ihn gerade in ein Taxi steigen. Es musste auf ihn gewartet haben, denn in Birkenfeld bekam man nie einfach so ein Taxi. Sie rannte zum Taxi und klopfte an die Scheibe, er kurbelte sie runter.


“Wohin fährst du?”
“Nach Vechta. Eine Frau finden, die mich küsst.”
Dann bedeutete er dem Mann hinterm Steuer loszufahren.

 


 

Ganz arg lieb - oder - Nordkorea

 

Ein Geheuer hatte sein UN verloren.
Es fühlte sich ohne UN verfroren.
Wie sollte es fortan sein UNwesen treiben?
In einem UNwetter hatte das UN ins Gras gebissen.
UNbedingt wollte es sein UN wiederhaben.
Das Geheuer spürte, es würde es UNglaublich vermissen.

 

UNerhört UNgehalten UNterrichtete UNser
UNpässliches UNtier UNter Tränen UNerschrockene
UNwirsche UNverwandte UNwesen
die Unablässig UNtaten planten.
UNfassbar doch diesen Monstern war es so zu UNattraktiv.
Es wurde zum UNberührbaren
und durfte nicht mal mehr für UNsinn sorgen.

 

Was aber dachten seine Opfer?
Einige fanden diese Wandlung UNglaublich komisch
und bewegten sich fortan völlig UNbekümmert.
Andere wiederum glaubten UNbedingt an ein Wunder
und gaben dem neu geborenen Kind den UNspektakulären Namen Paul.
Sie schauderten nicht mehr UNUNterbrochen vor jenem Saul.

 

Für das Geheuer war es ein UNding so zu leben.
Miese Schurkenrollen konnte es UNgefragt nicht mehr spielen.
Oh Graus, es fühlte sich so UNdenkbar nett.
Drum hielt es den Mund und schaute UNbedarft adrett.
So kam seine schlechte Laune nicht von Ungefähr.

 

Riss es so richtig UNflätig seine Klappe auf,
so kam nur ein leises UNambitioniertes „hallöle“ heraus.
Vielleicht wär es ja was mit ‘nem Job als Nikolaus.

 

So hatten die Leut‘ es so UNfassbar lieb gewonnen.
Das ging ihm UNbändig gegen den Strich
und auch UNwahrscheinlich gegen seinen Trieb.

 

In endlosen Träumen suchte es UNablässig sein UN
oft UNter Kieselsteinen in UNgemähten Wiesen.
Es schien ein UNfruchtbares UNterfangen,
bis es eines Tages in der Zeitung las.

 
Die 2 Buchstaben, so wurde berichten
begaben sich auf eine UNgewisse und fast UNendliche
Reise. Das UN kroch auf UNwirtlichem Gelände
bis nach UNtergrombach
und nahm dann den Zug nach UNna.
Drauf flog es als blinder Passagier nach UNgarn,
wo es UNsanft landete.

 

UNfassbar aber wahr, das UN schlug sich
bis ins UNbekannte Pjöngjang durch.
Dort fuhr es UNbarmherzig in einen dicklichen Knaben.
Seither UNterjochte dieser sein Volk
Auch gut UNterrichtete Kreise halfen nicht weiter,
die genaueren UMstände blieben bis heute UNgeklärt.



das Geheuer®
dies&mehr von rolf.suter@arcor.de & www.rolf-suter.de
alias Lyrenbold vom 19.03.13