Thema des Monats - Mai 2016

Neulich, im Kopftheater

 

Schlimmer Abend oder kleine Reise? Was der Zuschauer von der Stückentwicklung „Tyrannis" hat, entscheidet er in erster Linie selbst. Die Jury des Berliner Theatertreffens hatte wohl einiges davon und hat die Kasseler Produktion prompt nach Berlin eingeladen. Ein Kreuzverhör mit dem Regisseur, dem Dramaturgen, dem Schauspieler und den eigenen Gedanken.


Von Valerie Schaub


Auf der Bühne ein Wohnzimmer. Von draußen, hinter der Terrassentüre, leise Laute. Schreie, vielleicht von einem Menschen, vielleicht von einem Käuzchen?


Und schon geht es los, das Kopftheater. Ja, Kopftheater. Die Stückentwicklung von Ersan Mondtag am Staatstheater Kassel entwickelt jeder Zuschauer in seinem Kopf sozusagen selbst fertig. Vielleicht wird im gedanklichen Regiebuch meines Nebensitzers gerade eine Frau im Dickicht vergewaltigt. Vielleicht hat der Vater der Familie, der mit einer Axt durch die Terrassentüre reinkommt, sie umgebracht? Vielleicht aber auch nur den Weihnachtsbaum für die Familie geschlagen? Wer jetzt gar nichts denkt, weil ihm das zu anstrengend ist oder er sich nicht darauf einlassen will, der wird laut Regisseur eben „einen schlimmen Abend haben, weil er die Zeit absitzt." Und die anderen? „Die haben eine kleine Reise".

 

Alles...                                                    Foto: N. Klinger

 

Diese Reise ist wie ein Abenteuertrip durch die Wüste. Jedenfalls kein All-inclusive-Strandurlaub. Denn nichts ist an diesem Theaterabend, wie es der Ottonormalbesucher gewöhnt ist. Man sieht eine Familiengeschichte, die nicht erzählt wird. Man hört Schreie, aber niemand macht den Mund auf. Man schaut in Augen, die nicht zurück schauen können. Denn was da Augen zu sein scheinen, ist eben nur Schein. Die Lider der Schauspieler sind geschlossen und obendrauf hat die Maske ein weiteres Augenpaar gezaubert.


„Es geht um die Betrachtung per se, um jeden Blick", sagt Ersan Mondtag, der Regisseur. „Deshalb betrachten wir als Zuschauer Augen". Eine der Grundideen, die er mit in die Proben brachte. „Ich arbeite ganz oft so, dass die Schauspieler mich dabei unterstützen, etwas zu entwickeln." Auf der Probebühne hieß das erstmal: „Wir haben unser eigenes Haus gebaut." Jeder Schauspieler bekam sein eigenes Zimmer, durfte Wände streichen und Böden legen. Und sich dann ganz lang dort aufhalten, dort schlafen, wohnen. Geblieben davon ist eine Partitur aus Alltagshandlungen.


Die einzelnen Zimmer im „oberen Stockwerk" sind auf der Bühne nur per Video rechts und links vom Wohnzimmer sichtbar. Die Aufnahmen hat Jonas Grundner-Culemann, der den Sohn spielt, gemacht und geschnitten. Zu den Proben mit geschlossenen Augen und ohne Worten sagt er: „Man hört sich mehr". Und: „Der Körper reagiert naiver." Manchmal stellte er erschrocken fest, dass jemand neben ihm stand. Das passiert auch noch auf der Bühne, „wenn sich etwas im Uhrwerk der Choreografie verschiebt."


Auf meinem Zuschauerplatz rekonstruiere ich manchmal diese Choreografie. Drei Schritte vor, vier nach rechts. Die braucht Jonas, um vom Platz am Esstisch zur Türe ins obere Stockwerk zu gehen. Sein Gang wirkt eigenartig, fremdbestimmt. „Er passt gut in unserer Marionettenhaus", sagt Jonas.
Beim Abendessen im Bühnenwohnzimmer, beim gemeinsamen Zähneputzen im videoüberwachten Bad scheint es so, als haben sich die Familienmitglieder nicht viel zu erzählen. „Trotzdem", sagt Dramaturg Thomaspeter Goergen, „ist die Sprache sehr präsent." Man frage sich, warum sprechen die nicht? Können sie es nicht, wollen sie es nicht?

 

ist hier...                                                 Foto: N. Klinger


Es ist nicht das erste Mal, dass der junge Regisseur ohne Sprache arbeitet. „Ich glaube, dass der Zuschauer einen Rezeptionsraum braucht und nicht Gedanken vorformuliert bekommen sollte. Das funktioniert vor allem über die Abwesenheit von Sprache." Wozu brauche man die Sprache auch, fragt Thomaspeter, wenn man sich gegenseitig total überwacht? Jonas fand es sehr angenehm, nicht zu sprechen: „Man merkt, wieviel man mit dem Körper erzählen kann. Das vergisst man oft im Theater." Die inhaltliche Ebene verschiebe sich dann auf den ganzen Raum. „Man kommuniziert mit dem Bühnenbild."


Genau getaktet muss das sein und viel Übung verlangt das. An einer Stelle des Abends verbuche ich eine solche Kommunikation mit dem Bühnenbild in meinem Kopftheater als Weihnachtsessen der Familie: Auf dem Küchenherd brät Kate Strong, die Mutter, Putenfleisch. Tochter Philipp Reinhardt serviert es am Tisch treffsicher auf die gedeckten Teller und aufgegabelt landet es ebenso zielgenau in den Mündern.


Aber was passiert da jetzt eigentlich zwischen Tannenbaum, Schreien, Ausbruchstänzen zu Radiomusik und einem Toten im Wohnzimmer? „Tyrannis ist keine Verweigerung", sagt Ersan. „Es geht um dieses Nichts und um Menschen, die trotzdem etwas konstruieren, was dann reale Konsequenzen hat." Also alles Projektion, was in meinem Kopftheater passiert. Es gebe ja kein Problem, keine reale Gefahr auf der Bühne. „Der Horror findet vor allem im Kopf statt".


Das stimmt. Besonders die Geräuschkulisse bereitet mich immer wieder auf einen Schrecken vor. „Wir arbeiten mit verschiedenen tiefen Frequenzen, die man nicht hört, aber die der Körper empfängt und die zum Beispiel Nervosität stiften", erklärt Ersan. Der Schrecken bleibt trotzdem aus. „Ich erfülle nie Erwartungen auf der Bühne. Das finde ich langweilig." Gibt es denn Erwartungen an den Zuschauer? Nein. Den Abend sieht Ersan als Angebot: „Der Zuschauer kann das annehmen oder nicht. Es ist wie ein Geschenk als nette Geste gemeint."

 

durchchoreografiert.                            Foto: N. Klinger


Thomaspeter findet, es bedeute schon einiges, einem Publikum zuzumuten, zweieinhalb Stunden nicht in die Augen der Schauspieler schauen zu dürfen. Der ganze „flirty Part", wie er es nennt, das Verführen der Schauspieler, fehle. Meinem Sitznachbarn fehlt das anscheinend auch. Weil es so still ist, höre ich, wie er seine Theaterkarte zwischen den Fingern hin und her schiebt. Weil es so still ist, wird auch die innere Stimme im Kopf lauter, sagt Ersan.


Den Horror im Kopf sieht Ersan übrigens auch im echten Leben: „Ich betrachte eine Welt, in der es keine reale Gefahr gibt. Aber in der die Menschen eine Gefahr produzieren, weil sie denken, es gäbe eine. Dann handeln sie auf diese Gefahr hin und sie wird zur Realität. Das finde ich höchst gefährlich." Ob der Zuschauer sein Kopftheater weiterspinnt und die Verbindung bis zu „unrealen Gefahren" wie der Flüchtlingskriese herstellt? Das Feedback sei jedenfalls sehr unterschiedlich, sagt Ersan. Dieser Abend kann also alles sein: vom Strandurlaub all inclusive bis zum Abenteuertrip durch die Wüste.

Foto: Conny Mirbach
Foto: Conny Mirbach


Ersan Mondtag wurde 1987 in Berlin geboren und arbeitet zwischen den Bereichen Theater und Musik, Performance und Installation.