Thema des Monats - Juni 2016

Gemeinsamer Ort für Verschiedenheit

 

In der Bürgerbühne machen Dresdner Bürger alles andere als Volkstheater

 

Von Tobias Prüwer

 

„Wie geht's". „S'läuft." „Mir geht's auch gut." Das Schaulaufen der zerrütteten Existenzen begleiten knappste Spielszenen und kürzeste Dialoge. Die Spieler treten beständig auf wie ab und positionieren sie sich permanent neu im leeren Raum von „Katzelmacher". Fassbinders undramatisches Drama holte Robert Lehniger ins Dresden der Gegenwart, gegeben von Dresdnern der Gegenwart. Durchs Spiel der Laien wird die Lähmung der Figuren nicht aufgehoben, sondern durch Wechsel, der auf die Starre hinweist, verstärkt. Das Kunstbayrisch, eine Spur Sächsisch mogelt sich hinein, wird so angenehm gebrochen. Dem gestelzten Text mit doppelter Verneinung und komischer Melodie stellt das handwerklich nicht eingeschliffene Agieren ein wunderbares Komplementär zur Seite - ohne laienhaft zu wirken. Willkommen an der Dresdner Bürgerbühne, wo die Bevölkerung Theater, aber keineswegs Volkstheater macht!

 

"Katzelmacher"; Foto: Matthias Horn


Amateurtheater würde David Brückel die Unternehmung nicht nennen. „Man kann unsere Arbeit auf die Formel bringen: professionelles Theater mit nichtprofessionellen Darstellerinnen und Darstellern. Denn die künstlerische Leitung der Projekt und die Produktionsbedingungen sind professionell." Der Dramaturg und stellvertretender Leiter der Bürgerbühne hat zum Interview ins Kleine Haus geladen. In der Nebenspielstätte des Staatsschauspiels hat die Bürgerbühne seit der Spielzeit 2009/10 ihren festen Ort. Sie ist eine eigenständige Sparte mit eigenen Ressourcen, wie hier auch räumlich sichtbar wird. Einige Spieler für die Abendvorstellungen laufen grüßend vorbei. „Das sind keine ausgebildeten Schauspieler", sagt Brückel über die Darsteller. „Aber sie bringen ihre Lebenserfahrung und teilweise ein Expertenwissen mit. In Bezug auf die jeweiligen Themen sind sie also Profis."


Die Dresdner Bürgerbühne muss man sich als Hybrid vorstellen. Sie zehrt einerseits von der Lust an der Partizipation, zum eigenen Darstellen seitens des Publikums, wie man sie in vielerorts in Theaterclubs findet. Zweitens knüpft sie lose an die Tradition des bürgerlichern Vereins- und Liebhabertheaters an, das dem 19. Jahrhundert entsprang und gerade in Sachsen hochpopulär war. Damals schon ging es neben dem Spiel um künstlerischen Ausdruck, was allerdings oft Wunschdenken blieb, glaubt man zeitgenössischen Kritiken. Während damals die professionellen Theater - auch wenn Künstler und Autoren damals teilweise in den Vereinstheatern mitwirkten - die Liebhaber als Konkurrenten bekämpften, integriert sie die Bürgerbühne ins Stadttheater. Drittens greift die Bürgerbühne den Ansatz des dokumentarischen Theaters auf, das etwa bei der Gruppe Rimini Protokoll die Lauendarsteller als „Experten des Alltags" agieren lässt. Oder wie Volker Lösch, der mehrmals Laien als Dresdner Bürgerchor auftreten ließ, zuletzt geschehen im November 2015, als seine Pegida-Thematisierung „Graf Öderland" den Vorband für „Morgenland" (s. Kasten) bildete.
Was vornehmlich als künstlerischer Zugriff freier Gruppen zu erleben ist, findet sich in der Bürgerbühne institutionalisiert und professionell gerahmt. Natürlich gibt es auch Theaterclubs, rund zehn pro Jahr. Die haben Werkstattcharakter, der Spaß der Teilnehmer steht im Vordergrund. Daneben werden pro Spielzeit fünf „richtige" Inszenierungen erarbeitet und in Premieren gezeigt. In bis zu vier Monaten mit mehren Proben die Woche soll hier etwas von künstlerischem Wert erstellt werden, so Brückel. „Es muss sich mit anderen Produktionen messen können. Es geht nicht ausschließlich darum, das Theater zu öffnen und Partizipation möglich zu machen. Diese hat sich durchgesetzt, ist nicht mehr die Frage, sondern mit welcher Qualität das geschieht."


Die Spieler hierzu werden via Auswahlworkshops gesucht und gefunden. „Wir vermeiden das Wort Casting, denn wir versuchen wirklich, die Leute kennenzulernen und zu schauen, welche Gruppe gut zueinander passt." „Ein bisschen hat es sich schon wie Casting angefühlt", erklärt Susanna Pervana in einer der gesonderten Proberäume für das Bürgertheater, zwei Stadtteil östlich. Die aus Griechenland stammende Pervana hat sich am Rand einer Sprechprobe Zeit fürs Gespräch genommen, auch wenn die Premiere von „Wind.Mühlen.Flügel" in nur 14 Tagen winkt. Es sei schon hart, in einer anderen als der Muttersprache zu spielen, aber auch eine sie reizende Herausforderung. Im Stück, das sich am sprichwörtlich gewordenen Kampf gegen Windmühlen mit der Kraft der Fantasie auseinandersetzt, erzählt sie von den psychischen Problemen ihrer Mutter. „Ich hatte ursprünglich nicht vor, so tief in mir zu wühlen." Im intensiven Gespräch mit Regisseur Tobias Rausch habe sich aber etwas in ihr geöffnet. „Ich fühlte mich oft als Sancho Pansa, der die Scherben wieder aufräumt, die ein Don Quichotte anrichtet. Da fühlt ich plötzlich einen Impuls, etwas zu sagen zu haben."


Zu den sechs Spielern von „Wind.Mühlen.Flügel" zwischen 15 und 66 Jahren zählt auch Hans Kubach, der schon Theaterclub-Erfahrung gesammelt hat. Den Ex-Journalisten und heutigen Rentner lockte das Thema: „Mich interessiert politische Fantasie, Utopien wie Che Guevara oder Edward Snowdens Mut. Dann kam noch meine Suchtkarriere dazu. Bei Don Quichotte sorgen die Ritterromane für Halluzinationen, bei mir war es der Entzug." Und ja, das Gefühl der Selbstbestätigung könne er nicht verneinen, man sei schließlich gezwungen, sich zu disziplinieren und der Herausforderung zu stellen.
So sind es die persönlichen Biografien, die Erfahrungen, Kenntnisse und Fertigkeiten, die im großen Maß die Produktionen mitbestimmen. „Die Regisseure haben eine gewisse Vorstellung davon, nach wem oder was sie suchen", sagt Dramaturg Brückel. „Sie werden oft überrascht durch die Leute, die kommen, und durch die Geschichten, die sie zu erzählen haben. Das kann man sich im Voraus gar nicht ausdenken. Dabei kommt es zu großartigen Überraschungen."

 

"Graf Öderland / Wir sind das Volk"; Foto: Matthias Horn


Überrascht zeigte sich auch der damalige Intendant Wilfried Schulz über den rasch einsetzenden Erfolg beim Publikum; oder tat jedenfalls glaubhaft so. Mittlerweile haben auch andere Stadttheater das Modell adaptiert, im Mai 2014 startete das erste deutsch-europäische Bürgerbühnenfestival in Dresden. Natürlich färbt die Attraktivität aufs ganze Staatsschauspiel ab. Einer Umfrage der Bürgerbühne zufolge „gehen die Darsteller ... durchschnittlich mehr als sechs Mal so häufig ins Theater wie zuvor, im Durchschnitt insgesamt elfmal pro Spielzeit und, sie bringen durchschnittlich 25 Bekannte mit in ihre Vorstellung." Auch mit dem Weggang von Schulz ist die Bürgerbühne als Institution geblieben. Sie habe ihre Existenz einfach als mehr als berechtigt erwiesen, so Brückel. „Man hat gemerkt in der Stadt, dass so ein Ort ganz wichtig ist, an dem man miteinander in den Dialog treten kann. Ein Ort, der einlädt zur Auseinandersetzung, was nicht heißt, dass man immer einer Meinung sein muss, ganz und gar nicht. Es ist wichtig, Ansichten und Positionen zuzulassen und auszuhalten und dies an einem gemeinsamen Ort zu tun."


Dass die Bürgerbühne mehr als ein Marketinginstrument ist, kann man nicht nur an der Qualität der Inszenierungen ablesen. Die Begeisterung springt auch aus den Gesprächen mit den Spielern. Als „total schön" beschreibt die Biologie-Doktorandin Claudia Seiler das sie motivierende Gefühl. „Ich wollte sowieso mal was Neues ausprobieren und bin durch Zufall in eine Vorstellung der Bürgerbühne gegangen. Da konnte ich die Emotionen spüren. Ein Dame um die 80 erzählte auf der Bühne, dass sie gerne tanzt und die hatte ein tolles Kleid an." „Das will ich auch", dachte sie dann und fühlte sich vom „Wind.Mühlen.Flügel"-Thema direkt angesprochen. „Ich war etwas deprimäßig drauf, weil es mit der Promotion nicht recht voranging, ich auf der Stelle trat. Da wollte ich mal was Schönes machen." Und landete in der Bürgerbühne, wo sie nun von der frustrierenden Zähigkeit ihrer Arbeit als Naturforscherin berichtet. „Wo gibt es das sonst?", fragt Susanna Pervana. „Hier ist ein sicherer Ort, wo jeder Bürger seine Wahrheit aussprechen kann, wahrgenommen wird. Das ist einmalig."


„Typisch, aber nicht repräsentativ"


Das Abendland scheint ein allseits bekannter Begriff zu sein, wenn so viele dessen Untergang fürchten. Wie aber steht es mit seinem scheinbaren Gegenteil, dem Morgenland? Kamel und fliegenden Teppich, Krummsäbel, Bauchtänzerin und Halbmond fährt die Bürgerbühne anfangs auf - um dann mit allen Klischees zu brechen. In „Morgenland" (Regie: Miriam Tscholl) konfrontieren Dresdner mit familiären Wurzeln in der arabischsprachigen Welt die Zuschauer mit vielen Bildern, um zu zeigen: Ein homogenes Arabien nicht gibt.


Schon das Teestuben-Setting macht den Kommunikationsansatz deutlich. Auf Hockern an verteilten Tischen sitzend und Tee trinkend, kommt man sofort mit den Tischnachbarn ins Gespräch. Der Abend ist als Revue gestaltet. Darin sind fünf persönliche Runden eingebettet. Musiker und Spieler - manche Flüchtlinge, andere schon lange in der Stadt - verteilen sich an den Tischen zum kleinen Gespräch.

 

"Wind.Mühlen.Flügel"; Foto: David Baltzer


Ich erfahre Erstaunliches von Thabet über seine atheistische Familie in Syrien und Welt, höre, wie der algerisch-stämmige, in Frankreich geborene Abdel vor 20 Jahren der Liebe wegen hierherkam. Der Ex-Ägypter Diaa liest aus einem selbstgeschriebenen Kinderbuch vor. Von den Lebensweisheiten ihrer Mutter und ihrem Interesse an den Umweltwissenschaften erzählt Yesemine aus Tunesien.


Um die kleinen Kennlernrunden sind poetische Vorträge und Lieder, die Thematisierung von Religion, Geschlechterrollen und ein Märchen gesponnen. Die hochsympathischen Amateure unterbreiten ein dynamisches Knäuel vieler Perspektiven. Menschelnd-kitschig wird es aufgrund ironischer Untertönen nicht, zumal Konflikte nicht weggewischt werden. So eint die Gruppe, wie sie erklären, nicht nur die Kenntnis des Arabischen, sondern auch, dass sie in Dresden Fremde sind oder als solche wahrgenommen werden. Miteinander ins Gespräch kommen, ist die schlichte, aber deshalb nicht weniger dringende Botschaft der Bürgertheater-Produktion. Wenn der Abend dann mit Ansichten über die Deutschen - als Telefongesprächsfetzen mit der (alten) Heimat inszeniert - endet, bekommt er einen Weiterdreh. Und noch einmal wird man daran erinnert, was die Spieler den Zuschauern bei jeder Szene ans Herz legten: „Das ist typisch, aber nicht repräsentativ."