Screenshot

Digitale Gefühle

 

Langweilige Schullektüre für die einen, immer wieder gelesenes Lieblingsbuch für die anderen: „Die Leiden des Jungen Werther" kennen wir als Briefroman von Goethe, geschrieben 1774. Hoffnungslos antiquiert also? Nein, sagt das Team von „werther.live" und holt den Stoff in einer interaktiven Online-Version ins Jahr 2020.


Premiere: 5.11.2020

 

Von Sophie Vondung

 

„Schön, dass Du da bist. Stelle die Videoqualität am besten auf 1080p", werde ich im Livestream begrüßt. Dann ertönt ein Gong. Der weckt Erinnerungen: Vor der Vorstellung im Foyer zu sitzen, aufgeregtes Geschnatter um dich rum. Hach, war das schön. Zum Hinterhertrauern ist das Team von „werther.live" aber nicht angetreten, ganz im Gegenteil. „Abgefilmte Bühnen? Theatermonologe vor Webcams? Das ist hier fehl am Platz. Wir glauben, dass digitales Theater eine neue Form des Erzählens möglich macht." Mit dieser klaren Ansage will die Gruppe „Die Leiden des jungen Werther"wieder neu zugänglich machen.

 

Chips mampfend sitzt Wilhelm (Florian Gerteis) da. Inception-mäßig läuft schon der Abspann des Stücks über seinen Bildschirm. „Digga, dass du dich wegen ‘nem Girl umbringst, ist das nicht ein bisschen melodramatisch?" So nimmt er im Zoom-Gespräch mit Werther flapsig das Ende der Geschichte vorweg. „Fuck you, ey", erwidert Werther (Jonny Hoff) lachend. Schon in den ersten Minuten wird klar: Scheue Originaltreue ist hier nicht an der Tagesordnung. Stattdessen lassen die Spielenden ihre Jugendsprache unverblümt fließen. Und machen das so locker und überzeugend, dass man das Gefühl hat, in eine echte Online-Konversation hineingesogen zu werden.

 

Per Bildschirmübertagung verfolgt das Publikum Werthers Online-Aktivitäten. Die Charaktere tauchen also nur in Videotelefonaten selbst auf dem Bildschirm auf, ansonsten sind sie in ihren Mausbewegungen und Hintergrundgeräuschen präsent. Werthers Cursor schwebt zögernd über seinem Instagram-Feed. „Jonny Go! ", ruft Regisseurin Cosmea Spelleken rein. Nicht für unsere Ohrengedacht, muten solche Einrufe doch menschlich an, und lassen erahnen, was für ein technisches Wunder es eigentlich ist, dass hier alles so glatt läuft, wie es das an diesem Premierenabend ansonsten tut (Technik: Leonard Wölfl).

 

Ein Anruf unterbricht das Zoom Gespräch von Werther und Willy. Es ist Charlotte Stein (Klara Wördemann). „Ich ruf an wegen des Buchs das Sie bestellt haben." Die beiden tänzeln aufgeregt zwischen Siezen und Duzen, zwischen professionellem Verkaufsgespräch und persönlichem Interessehin und her. Und landen schließlich im WhatsApp-Chat, wo Werther direkt Lottes Profilbild auscheckt.

 

Freundschaftsanfrage an Werther

 

„Wow, das sind aber viele Geschwister!" - „Wofür brauchst Du das Buch eigentlich?" - „Ich arbeite viel an Collagen und dafür brauche ich neues Material". So kommen die beiden ins Gespräch und verabreden sich zu einem „Treffen im digitalen Raum". Werthers Collagen kann das Publikum schon im Vorfeld bei Instagram bewundern (Collagen: Pia Matthes, Su Lu und Cosmea Spelleken). Denn jeder der Charaktere hat eine echte Online-Präsenz. So kann man Werther, Lotte oder Albert eine Freundschaftsanfrage schicken und mit ihnen in Kontakt treten. Die Posts reichen zurück bis in den Sommer. Bei Lotte finden sich Fotos im Reto-Chic, oft mit ihrem Freund Albert (Michael Kranz). #lieblingsmensch, #candlelightdinner und rote Herzen. In diese Idylle grätscht Werther bald hinein.

 

Bei einem Glas Wein unterhält er sich mit Lotte auf Zoom, draußen wütet ein Gewitter. Eine Lebensrealität, in der viele sich aktuell wiederfinden dürften. Sie lachen unsicher, machen lange Pausen, warten geduldig auf die wohlüberlegten Antworten ihres Gegenübers.

 

Wie verliebt man sich digital? Werther liket Lottes Fotos, schwärmt von ihr in Sprachnachrichten an Willy. Schickt ihm Fotos. Willy: Ohaaaa, viel zu hübsch für dich! Lachender Smiley. Aber da ist ja leider noch Lottes Freund Albert. Der macht humanitäre Arbeit, wie sein Profil verlauten lässt. Natürlich wird das direkt von Willy und Werther kommentiert. „Alter, was für ein Gutmensch. Der ist ja fucking Jesus!" „Boah Digga, das ist unser nächster Bundespräsident!"

 

Von der Schreibmaschine zum Videocall

 

Solche Chat-Sessions unterbrechen Zwischensequenzen, in denen die Charaktere zu ruhiger Gitarrenmusik (Musik: Jonas Rausch) ihre Gedanken in eine Schreibmaschine tippen. So schafft das Stück den Spagat zurück zum Original - und Goethes Briefroman erhält doch noch im Originalwortlaut Einzug ins Digitale.

 

Irgendwann muss Lotte sich entscheiden. Kontaktabbruch mit Werther. Sein Mauszeiger arbeitet an einer neuen Collage. Im Hintergrund zieht er den Rotz hoch, die Schluchzer bleiben ihm im Rachen stecken. Sein Schmerz wird durch den Bildschirm deutlich spürbar. In über den Bildschirm huschenden Großportraits von Lotte manifestiert sich schließlich sein Liebeskummer, unterlegt von einer Kakophonie aus deren gemeinsamen Liedern. Die Verzweiflung schwappt über, Werther steuert seiner persönlichen Katastrophe entgegen.

 

Die Bildschirmübertragung hat etwas intimes, ist doch der eigene Laptop besonders in letzter Zeit zu einer Schatulle des persönlichen sozialen Lebens geworden. Auch wenn die Charaktere nicht zu sehen sind, sind sie doch in ihren Cursorbewegungen oder ihrem Tippen sehr präsent. Die Schreibmaschinen-Interludien bieten einen sinnliche Ruhe-Oase zwischen dem geschäftigen Online-Treiben. Und die Originalbriefe kontrastieren zwar die jugendliche Chat-Sprache der Charaktere, ergänzen aber deren Vintage-verliebte Online-Präsenz perfekt. Angesichts ihre Literaturliebe hat der Ausdruck im getippten Brief auch nichts Unpassendes, sondern hebt das übrige Geschehen auf eine andere Ebene. Dem Team von „Werther.Live" gelingt es also eindrucksvoll, ihr Versprechen, eine neue, digitale Form des Erzählens zu schaffen, einzulösen.

 

„werther.live" läuft am 15. und 16. 11., sowie am 4. und 6. 12.. Livestream und Tickets findet ihr unter werther-live.de.

 

 

------------------------------------------------------------

 


Das Ensemble von „Jugend ohne Gott". Foto: Ana Lukenda

Ist Gott noch systemrelevant?

 

Am Schauspiel Köln feierte das Import Export Kollektiv mit Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ und zwölf Jugendlichen Premiere seiner neuesten Produktion. Regisseur Bassam Ghazi wählte dafür die Fassung von Tina Müller. Das Besondere an ihr: die Handlung wird in die Gegenwart verlegt und die Geschichte nicht aus der Perspektive des Lehrers, sondern der Schüler*innen erzählt.


Premiere: 23. Oktober 2020

 

Von Marvin Wittiber

 

Das geht gleich gut los: Ensemble-Küken Ruben Chwilkowski heizt das Premierenpublikum im Prolog zum Stück direkt mal mit einer Trigger-Warnung für alle AfD-Wähler*innen ein, die sich - falls auch noch humorfrei - doch bitte outen, aufstehen und den Raum verlassen sollten. Denn das, was in den nächsten gut 90 Minuten zu sehen sein wird, soll politischer Zündstoff jener Klasse sein, der zweifelsfrei polarisieren wird. Dass so eine dem Abend vorweg gesendete Message die Erwartungen beim Publikum in die Höhe schnellen lässt, war abzusehen. Wenig überraschend verlässt den Saal natürlich niemand - im Vergleich zu sonstigen Vorstellungen des Schauspiel Köln sitzt hier nämlich ohnehin ein deutlich jüngeres, diverseres und linkeres Publikum. Stattdessen hier und da hämisches Gekicher aus dem Corona-bedingt dezidierten Zuschauerraum. Denkt man jedoch nach dem Epilog, der auch wieder ganz allein in den Händen des jüngsten Ensemblemitglieds liegt, an dieses Versprechen zurück, muss man leider feststellen, dass es uneingelöst geblieben ist. Große Klappe, nichts dahinter quasi. Aber warum dann dieser Auftakt und wohin will soll er führen?


Aber von vorne: „Jugend ohne Gott" heißt der Roman, den der Autor Ödön von Horváth 1937 mit seiner Veröffentlichung in die Welt entsendete und der daraufhin just verboten wurde. Das Buch handelt von der Geburt des Faschismus in Nazideutschland, die anhand des schwierigen Verhältnisses zwischen einer Klasse und ihrem Lehrer erzählt wird. Um die Entindividualisierung des und der Einzelnen und das Verkommen zu einer großen Masse zu unterstreichen, gibt Horváth beinahe all seinen Figuren keine Namen, sondern benennt sie nur mit Buchstaben oder Bezeichnungen wie „Der Lehrer". Im Zentrum der Handlung steht die Ermordung eines Schülers während des Zeltlagers, der sich wie ein Kriminalfall langsam entspinnt. Die Theaterfassung von Tina Müller, welche im April 2019 von Nurkan Erpulat am Maxim Gorki Theater uraufgeführt wurde, holt die Handlung in die Gegenwart und nimmt nicht wie im Original die Perspektive des Lehrers, sondern die Perspektive der Schüler*innen ein. Die Fassung, die eigentlich nur für acht Spieler*innen konzipiert ist, inszeniert Regisseur Bassam Ghazi mit zwölf Mitgliedern seines Import Export Kollektivs und besetzt mit ihnen im Gegensatz zur Uraufführungsversion sowohl die erwachsenen als auch die jugendlichen Figuren.


Nach dem Prolog setzt die Inszenierung gleich mitten im Gerichtsprozess an. Die Darstellerinnen und Darsteller stehen in Reih und Glied in einem riesigen Rechteck, natürlich mit ausreichend Abstand, auf der unverkleideten Bühne im Depot 2. Im Zentrum steht ein riesiges Stahlkonstrukt, das die Optik einer gekippten Schultafel mit hölzernem Rahmen hat. Die Schräge, die sich auf der Rückseite ergibt und mit Leuchtstoffröhren ausgestattet ist, fungiert als eine Art geheimer Unterschlupf. Das komplette Element ist durch Krafteinsatz des Ensembles jederzeit drehbar und kann in immer neue Positionen gebracht werden. Die Kostüme nehmen den Prozess der schleichenden Entindividualisierung auf und sind vor allem farblich auf den ersten Blick zwar grundverschieden, haben aber sich ähnelnde Formen und Bänder, die an den Prototyp einer Uniformierung erinnern. Ohnehin vergeht hier eine ganze Weile, bis man sich zurechtgefunden hat und versteht, was hier gerade vor Gericht verhandelt wird und wer wer ist. Erschwert wird das ganze, indem zu Beginn die Texte einzelner Figuren teils von verschiedenen, teils von mehreren Spieler*innen chorisch gesprochen werden.


Die Spannung, die das spielwütige Ensemble an diesem Abend aufbringt, stimmt zu jeder Zeit. Die Figuren bekommen Gesicht und doch fehlt es ihnen an Charakter, weil Gesprochenes hier inhaltlich wie akustisch stets gleich klingt. Das Individuelle wird gekappt und die Schulklasse verschwimmt zu einer radikalen Einheitsmasse. Die Wahrheit und das Gewissen des oder der Einzelnen sind verloren und ausgemustert, eine Figur wie Gott schlicht nicht mehr systemrelevant. Ersetzt wird das ganze durch den nationalsozialistischen Sprech, den die Schüler*innen von ihrer Umgebung aufgenommen und ohne zu hinterfragen adaptiert haben. Zweifel gibt es nicht und wenn dann nur im Geheimen. Die Vereinzelung der Figuren, die vor allem in den vielen Monolog- und Dialogszenen zum Ausdruck kommen, geht mit den ohnehin vorgeschrieben Abstandsregeln Hand in Hand. Allerdings fehlt es den Figuren an Tiefe, damit die Zuschauer*innen sie spannend finden und an ihnen dranbleiben. Und da liegt wohl die größte Schwäche des Abends, weil die schauspielerische Qualität des nicht-professionellen Ensembles dafür leider nicht ausreicht. Das Kollektiv kommt an seine natürliche schauspielerische Leistungsgrenze. Dazu kommt, dass der Abend dramaturgische Schwächen aufweist und die Sprechszenen und Choreografien nicht gut ineinandergreifen, sondern oft wie bindungslos aneinandergereiht aussehen. Grundsätzlich stellt sich daher die Frage, wo der Leiter des Kollektivs künstlerisch mit dem insgesamt 28-köpfigen Ensemble hinmöchte. Die Entwicklung seit Gründung des Kollektivs 2015 geht weg von Stückentwicklungen hin zum Aufführen von einem Theaterkanon, der schlicht ein anderes Niveau einfordert, das die sympathisch aufspielende Truppe nun mal ohne Sprecherziehung nicht erreichen kann. Dennoch findet der Abend vor allem durch seine spürbar familiäre und nahbare Stimmung im Saal ein versöhnliches Ende. Allein die Sichtbarkeit von so viel Diversität auf der Bühne, die heutzutage aufgrund seiner Seltenheit leider immer noch besonders hervorgehoben werden muss, und das Sprühen vor Freude am Theater ist nicht nur ein Gewinn für die Spieler*innen und das Publikum, sondern für das gesamte Schauspiel Köln.

 

 

 

------------------------------------------------------------

 


Foto: Dirk Burghaus

Zwischen Masken und Mythologie

 

Seit dem 7. Juni zeigt das Lutz Hagen bis zum Ende der Spielzeit wieder Stücke aller Art. Dazu zählt auch „TransformMates", das am 14.06.2020 Premiere feierte.


Von Xenia Joyce Ilge

 

Beim Einlass gibt es wegen der Corona-Pandemie eine kleine Veränderung: Man wird nämlich zu seinem jeweiligen Platz begleitet und dort darf man dann seine Schutzmaske abnehmen. Von dort aus kann man bereits die drei Hauptcharaktere Luis, der Krieger (gespielt von Micha Baum), Nele, die Heilerin (gespielt von Anne Schröder) und Sam, das magische Wesen (gespielt von Tatiana Feldmann) beobachten. Sie alle sind auf der Bühne verteilt und spielen mit einer kleinen Feder. Sobald die Zuschauer ihren Platz eingenommen haben, ziehen sich Nele, Sam und Luis ihre Masken auf, das Licht geht an, und das Stück beginnt mit einer farbenfrohen Choreografie. Die drei 13-Jährigen „Freaks" wie sie sich selbst nennen, haben sich vor einiger Zeit in dem vergessenen Theaterraum ihrer Schule kennengelernt, um nun ihrer gemeinsamen Leidenschaft, dem Videospielen, nachzugehen. Gemeinsam kämpfen sie gegen den Minotaurus in dem digitalen Adventure Game „TransformMates".


Dieses basiert auf der Sage des sagenumwoben Ikarus, der auf seine Freiheit pocht. Die drei verwandeln sich in den Avatar Ikarus und versuchen gemeinsam mit ihm, die Freiheit zu erlangen. Außerhalb dieses Spiels haben die drei anfangs noch nicht sonderlich viel miteinander zu tun, doch nach und nach werden sie zu richtig guten Freunden, die sich alles erzählen. Über die schlagfertige und selbstbewusste Sam erfährt man durch eine Art Videotagebuch, dass sie gerne eine Koralle wäre. Sie erzählt, dass sie als einziges Mädchen unter ihren vier Brüdern aufgewachsen ist und sich daher auch eher wie ein Junge verhält, genau wie in der Sage der Iphis, welche auch aus der griechischen Mythologie stammt. Luis, der sonst sehr von sich überzeugte und ein wenig eingebildete Krieger, erzählt in einem fast schon schüchternen Ton, dass er seinen Vater kennenlernen will, denn dieser, ein Politiker, hat ihn und seine Mutter sitzen lassen und zahlt seiner Mutter nun ein monatliches „Schweigegeld". Damit will er sich jedoch nicht zufriedengeben. Auch in diesem Fall findet Nele eine Parallele zwischen dem wahren Leben und der Mythologie, denn genau wie Luis will auch Phaeton seinen Vater kennenlernen. Nun erzählt auch die sonst sehr pfiffige Nele ihren Freunden was sie bedrückt, denn in ihrem Fall zeigt sie selbst eine Parallele zwischen ihrem Leben und der Sage Io. Nele lebt unter den wachsamen Augen ihrer strengen Mutter. Diese verlangt von ihr das sie eine perfekte, mittelmäßige Tochter sein soll, doch das fällt ihr schwer und nun will ihre Mutter auch noch mit ihr wegziehen. An dieser Stelle hatte ich Probleme dem Stück zu folgen, da man hier keine Parallele zwischen Neles Problem und dem von Io erkennen kann. Als sie nun bemerken, dass sie alle Probleme mit sich herum Tragen und jeder für sich versucht aus seinem ganz eignen Labyrinth herausfinden, wollen sie gemeinsam wie in ihrem vorigen Videospiel eine Lösung finden. Mithilfe ihrer besonderen Kräfte als Heilerin, Krieger und als magisches Wesen. Sie bemerken jedoch bald, dass sie ihre Probleme so nicht lösen können und feiern stattdessen eine Tanzparty mit ihren Freunden, die Sam schon lange geplant hat.


So endet das Stück genau wie es angefangen hat, mit einer bunten Tanzeinlage. Ich finde es ein wenig schade, dass das Stück doch recht abrupt geendet hat und die drei ihre eigenen Probleme doch nicht wirklich lösen konnten. Aber so hat es auch aufgezeigt, dass man nicht wirklich etwas gegen die Realität tun kann, außer den Moment mit seinen Liebsten zu genießen und das besten als „Freak" dort rauszumachen. Die Masken der drei Darsteller waren meiner Meinung nach kein Störfaktor, sie haben viel mehr noch eine viel futuristische Atmosphäre geschaffen. Man hat die drei Darsteller jedoch an manchen Stellen ein wenig schlecht verstanden. Gut umgesetzt finde ich, dass das Bühnenbild aus verschiebbaren Traversen besteht und die drei sich ihre eigene Analoge als auch reale Welt selbst zusammenstellen können. Somit kommt sehr viel Bewegung in das Stück. Außerdem schafft, das Videotagebuch von Sam und das zusammen Spiel der vielen Lichter, der Musik und dem ständigen Kostümwechsel, über das ganze Stück hinweg eine überaus technische Atmosphäre. Meiner Ansicht nach hat Anja Schöne, Regisseuren des Lutz, aus den Werken Ovids Metamorphosen, ein aktuelles und zeitgemäßes Abenteuer kreiert. Wobei Parallelen zwischen der harten Realität und analogen Welt geschaffen werden. Dieses fantastische Stück sollte sowohl leidenschaftliche Gamer als auch nicht Gamer gefallen, denn wir alle suchen doch diesen einen Ort wo wir der Wirklichkeit und unseren Probleme entfliehen und einfach nochmal Kind sein können.


Xenia Joyce Ilge ist 16 Jahre alt und mit sehr viel Freude im Theaterclub im Stadttheater Hagen tätig. Für Schauspiel und Theater interessiert sie sich aber schon viel länger. Bereits als kleines Kind wollte sie Schauspielern werden und mehr über Theater und allem, was dazu gehört, erfahren.

 

------------------------------------------------------------

 


Foto: Schlosstheater Moers

Albert Camus mit Sicherheitsabstand

 

"Die Pest" am Schlosstheater Moers


Gestreamt am: 25.04.2020
Premiere: 19. September 2019
Theater: Schlosstheater Moers
Regie: Ulrich Greb
Stream verfügbar auf der Website des Schlosstheaters unter https://www.schlosstheater-moers.de/?produktion=die-pest-von-albert-camus

 

Von Sophie Vondung


"Aufgrund der Aktualität und der großen Nachfrage ist die visuelle Lesung nun permanent zum Anschauen verfügbar", heißt es auf der Website des Schlosstheaters Moers. Es geht um deren Stück "Die Pest" nach Albert Camus. Und tatsächlich könnte dieses Werk momentan aktueller nicht sein. Aber nicht nur deswegen lohnt es sich, den Stream des Schlosstheaters anzusehen.


Die Inszenierung des Stücks fand im September letzten Jahres statt und war eigentlich als Kommentar zur zunehmenden Abschottung Europas gedacht. In der aktuellen Situation muss man gar nicht so weit denken, um in Camus' Roman Parallelen zu unserer Lebensrealität heute zu finden. So erinnert in dieser visuellen Lesung fast jeder zweite Satz an Corona und seine Auswirkungen. "Ein Kranker ist hier sehr allein", rezitiert Schauspieler Frank Wickermann etwa Camus und lässt an social distancing und seine Folgen denken.


Sicherheitsabstand wird auch hier in der Inszenierung gewahrt. Denn die Schauspieler haben sich an die neue Situation angepasst und spielen das Stück in knapp 50 Minuten ohne Publikum und ohne Interaktion. Die sechs Männer und Frauen sitzen auf brauen Plastikstühlen inmitten eines Quarantäne-Zelts. Zwischen ihnen bleiben jeweils mehrere Stühle frei. Sie bewegen sich nicht und sprechen ausschließlich in die Kameras, die vor ihnen aufgebaut sind. Dabei rezitieren sie ausgewählte Passagen aus Camus' „Pest". Ein szenisches Element gibt es nur einmal, als die Schauspieler ganz am Anfang das Zelt betreten. In weißen Krankenschwester-Kitteln und Springerstiefeln treten sie nacheinander an einen imaginären Desinfektionsmittelspender. Den bedienen sie mit den Ellenbogen und reiben sich Unterarme und Hände ein. Dabei tragen sie Rattenköpfe aus Gummi. Sie ziehen sich schwarze Plastikhandschuhe an. Dann setzen sie sich und die Lesung beginnt. „Wir bedauern, dass wir nichts wirklich aufsehenerregendes berichten können", rezitiert einer der Schauspieler. „Nichts ist weniger aufsehenerregend als eine Seuche. Und schon durch ihre Dauer sind große Unglücke eintönig."


Die Corona-Parallelen häufen sich also auch weiterhin. Da ist der Arzt Rieux, der fieberhaft nach einem Serum gegen die Pest sucht. Die Zahl der neu Infizierten steigt unterdessen exponentiell an. „Wir schaffen das!", versucht die eine Mut zu machen, während andere kritisieren: „Die Maßnahmen sind unzureichend." Da ist es manchmal schwer zu glauben, dass dieser Text 1947 erschienen ist und das gleichnamige Stück am Moerser Schlosstheater bereits vor einem Jahr Premiere feierte. Während die einen Bewohner von Oran ihr Leben an die Einkerkerung a.k.a. Quarantäne anpassen, will Journalist Rambert einfach nur noch weg aus der befallenen Stadt. Und obwohl die Bewohner vorläufige Siege im Kampf gegen die Pest feiern, beherrschen Trennung, Exil, Angst und Auflehnung die Stimmung in der Stadt.


Wie das Stück hätte sein sollen, zeigen eingeblendete Fotos und Videos von der damaligen Inszenierung mit Publikum. Die überlagern hier und da die visuelle Lesung. Die blutüberströmten Ratten-Krankenschwestern tragen in den Videoausschnitten haufenweise Leichen davon und übergeben einige davon in die Arme einzelner Zuschauer. Die sitzen hier noch dicht an dicht auf den Stühlen. All das ist jetzt nicht mehr möglich. Stattdessen wirkt die neue Version des Stücks beinahe trostlos im Kontrast zum interaktiven Spiel mit den Zuschauern. Der hoffnungsvolle Optimismus im Blick von Elisa Reining, die in der Rolle des Rieux von Swing untermalt in die Kamera sagt „Wir werden neu anfangen", gewinnt damit eine zweite Ebene.

 

Am optimistisch stimmenden Ende entlädt sich schließlich das angestaute Leben in Freudenfesten der Stadtbewohner. Der Stream ist eine gelungene Mischung aus Stück und Lesung. Auch wenn die visuelle Lesung sich zeitweise eher anfühlt sich wie Hörbuch Hören als wie ein Theaterbesuch, kann die Anpassung des Stücks an seinen neuen, digitalen Lebensraum als gelungen bezeichnet werden.

 

 

 

------------------------------------------------------------

 


Foto: Nilz Böhme

Übertrieben, realistisch oder beides?

 

Im Theater Magdeburg wird auf den Schultischen getanzt, oder doch nicht? Lustig und humorvoll, aber letztendlich ernst und ergreifend, voll aussagekräftiger Fakten in Form von überspitzten Klischees. So inszeniert die Regisseurin Grit Lukas das Jugendstück von Tina Müller: „Falk oder Der süße Gedanke vom Aufstehen und Gehen“.

 

Premiere: 21. Februar 2020

 

Von Cleo Maier

 

 

Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft und alle, die schon einmal in der Schule waren, können das nicht leugnen. Wie auch, wenn die größte Veränderung, die unser deutsches Schulsystem in den letzten 300 Jahren durchgemacht hat, der Übergang vom Stände- zum Leistungssystem ist. Kein Wunder, dass die Zeugnis- bzw. Notenvergabe da einer Gerichtsverhandlung gleicht oder Schüler*innen anstatt wissensdurstig sein zu dürfen, sich mit Wissen vollsaugen müssen, bewertet werden und es wieder auskotzen. Ein stumpfer Kreislauf, der den Schüler*innen nichts außer schlaflosen Nächten, unrealistischen Vorstellungen des wirklichen Arbeitslebens und die völlige Ausrottung von Hobbys, Privatleben und jeglicher Individualität bringt. Muss sich da nicht zwangsläufig die Frage stellen: Wo ist der Sinn?

 

Tina Müller, Autorin preisgekrönter Jugendstücke, hat sich diese Frage gestellt. Inszeniert von Grit Lukas sehen wir in „Falk oder Der süße Gedanke vom Aufstehen und Gehen", die Schüler*innen Isa, Henri und Sonntag, gespielt von Isabell Will, Valentin Kleinschmidt und Frederik F. Günther, die Geschichte des Jugendlichen Falk erzählen. Falk ist anders, oder um es mit den Worten seiner Eltern auszudrücken: BESONDERS. Ihm fällt das Anpassen nicht leicht. Er erkennt keinen Sinn im monotonen Auswendiglernen von Fakten und es fällt ihm dementsprechend schwer, die von ihm erforderte Leistung zu bringen. Gut, Falk ist also besonders, aber da ist er ja nicht der einzige auf der Welt. Was also macht dieses Stück besonders? Nicht nur die (besonders) phänomenalen Dialoge, nicht nur die (besonders) großartigen schauspielerischen Leistungen, nicht nur das (besonders) wandelbare und kreative Bühnenbild und nicht mal nur die (besonders) gute, schon fantastische Inszenierung von Grit Lukas. Das Besondere an „Falk oder Der süße Gedanke vom Aufstehen und Gehen" ist, dass Falk nicht ein einziges Mal in Erscheinung tritt. Die Geschichte von Falk wird ausschließlich von Isa, Henri und Sonntag erzählt. Durch sie erfahren die Zuschauer, dass Falk gerade mit ihnen in der Mathe-Abiturprüfung sitzt und kurz davor ist aufzustehen und sein Abi sausen zu lassen. In einem turbulenten Hin und Her durch Diskussionen, Zeitsprünge und Rollenwechsel geben sie uns einen Einblick in Falks Vergangenheit. Die drei Schauspieler*innen stellen alle Personen und sogar abwechselnd Falk selbst dar. Das Springen von Rolle zu Rolle ist dabei sehr klar und intelligent gelöst. Eine beeindruckende szenische, dramaturgische und schauspielerische Leistung.

 

Das Bühnenbild besteht aus einem recht einfachen Gerüst, an dem Tafeln verschiedenster Form und Größe angebracht sind. Eine erhöhte Fläche aus unterschiedlich hohen, mit Tafeln versehenen Podesten macht die Bühnenlandschaft umso interessanter. Gekrönt wird die kleine Welt aus Tafeln von vier Stühlen. Die Schauspieler*innen tragen dabei Jeans und einfarbige bordeaux farbene T-Shirts. Klingt langweilig? Das ändert sich jedoch schnell, sobald die Tafeln sich in Gebäude, Gegenstände und sogar Körper verwandeln, bis Schauspieler*innen von Podest zu Podest turnen, sich am Gerüst entlanghangeln, Kreide immer wieder wie aus dem Nichts hervorzaubern und Lichtwechsel, Musikeinspielungen und Nebel das Publikum in ihren Bann ziehen. Ganz bewusst harmoniert Kostüm und Bühnenbild von Lena Hiebel mit Geschichte, Situationskomik, Atmosphäre, Kontext und Turbulenz des Stückes.

 

Genauso gut platziert ist der Einsatz ästhetischer Mittel: Wiederholungen, Bewegung, kleine Choreographien und Rhythmen zwingen alle Zuschauenden zur Faszination. Doch nicht nur hier herrscht ein kreatives Lauffeuer: In Form von Zeitsprüngen und Rollenwechseln springen die Schauspieler*innen nur so von Charakter zu Charakter. Dadurch wird so eine Absurdität aufgebaut, die, vermischt mit unzähligen Überspitzungen, Klischees, Wortspielen und Witzen, nicht anders zu beschreiben ist als eine kreative Explosion, die das Zuschauen zu einem einzigartigen Erlebnis macht.

 

Aber trotz all des Humors, das Thema, das Problem bleibt real. Zwar sind Charaktere und Szenen überspitzt, aber die grundlegenden Situationen sind in ihrer Form alltäglich, genauso wie die auf übertriebene Weise vorgetragenen Phrasen doch viel zu oft im Alltag verwendet werden. Und das Stück konfrontiert. Es beschäftigt sich umfassend und ausgiebig mit allen Facetten des deutschen Schulsystems. Gute, ausgeglichene und breitgefächerte Argumente aller Parteien werden dargestellt.

 

Fazit: das Stück ist lustig, humorvoll und tiefgründig. Die schauspielerische Leistung hat ein unglaubliches Niveau und begeistert in jeder Sekunde, so dass die 70 Minuten wie im Flug vergehen. Alles in allem hat Grit Lukas eine Inszenierung geschaffen, die jeden Zuschauenden, auch jenseits des Jugendalters, berühren wird. Trotzdem sollten sich Lehrer, Eltern und Schüler, wenn sie das Stück besuchen, es nicht zu persönlich nehmen. Es werden nun eben Stereotype dargestellt und jede*r Lehrer*in, Schüler*in oder jedes Elternteil ist anders. Es reicht schon nachzudenken und anzufangen sich selbst zu hinterfragen. Denn „Falk" ist vielleicht übertrieben, aber auch realistisch. Oder vielleicht auch einfach übertrieben realistisch.

 

Mehr Infos zum Stück

Seite 1 von 27 weiter> >|