Foto: Karl-Bernd Karwasz

Rhythm is a cancer

 

Let the beat control your body: Im Schauspiel Hannover inszeniert Łukasz Twarkowski den französischen Zeichentrickklassiker „Es war einmal...das Leben“ als unendliche Techno-Party.

 

Premiere: 23. Februar 2019

 

Von Jan Fischer

 

Die härteste Tür der Stadt ist das Hirn, klar, aber bevor es hier um die niemals endende Technoparty geht, als die der Regisseur Łukasz Twarkowski in „Es war einmal...das Leben“ den Körper inszeniert, geht es erst einmal um Nostalgie. Denn die spielt eine große Rolle in der Inszenierung im Schauspiel Hannover. „Es war einmal...das Leben“ basiert auf der gleichnamigen Zeichentrickserie aus dem Jahr 1987, die in 26 Folgen ab 1990 in der ARD ausgestrahlt wurde und versuchte, komplizierte körperliche Vorgänge kindgerecht zu erklären – und damit ein Favorit für lange Samstagnachmittage der frühen 90er wurde.

 

Von der kuscheligen Zeichentrickserie ist die Inszenierung des polnischen Regisseurs allerdings weit entfernt. Nur einmal wird die Titelmelodie kurz auf einem Xylophon angespielt. Ansonsten geht es im Inneren von  Twarkowskis Körperinszenierung eher zu wie bei einem Videoabend im Berghain. „Hast du mein ATP gesehen?“ kreischt da in einem Autowrack eine Zelle ein genetisch verändertes Lymphozyt an, während weiter hinten fröhlich Dopamin und sonstige körpereigene Drogen geschluckt werden und pumpender Deephouse über die Bühne vibriert.  Statt putzigem Zeichentrick ist der Körper bei Twarkowski eine Technoparty, in der das Herz mit 120 beats per minute den Rhythmus vorgibt und das Gehirn die härteste Tür der Stadt ist.

 

Folgendes passiert: Durch einen Autounfall liegt ein Mann im Koma (den Part des erkrankten Dieter Hufschmidt übernimmt in der Premiere Wolf Bachofner). Im Krankenhaus wird bei ihm ein Hirntumor festgestellt, den sein Sohn mit Hilfe der durch die Genschere CRISPR/Cas9 veränderter weißer Blutkörperchen, heilen möchte. Aus dieser Situation entfalten sich mehrere Erzählebenen, eine im Krankenhaus, eine aus Rückblenden, eine im Körper des Kranken, die sich in der gut vierstündigen Inszenierung motivisch vermischen. „Es war einmal...das Leben“ ist dabei ständige Überforderung: Fast die ganze Inszenierung hindurch gibt es Musik, die zweite Hälfte ausschließlich Techno, komplexe Live-Kamerachoreographien doppeln, verfremden oder ergänzen die Handlung auf der Bühne, ein fahrbarer, auf einer Seite einsehbarer Bunker auf der Bühne wird mal zum Krankenzimmer, mal zum Labor, fährt mal vor, mal zurück, mal in die Bühne und wieder hinaus und wird dabei innen und auf dem Dach bespielt.

 

„Es war einmal...das Leben“ ist dabei Twarkowskis erste Inszenierung im deutschsprachigen Raum, in Polen und Litauen hat sich der 36jährige Regisseur allerdings schon durch seine eigenwilligen Inszenierungen, die irgendwo zwischen Installation, Inszenierung, Videokunst und radikalem Discoabend liegen allerdings schon einen Namen gemacht – und räumte dabei auch renommierte Theaterpreise ab. Hierzulande wird Twarkowski eher noch als Geheimtipp gehandelt – ein Abend wie „Es war einmal...das Leben“ am Schauspiel Hannover dürfte das wohl ändern. Auch, wenn die Inszenierung nicht nach dem Geschmack des ganzen Publikums ist: Nach der Pause bleiben auffällig viele Sitze im Zuschauerraum leer.

 

Schade eigentlich, denn gleich zu Beginn gibt ein kleiner Vortrag die Marschrichtung vor: Kunst sei schwer zu verstehen, und „dem Akt des Verstehens geht eine Phase der Verständnislosigkeit voraus“. Genau wie die Zeichentrickserie mit versucht die Inszenierung, komplexe Sachverhalte einfach darzustellen. Es gibt eine Talkshow-Szene, in der kurz die aktuelle Diskussion um genetisch veränderte Embryonen in China aufgreift, in emotionalen Szenen wird die Fünfecksbeziehung aus Vater, Sohn, Frau des Sohnes, Mutter, zweiter Frau des Vaters aufgearbeitet, gleichzeitig läuft die Körperdisco immer weiter, es geht um Körperbilder, aber eigentlich geht es auch im Wissenschaft: „Die Wissenschaft ist das Fundament unserer Gesellschaft“ wird einmal in einem eingespielten Sprechtext gesagt, und sowieso: Es geht um nicht weniger als das Verstehen selbst. So wird das Bühnengeschehen mit viel Kunstnebel und seinen eleganten motivischen Verknüpfungen der parallelen Handlungen eine sehr dichte Angelegenheit, die mit lange ausgespielten, aber guten Ideen überzeugt. Aber eben auch  stellenweise eben überfordernd, so dass es trotz der Länge der Inszenierung nicht langweilig wird.

 

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Foto: Thilo Beu

„Isfahan ist die Hälfte der Welt“ (persisch اصفهان نصف جهان)

 

Regisseurin Carina Eberle inszeniert „33 Bogen und ein Teehaus“ nach dem Roman von Mehrnousch Zaeri-Estfahani. Die Inszenierung setzt einen gegenwartskritischen Impuls zur richtigen Zeit, indem sie die Fluchterfahrung einer Familie aus dem Iran begleitet, die versucht ihre Selbstbestimmung beizubehalten und gleichzeitig ein Heimatgefühl zu finden.

 

Theater Bonn, Premiere am 21. Februar 2019

 

Von Lena Weyers

 

„Ich wünschte mir, ich würde mich in Luft auflösen, denn ich wollte nach Hause. Da aber stellte ich mir die Frage, wo mein Zuhause war. Und mir wurde bewusst, dass ich kein Zuhause hatte.“ – Mehrnousch

 

Mehrnousch ist mit ihrer Familie im Iran, in Isfahan, in den 1980er Jahren aufgewachsen. Man wird als Zuschauer von der ersten Minute an mit an diesen 5.165 Kilometer von Bonn entfernten Ort genommen. Dies geschieht vor allem durch das minimalistische Bühnenbild von Ausstatterin Karen Simon, welches den Titel der Adaption sofort in der Gestaltung der Stadt verortet. Isfahan, mit seinen Wahrzeichen, der 33-Bogen-Brücke und dem wunderbaren Teehaus, wird zu Beginn leicht idealisiert, beispielsweise durch die stetige Thematisierung des Mondes und der Sterne. Diese Darstellungsweise ergibt allerdings im weiteren Verlauf des Stückes durchaus Sinn. Die großen Kissen mit den traditionellen Mustern wirken hier erstaunlicherweise nicht aufgesetzt, da man durch sie in diese Welt eintauchen kann. Erwähnenswert sind unbedingt noch die beeindruckenden Animationen von Eszter Janka, welche wesentlich die Bewegungen der Familie untermalen. 

 

Erzählt wird hier eine derzeit politisch aktuelle Geschichte. Die Autorin Mehrnousch Zaeri-Esfahani erzählt von ihrer Jugend. Da hier einige Jahre in etwa 1 ½ Stunden erzählt werden, ist das Spieltempo dementsprechend hoch. Die Betonung liegt auf ‚erzählen‘, man merkt, dass der Inszenierung ein Roman zugrunde liegt. Es wird erzählt und parallel veranschaulicht, gezeigt. Diese Methodik tut der Inszenierung jedoch keinen Abbruch, die Geschichte wirkt dadurch weniger fiktiv, eher so, als wäre sie von den Großeltern oder Eltern über Generationen weitergegeben worden.

 

Die Träume der Kinder spielen eine große Rolle. Und man glaubt ihnen diese Welt sofort, was auch an der Spielweise von Soraya Abtahi (Mehrnousch) und Steffen Lehmitz (Mehrnouschs großer Bruder Mehrdad) liegt, die leicht und unbeschwert das Bild einer zunächst wunderbaren Kindheit entwerfen. Mehrdad möchte später Schokoladenfabrikant werden und Schokolade spielt sowieso die Hauptrolle in seinem Leben: Er teilt stets geschwisterlich mit Mehrnousch und rät ihr, sich einen Vorrat zuzulegen: „für knappe Zeiten“ – hier eine bittere Vorausdeutung der weiteren Ereignisse. Schokolade bleibt stets ein Überlebenselixier und ein Hoffnungsträger.

 

Mit dem Bombenhagel ist alles anders. Nach dem Sturz des Schahs ist im Iran mit Errichtung der Diktatur alles verboten: Haare zeigen ist verboten, weltliche Musik, hier Michael Jackson, ist verboten, tanzen ist verboten, Schokolade (!) ist verboten, im Teehaus sitzen ist verboten, Europa und Amerika sind verboten. Die eingesetzten Sittenwächter, die vor allem den Kindern die Lebensfreude nehmen, werden durch schwarze Mächte dargestellt, die die Kinder vereinnahmen. Mehrnousch nimmt sich zunächst vor, die beste Lügnerin der Welt zu werden. Diese kindliche Überlebensstrategie wirkt jedoch nicht lange. Unterstützt wird die Darstellung durch auffallend viele akustische Elemente, sodass man auch als Erwachsener das Gefühl hat, mit „großen“ Ohren zuzuhören.

 

Wie bleibt man innerlich am Leben, wenn außen Krieg tobt? Der Mond, soeben noch Traumbild, wird in der Inszenierung zur Bombe umfunktioniert. Als schließlich die Nachbarin der Familie entführt wird, Hinrichtungen zur Tagesordnung werden (die Kinder fragen: „Papa, was sind Hinrichtungen?“), die eigene Heimatstadt fremd und kalt wird und Mehrnouschs Bruder schließlich zum Krieg eingezogen werden soll, beschließt die Familie gemeinsam und ohne Verabschiedung nach Istanbul zu fliehen. Während der Flucht zeigt die Beziehung zum Mond immer wieder den Gemütszustand von Mehrnousch an, fühlt sie sich alleine, möchte sie auch den Mond nicht sehen, der sonst als Fluchtpunkt und Leitstern fungiert.

 

Nach einem Aufenthalt in Istanbul macht die Familie sich auf den Weg nach Deutschland. Dabei versuchen die Figuren sich stets vor Augen zu halten, dass sie einander haben, und was das Schöne am Leben ist, selbst wenn sie keine Kraft mehr haben und ihnen ein „keiner will euch hier“ entgegengebracht wird. Schließlich finden sie nach Stationen in Ost- und Westberlin und einer Erstaufnahmeinrichtung ein neues Zuhause in Heidelberg. Ob das deutsche Fernsehen, die neue deutsche Schule, oder das Behördendeutsch, diese neuen Situationen werden in kleinen Szenen ausgespielt, und in kindlichem Duktus dargestellt, jedoch nie naiv behandelt.

 

Flüchtlingsdasein ist universell und interkulturell: Immer wieder werden Querverbindungen gezogen zwischen den Flüchtlingsbewegungen heute, den Flüchtlingen der DDR und Maria und Josef, welche an Heiligabend eine Herberge suchen, aber ebenfalls stets abgewiesen werden. Als mit der medialen Ankündigung der Atomkatastrophe von Tschernobyl die vermeintlich nächste gesellschaftliche Krise auf die Familie zukommt, bleibt auch hier Schokolade das Überlebenselixier – zumindest für heute.

 

Weitere Vorstellungen am 01. April, 08. April, 09. April (9:30 Uhr und 12:00 Uhr) und am 28. April in der Werkstatt des Theater Bonn.

 

 

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Foto: David Konečný

Suche nach Tiefe

 

Das Festival „Cirkopolis", das vom 10. bis 16. Februar 2019 in Prag stattfand, gibt New-Circus-Inszenierungen aus Europa eine Bühne. Es zeigt sich, dass sich das „Neue" nicht durch Technik, nicht durch Material, sondern in der Suche nach performativer Tiefe ausdrückt.

 

Von Laura Brechmann

 

Der Neue Zirkus (frz. Noveau Cirque) ist in den 80er Jahren in Frankreich entstanden und setzte sich allmählich in der französischen und dann auch europäischen Kulturszene durch. Die Genrebezeichnung „Neuer Zirkus" ist somit schon seit längerem kein Novum mehr in den darstellenden Künsten Europas. Die Publikumsgemeinde wächst, neue Schulen und Gruppen entstehen. Internationale Artisten und Kompagnien kombinieren immer häufiger ihre traditionelle Zirkuskunst, die von Jonglage bis zu Luft-, Seil-, und Hand-to-Hand-Akrobatik reicht, mit Theater, Tanz und Performancekunst. Komplexe Inszenierungen, wie die von Jean Le Guillerm, Camille Boitel oder Jörg Müller, gehen weit über klassische Zirkusnummer hinaus. Kraft und Poesie der Inszenierungen beruhen auf reiner Körperlichkeit und einem sensiblen und tief-sinnlichen Umgang mit dem Material.


Die Produktionen des „Cirkopolis"-Festival, das jährlich vom Kulturzentrum Palác Akropolis und dem Zirkuszentrum CIRQUEON ausgerichtet wird, lassen diese Einflüsse erkennen. Zunächst zeigt sich jedoch lediglich, dass Zirkuskunst nach wie vor sehr gute Unterhaltung sein kann. Dies beweist die Produktion „Loop" (FR) des Kollektiv Cie Stoptoi (Neta Oren, Gonzalo Fernandez) unter Beteiligung des Musikers Gaëtan Allard. Oren und Fernandez wissen die Jonglage Bälle und die faszinierend flexiblen Plastikringe auf überraschende Weise einzusetzen. Das Material, und hier wird es interessant, erlangt in „Loop" eine gewisse Selbstständigkeit. Es „spielt" mit den Performern und reagiert wann und wie es möchte. Diese Ebene des Unkontrollierbaren und Zufälligen, die unter den Shownummer aufblitzt, ist spannend. Doch die Dramaturgie ist simple. Zirkusnummer reiht sich an Zirkusnummer. Es wird schwieriger und aufwendiger. Das Publikum staunt über das Können der Artisten. Aber berühren tut es nicht. „Neues" findet sich auch in der Inszenierung „Memo" (NL/BL) von Zinzi&Evertjan nicht. Eine Beziehung. Mann und Frau. Ein unüberbrückbar scheinender Konflikt. All das findet sich in dieser Inszenierung wieder. Doch obwohl die Thematik, da schon unzählige Male erzählt, mutig gewählt ist, ist die Inszenierung nur wenig überzeugend. Die Hand-to-Hand-Akrobatik ist höchst anspruchsvoll, sie wird von ihm durch die Luft gewirbelt, hochgeworfen, aufgefangen, aber in dieser Kunst erzählt sich nur wenig von Brüchen und Verletzungen, Konflikten und Spannungen zwischen Individuen.


Doch es geht auch anders. In der Inszenierung „Dó" (CZ) zum Beispiel, nähert sich AMU-Absolvent Lukas Blaha unter Einsatz der weißen Jonglage-Bällen seiner Performancepartnerin Eva Stará zaghaft und beobachtend. Die Beziehung von Performer und Material ist beinahe symbiotisch. Das Zirkusmaterial gewinnt, in dem Blaha es untersucht, herausfordert, erforscht, an performativer Kraft und zeigt, dass auch Jonglage eine vielschichtige Kunstform sein kann. Eine ähnliche Sprache lässt sich in der Produktion „Acrometria" (CAT) der Kompagnie PSiRC entdecken. Die Inszenierung überzeugt durch beeindruckende akrobatische Technik. Wanja Kahlert, Adrià Montaña und Anna Pascual montieren ihre Disziplinen geschickt, um von Begegnungen zu erzählen, die verstörend wie poetisch zugleich sind. Trotz dem Einsatz einer Chinese Pole-Stange und viel Hand-to-Hand Akrobatik kann somit von Shownummern keine Rede mehr sein. Ebenso wissen die Luftakrobatin Eliška Brtnická in ihrer site-specific Performance „Opticon" (CZ) und die Kompagnie Lonely Circurs in der Produktion „Mass Critique" (FR) ihr „Zirkushandwerk" einzusetzen. In intensiver Auseinandersetzung von Performer und Material wird versucht Narrative zu finden, die in die Tiefe gehen und poetisch wie kritisch zugleich sind. Diese Versuche, so die Vermutung, sind das „Neue" im Zirkus, dass es nun zu entdecken und auszubauen gilt. Denn Mut zu szenischen Experimenten, die die Grenzen des Zirkus zu anderen Disziplinen verschwimmen lassen, sind bei „Cirkopolis" nur in vorsichtigen Anklängen zu finden. Die klare Sprache des Zirkus mit seinem Handwerk und seinen Figuren erscheint wie ein Sicherheitsraum, den zu verlassen ein, vor allem für junge Kompagnien, noch nicht einzuschätzendes Risiko ist.

 

 

 

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Foto: Arno Declair

Von Zeitdieben und Elternmördern

 

"Der Plan von der Abschaffung des Dunkels" ist die Bühnenadaption des Romans "Die beinahe Geeigneten" von Peter Høeg. Regisseurin Nora Schlocker bringt sie mit dem Jungen DT auf die Bühne des Deutschen Theaters Berlin. Premiere war am 12. Februar 2019.

 

Von Magdalena Sporkmann

 

 

Die Wände kommen näher und die Zeit rennt davon. - Peter und Katharina leben in einer Privatschule. Pünktlichkeit gilt dort als größte Tugend. Doch was geschieht, wenn jemand sich nicht an das strenge Regiment hält? Mit dem neuen Schüler August kommt auch das Chaos und die Kinder finden heraus, dass man der Zeit nicht einfach ausgeliefert ist, sondern sie selbst erschaffen kann.

 

Was wie eine poetische Metapher über das kindliche Begreifen des subjektiven Empfindens von Zeit klingt, entpuppt sich als düsteres Portrait physischer und psychischer Gewalt gegen Kinder: Zwänge, Demütigungen, Schläge, Vernachlässigung. Dem unfähigen oder verstorbenen Elternhaus entrissen, sollen die Kinder nun auf dem engen Weg, den ihnen die Privatschule vorzeichnet, „ans Licht“ geführt werden. Dort dient die Zeit als Normierungsinstrument und formuliert einen Anpassungsdruck, der große Angst erzeugt.

 

Das 15-köpfige Ensemble junger Laiendarsteller*innen zwischen 12 und 22 Jahren leiht den Protagonist*innen verschiedene Gesichter. Alle stecken in derselben grauen Hose und weißen Bluse, aber ihre Stimmen, Körper, Temperamente könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Plan der Regisseurin, dass die Figuren dadurch „wachsen“ und vielschichtiger werden, sodass das erzählte Einzelschicksal eine Allgemeingültigkeit erlangt, geht auf. Es entsteht ein lebendiges Bild des wundersamen schöpferischen Reichtums, den allein die Kindheit birgt. Katharina, Peter und August sind dabei zunächst eine Schicksalsgemeinschaft im Kampf gegen die Bedrohung ihrer Kindlichkeit durch die Erwachsenen, aber sie entfalten in diesem Kampf eine Kraft, die sie bewusst füreinander einstehen lässt. In der Gemeinschaft finden Peter und Katharina ihren persönlichen Weg zum Licht – und zwar durch Liebe, nicht durch Gehorsam.

 

Licht und Dunkel sind auch die bestimmenden Elemente des Bühnenbildes. Die vermeintliche Rückwand der Bühne bildet ein Spiegel. Bei entsprechender Beleuchtung wird er durchsichtig und gibt den Blick auf den – wesentlich größeren – Bühnenraum dahinter frei. Zunächst undurchdringlich wird diese Spiegelwand bald zu einem Tor, durch das die Kinder frei wandeln können, wie durch die Zeit. Aus Gefangenen der Zeit werden so Herrscher*innen der Zeit.

 

"Der Plan von der Abschaffung" des Dunkels inszeniert als Vision die Ermächtigung der Kinder gegen die Unterwerfung durch ihre Eltern und Erzieher*innen. Diese starke und bewegende Anklage gegen autoritäre Erziehungsmaßnahmen und unsinnige (vermeintlich erwachsene) Erwartungen gegenüber Kindern ist harter Tobak für Publikum wie Darsteller*innen: Auf der Bühne wird geschubst, geschlagen, an den Haaren gezogen, ins Gesicht getreten, werden Knochen gebrochen und Menschen mit Benzin übergossen.

 

Warum muss Folter eigentlich immer wieder szenisch nachgestellt werden? Schließlich vertraut die Regisseurin auch auf die Vorstellungskraft des Publikums als sie August erzählen lässt, wie der Erzieher sich immer auf seine Füße stellt, während er ihm seine Medizin verabreicht: „Ich kann dann nirgendwo hin.“ Diese Geste der Unterwerfung ist allein in der Erzählung so schmerzhaft und der bescheidene Zusatz des gedemütigten Kindes so traurig, dass sie sich in die Erinnerung prägen. Einen erniedrigenden Akt stattdessen zu reinszenieren, verstärkt ihn auf groteske Art und Weise.

 

 

 

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Tänzerin Sahra Huby in Aktion; Foto: Franz Kimmel

Ich bin ich. Ich bin viele.

 

MOVE MORE MORPH IT! - ein mobiles Klassenzimmerstück von Anna Konjetzky

 

Anna Konjetzky feierte mit ihrem mobilen Klassenzimmerstück MOVE MORE MORPH IT! (UA) am 7. Oktober 2018 Premiere im Münchner Köşk. Als erstes Pop Up-Format im Rahmen des städteübergreifenden Kooperationsprojekts explore dance - Netzwerk Tanz für junges Publikum wurde MOVE MORE MORPH IT! - eine Tanz-Performance für Schulen, Galerien, Theaterfoyers und Theaterräume - in verschiedenen Grund- und Realschulen in München aufgeführt

 

Von Julia Opitz

 

MOVE MORE MORPH IT!

 

Konjetzky, die in der Kategorie „Regie Kinder- und Jugendtheater" mit ihrem Stück „Running" am Theater Heilbronn für den FAUST 2018 nominiert war, erschafft mit MOVE MORE MORPH IT! ein berührendes Stück Tanz, das durch seinen mobilen Charakter viele Schüler*innen vor allem auch in Randgebieten von München erreicht und durch ein umfangreiches Vermittlungsprogramm von FOKUS/ Tanz/ Tanz und Schule e.V. begleitet wird.

 

In Konjetzys energetisch dichter Tanz-Klang-Performance, die in nur vier Wochen Probenzeit entstand, spüren Sahra Huby (Tanz) und Sergej Maingardt (Komposition und Musik) in synchronem Zusammenspiel dem Thema Identität(en) nach. Mittels Bewegung und Klang, die eindrucksvoll ineinander wirken, befragt die Choreografin normative Rollenbilder und stereotype Zuschreibungen und entwirft ein performatives Spiel mit Ich-Identitäten.

 

Klassenzimmer im Klassenzimmer

 

Ein Tisch, ein Stift, Papier, ein Soundpult. Vor diesem reduzierten Setting - ein minimalistisches Klassenzimmer im Klassenzimmer - schlüpft Sahra Huby in MOVE MORE MORPH IT! in immer wieder neue „Ichs", die sie mit ihrer hoch energetischen Körperlichkeit erforscht und mit einer eigens dafür entwickelten Fantasie-Klangsprache selbst vertont.

 

Sich-Selbst-Vertonen

 

Jeder Atemzug ist hörbar, jede Bewegung erklingt. Dafür entwickelte Sergej Maingardt ein kunstvolles Soundsystem, mit dem Hubys Stimme räumlich verstärkt und durch Effekte verfremdet wird. Sound und Bewegung treten in Dialog, agieren miteinander, gegeneinander, übereinander und bilden eine dritte Spielebene. „Oft haben wir über diesen ganz bestimmten, comichaften Humor gesprochen, der durch das Sich-Selbst-Vertonen entsteht, oder dadurch, dass einer Bewegung unmittelbar ein Ton folgt, der sie aufnimmt", beschreibt Konjetzky. Höchst dynamisch übersetzt Huby ihr Bewegungsrepertoire immer wieder in anspruchsvolle Rhythmusparts während Maingardt mit Rap-Samples, abstrakten elektronischen Fragmenten und tiefen Bassklängen herkömmliche Hörgewohnheiten unterläuft. So entsteht ein raumbezogenes, performatives Wechselspiel aus präziser Körperlichkeit und intensiver Musikalität.

 

Eine Stunde lang ein Sofa sein

 

Konjetzky erweitert Texturen und Figuren körperlich und überführt sie damit in ihre eigene Flüchtigkeit. Mal hat Tänzerin Huby Superkräfte, mal agiert sie als fauchende Löwin oder imitiert bewusst klischeehaft die Körperlichkeit einer „Tussi". Nie aber haben diese verschiedenen Identitäten ein absolut eindeutiges Profil. „Ich mag zum Beispiel den Gedanken, dass ich nicht einfach meine Identität bauen kann. Es ist ja immer auch die Frage, ob das eine Emotion ist, ein Zustand, ein Outfit - was heißt das eigentlich? Ich kann ja auch sagen, ich bin jetzt einfach mal eine Stunde lang ein Sofa. Genau das fand ich als Thematik spannend."

 

In jedem Moment Feedback

 

Das (junge) Publikum geht mit den Performer*innen auf „Reisen" oder verliert sich in Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Außergewöhnlich findet Konjetzky, wie unmittelbar die Reaktionen der Kinder sichtbar werden: „Sie sind lebhaft und sehr direkt. Dadurch hat man in jedem Moment Feedback. Wie sie gucken, wie sie sich bewegen, wo sie nicht gucken. Erwachsene sehen Tänzer*innen - in dem Falle Sahra - als Tänzer*innen, sie fokussieren ihre Körper und überprüfen, wie muskulös diese sind. Ich habe das Gefühl, dass das für Kinder irrelevant ist, sie sind oft viel näher dran. Das finde ich schon sehr anders."

 

Synästhesie, Konzert, Tanz, Performance. Konjetzky erzählt in MOVE MORE MORPH IT! von (verfestigten) Körper- und Rollenbildern, von kollektiv geprägten Selbstentwürfen, von individuellen Ausbrüchen, von Zuschreibung und von Offenheit. Leerstellen und assoziative Freiräume erhält sie dabei bewusst. MOVE MORE MORPH IT! ist zeitgenössischer Tanz für junges Publikum, der herausfordert, debattiert und neue Wahrnehmungsformen produziert. Die Zuschauenden in der Münchner Grundschule an der Türkenstraße - dem Schulalltag für kurze Zeit entkommen - scheinen davon magisch angezogen und sehr berührt zu sein.


Kinderstimmen aus der Grundschule an der Türkenstraße

 

„Ich habe einen Werwolf von Harry Potter aus dem dritten Teil gesehen. Und als Sahra den Tisch hochgehoben hat, da habe ich an Pippi Langstrumpf gedacht."

 

„Bei der Probe durften wir auch ins Mikrofon sprechen und Fauchen - das war cool.
Und wir haben Werwölfe nachgemacht und unterschiedliche Stimmen ausprobiert".

 

„Also ich habe beobachtet, dass Sahra sehr frei ist und es ihr sehr viel Spaß macht."

 

„Ich fand die Idee, dass man nicht Musik und Eisschlecken nimmt, sondern Musik und Tanzen super. Und die Geräusche waren spannend."

 

„Sarah war volle Kanne wütend oder traurig oder so als würde sie gerade ein Brot mit ihrer Freundin teilen."

 

„Für mich war Sarah im Dschungel und sie konnte sich jederzeit verwandeln.
Sie war ein fröhliches Kind und auch ein Tiger."

 

„Ich fands toll, wie sie getanzt hat, das dauert ja auch ganz schön lang mit dem Üben!"

 

„Manche Sachen habe ich nicht verstanden. Aber in meinem Herzen da fühlt es sich irgendwie so an, als hätte ich es verstanden. Nur eben in meinem Kopf nicht."

 

„Die Musik hat mich daran erinnert, dass ich oft in meinem Zimmer sitze und Radio höre."

 

„Ich habe mich toll und cool zugleich gefühlt beim Zuschauen."


explore dance - Netzwerk Tanz für junges Publikum ist ein Kooperationsprojekt von fabrik moves Potsdam, Fokus Tanz / Tanz und Schule e. V. München und K3 Tanzplan Hamburg, das sich für die Stärkung des zeitgenössischen Tanzes für junges Publikum einsetzt und länderübergreifende Dialogprozesse initiieren möchte.

 

Der Artikel wurde zuerst im Journal von explore dance veröffentlicht.

 

 

 

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