„Hey, wir sind Menschen!"

 

In der Tafelhalle Nürnberg bringt Andrea Hintermaier ihr Stück „My Own Secret Bubble. A Prison", das sie mit internationalen Jungdarsteller*innen aus Deutschland und den USA entwickelt, zur Uraufführung

 

Premiere: 8. November 2018

 

Von Florian Welle

 

Ein Lichtspot blendet auf. Eine junge Frau blickt sich um. Sucht die durchsichtigen Wände, die sie umgeben, erst mit den Augen, dann mit den Händen ab. Dann schreit sie „Lasst mich raus", schlägt gegen die Plexiglasscheiben der winzigen Kabine. Keine Antwort, nirgends. Irgendwann entdeckt sie einen Spalt, steckt Arme und Beine durch, rudert hilflos herum. Als sie schließlich hinauszuklettern versucht, piepst es penetrant. Sie lässt ab, fügt sich in ihr Schicksal und beginnt von sich zu erzählen. Wie sie schon als Vierjährige Fußball spielen wollte. Wie sie das dumme Hänseln der Jungs ignorierte. Immer besser und schließlich entdeckt wurde, in der Bundesliga und Nationalmannschaft gelandet ist. Und sich doch sehr lange Zeit unwohl in ihrem Körper gefühlt und sich gefragt hat, ob etwas mit ihr nicht stimme, weil sie ständig zu hören bekam, dass ein Mädchen nicht Fußball spiele. Bis sie selbstbewusst genug war, um zu sagen: „Aber ich bin eben beides. Mädchen und Fußballerin!" Ihre starke Aussage drückt sich auch in ihrer Kleidung aus: Glitzerhemd, rosa Röckchen, Fußball-Stulpen und Turnschuhe. Dann geht das Licht aus.

 

Zweimal noch wird das Licht auf- und abblenden und dem überwiegend jungen Publikum, das zahlreich in die Tafelhalle gekommen ist, die beiden anderen Gefangenen vorstellen. Und das von Andrea Hintermaier (Autorin und Regisseurin in Personalunion) gesetzte Thema, das man im weitesten Sinne mit dem Begriff „Identität" umschreiben könnte, um zusätzliche Facetten bereichern. Da ist zunächst die junge Muslimin, die sehr gläubig ist, aber Frauen liebt. Und da ist der junge Äthiopier, der aus seiner Heimat, in der man seinen oppositionellen Vater ermordet hat, nach Europa geflohen ist. Fortan muss er gegen Vorurteile und Alltagsrassismus ankämpfen. Wie die Fußballerin stehen auch sie in gläsernen Zellen, die gerade mal Platz zum Hinlegen bieten. Sind Gefangene, die sich nach einer Welt sehnen, in der die sexuelle Orientierung oder die Hautfarbe nicht zu Vorurteilen, Diskriminierung, Verfolgung und Tod führen. Wo die drei sich befinden? Das ist ein bisschen verrückt: Irgendwo im Weltall, in der Einwanderungsbehörde eines Alien-Planeten, zu dem sie sich in der Hoffnung aufgemacht haben, frei in einem ganz umfassenden Sinne zu sein. Also auch frei von jedweder Rollenzuschreibung. Vergebens? Schwarze Luftballons bedecken den Bühnenboden um die Kabinen herum und deuten so den fremden Planeten an; die Aliens selbst sind lediglich als technoid-bedrohliche Geräuschkulisse anwesend. Darüber hinaus spielen die Ballons direkt auf den Titel des Jugendstückes an, das trotz seiner ziemlich losen Science-Fiction-artigen Rahmenhandlung vor allem eines im Blick hat: Unsere Gegenwart!

 

„My Own Secret Bubble. A Prison" hat Hintermaier ihr deutsch-englisches Theaterstück genannt - zweisprachig deshalb, weil es im Februar am Push Push Theater in Atlanta, der Nürnberger Partnerstadt, zu sehen sein wird. Die eigene Blase, sie ist durchaus paradox: Einerseits bietet sie Schutz und Sicherheit. Andererseits ist sie ein Gefängnis, wie es im Untertitel heißt und sich gestalterisch an den Plexiglaskästen zeigt (Bühne: Sandra Dehler). Die Blase grenzt also ein wie aus und ist hier keineswegs fragil und weich, sondern sehr hart und abweisend. Kurz: Sie platzt nicht, zumindest nicht so leicht.

 

Hintermaiers Stück, das gefördert und unterstützt wurde von der DFL Bundesligastiftung, der Stadt sowie dem Fanprojekt Nürnberg und Queer Franken, ist sehr ambitioniert und hätte angesichts der Fülle an reingepackten Themen (Kultur, Gender, Religion usw.) auch gehörig schief gehen können. Dass das nicht so ist, liegt an zweierlei. Zum einen wurden die Figuren vor dem Hintergrund von Interviews entwickelt, die Hintermaier und ihr Team im Vorfeld unter anderem mit einem schwulen Muslim in den USA sowie einer Ex-Profifußballerin und einem äthiopischen Flüchtling, der seit seinem 14 Lebensjahr in Deutschland lebt, geführt haben. So erklärt sich das hohe Maß an Authentizität des Textes. Zum anderen sind da die jungen Schauspieler Emmi Büter, Ricco Jarret Boateng und Natalie Risk (sie spielt die Muslimin und spricht ausschließlich Englisch), die ihre Rollen leidenschaftlich und glaubhaft ausfüllen. Mal ängstlich und bedrückt sein können, dann aber trotz der Situation auch mal zu Scherzen aufgelegt sind.

 

Dass sie die heftigen Emotionen ihrer Figuren mitunter nur durch übertriebene Lautstärke bis hin zum Schreien zum Ausdruck bringen - geschenkt. Man darf nicht vergessen: Als Spielfläche dient jedem von ihnen ja nur der kleine Kasten, aus dem sie nur einmal für einen kurzen, utopischen Moment heraustreten können. Eine Herausforderung für die Interaktion untereinander, aber auch für den Kontakt zum Publikum. Vor allem da die Aufführung zwei Stunden ohne Pause dauert; eine enorme Zeit für die Darsteller am Anfang ihrer Karriere, der leichte Spannungsabfall, der gegen Schluss bemerkbar wird, ist daher nur zu verständlich.

 

Am Ende steht eine Aufführung mit eindeutiger Botschaft: „Hey, wir sind Menschen!" Man kann hoffen, dass sie gehört wird. Darüber hinaus liefert sie ihrem jugendlichen Zielpublikum jede Menge Stoff für lange, intensive Gespräche. Mit einer etwas zeitgemäßeren Musikauswahl hätte man es sicher noch mehr gefesselt. Zahlreich die eingespielten Songs, zu denen die Darsteller auch mal richtig abrocken dürfen. Allerdings verraten sie eindeutig Geschmack und Alter der Regisseurin. Zu hören sind da zum Beispiel „Wild Horses" von den Stones und „Absolute Beginners" von David Bowie und, als jüngster Song, „Creep" von Radiohead. Der ist aber auch schon 25 Jahre alt und dürfte heute so gut wie niemandem mehr etwas sagen, der jünger als 18 Jahre ist.

 

 

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Kontrahentinnen: BRD und DDR; Foto: Sebastian Hoppe

Inszenierung des Ostens

 

Das 30-jährige Jubiläum der friedlichen Deutschen Einheit rückt näher, doch bereits seit dem 25. Jahrestag wird immer wieder deutlich, dass es noch ähnlich große Gräben gibt wie zu Beginn der 1990er. Damals reagierte das öffentlich-rechtliche Fernsehen darauf mit einer Serie des bekannten ostdeutschen Schriftstellers Jurek Becker. Das Staatsschauspiel Dresden hat die Fernsehserie „Wir sind auch nur ein Volk" entdeckt und in einer eigenen Fassung auf die Bühne gebracht (Premiere: 8. September 2018). Von sehr persönlichen Erfahrungen an diesem Abend berichtet unser Autor Thilo Körting.

 

Von Thilo Körting

 

Dichter Nebel wabert über den Boden im Kleinen Haus des Staatsschauspiel Dresden. Sieben ZDF-Mainzelmännchen betreten die Bühne und besprechen mit verzerrten Stimmen die Programmplanung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Mit cartoonhafter Gestik legt einer der Programmdirektoren dar, dass die Wiedervereinigung eine große Herausforderung, die Gräben zwischen Ost und West verständlicherweise groß seien: Das Fernsehen übernehme dabei die Aufgabe, diese Unterschiede zu zeigen - um sie zu beseitigen. Der Plan: die Produktion einer Familienserie zur Wiedervereinigung.
So beginnt die Metafernsehserie „Wir sind auch nur ein Volk". Ich selbst muss ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein, als die Serie von Jurek Becker 1994 in der ARD ausgestrahlt wurde. Seitdem ist die neunteilige Produktion so gut wie verschwunden - obwohl sie sogar recht prominent mit dem immer noch beliebten Manfred Krug besetzt war. Doch bereits im Jahr der Erstausstrahlung wurden die Drehbücher veröffentlicht; 2018 bilden sie die Grundlage für den Dresdner Theaterabend, der aber leider größtenteils bekannte Vorurteile abbildet.


Die Prussia-Filmproduktion soll den vom Feuilleton gefeierten Schriftsteller Anton Steinheim als Drehbuch-Autoren für die Einheitsserie verpflichten. Doch der Westberliner ist unentschlossen: nicht allein, weil er dem Fernsehen als Kunstform skeptisch gegenübersteht, sondern auch - viel wichtiger - weil er keinen einzigen Menschen aus dem Osten kennt. Um diese Wissenslücke zu schließen, wird ihm die Ostberliner Familie Grimm vermittelt, die er für mehrere Wochen in ihrem Alltag begleitet. Zufrieden ist Steinheim mit seinen Beobachtungen jedoch nicht. Die Grimms, für die die Recherchen bares Geld bedeuten, wollen dem Autoren geben, was er sucht, und bedienen daraufhin alle bekannten Ostklischees, bis hin zum FKK-Tag.


Regisseur Tom Kühnel nutzt ab Beginn seiner Inszenierung Elemente aus dem Fernsehgeschäft. Die ersten Dialoge zwischen Steinheim und seiner Frau werden mit Moderationsmikrofonen vor goldenem Glittervorhang geführt. Besonders hervorzuheben ist Bert Zanders Kameraarbeit: Für die Szenen in der Grimm'schen Wohnung wird live auf der Bühne ein Set aufgebaut, in das die Zuschauer nur über ein Live-Kamerabild Einblick erhalten. Ein Schauspieler, der sich als Stasi-Mann ausgibt, sagt in einem Schwarz-Weiß-Film, dass die Politik durch die Geheimdienst-Aktivitäten wenigstens wusste, was beim Volk los war. Im Stil eines Hintergrundbeitrages über die fragwürdige Politik der Treuhandverwaltung stellen sich die sieben Schauspieler immer wieder zu Standbildern zusammen und bewegen die Lippen zu historischem O-Ton-Material. Es ist die Inszenierung des Ostens, in der bestimmt viel Wahrheit steckt. Anders hingegen der zweite Teil des Abends, der einige Längen aufweist; die Schauspieler verlieren stark an Präsenz auf der Bühne, zudem findet die Inszenierung kein Ende und versucht krampfhaft, Pathos über den Untergang der DDR zu vermeiden.


Auch gut 30 Jahre nach der Wende ist die Frage, auf welcher Seite der Grenze ein Mensch in Deutschland geboren wurde, relevant. Es verrät angeblich immer noch eine Menge, ob man Ossi oder Wessi ist, vor allem wenn es um die Unterschiede zwischen den ehemals getrennten Staaten geht. Denn manches lässt sich nur verstehen, wenn man damit aufgewachsen ist. Ich, als eigentlich Nachgeborener, erkenne sofort die Songtexte der Osthits, die hier als tiefgehende Aussagen vorgetragen werden. Im Betrieb meines Vaters hat auch in den Neunzigern ein Dispatcher gearbeitet und Arbeitseinsätze koordiniert. Mir war nicht klar, dass dieser Job im Westen unbekannt war. Der dringend nötige Austausch zwischen Ost und West, das Unverständnis und die Vorurteile, die auf beiden Seiten deutlich werden, münden schließlich in eine Traumszene Steinheims: Im dritten Akt von Schillers Maria Stuart stehen sich zwei Frauen gegenüber, beide mit deutschen Fahnen bekleidet: Die eine trägt DDR, die andere BRD. Zuerst versucht „die DDR", sich als Maria Stuart der Konkurrentin „BRD" als Elisabeth zu unterwerfen. Als BRD-Elisabeth sie jedoch auf vergangene Fehler hinweist, gerät DDR-Maria wortstark in Rage. Immer wieder hebt sie versehentlich ihren Arm zum Hitler-Gruß. Das Publikum lacht, als Steinheim ihren Arm peinlich berührt nach unten drückt. Doch nach ihrer flammenden Rede darüber, sich nicht unterkriegen zu lassen, tost der Applaus.


Stark an den Drehbüchern ist die Situationskomik, die einem schweren Thema viel Heiterkeit beimischt; der Abend gewinnt eine große Leichtigkeit. Stark ist auch die Konstruktion, die die Probleme der sogenannten Ostler durch die westdeutsche Brille betrachtet. Das wiederum wird in der theatralen Umsetzung kaum deutlich. Die Fragen, warum sich Ostdeutsche immer noch abgehängt fühlen, warum die Gräben auch in meiner Generation noch nicht geschlossen sind, bleiben offen. Und irgendwann schleicht sich heimlich das Gefühl ein, dass diese Serie wohl über lange Zeit nicht gezeigt wurde, weil sie kaum neue Erkenntnisse liefert. Das ist dann auch das Schicksal dieses Theaterabends.

 

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Alle schwanger: die Draufgängerinnen; Foto: Arno Declair

Sieben auf einen Streich

 

Sieben dreizehnjährige Mädchen werden gleichzeitig schwanger: und jetzt? Das fragen sich sieben junge Draufgängerinnen (und Draufgänger!) in der Box des Deutschen Theaters Berlin - und fordern die Selbstbestimmung ein, die ihnen verwehrt bleibt. Tanja Šljivars Stück „Draufgängerinnen. All Adventurous Women Do" feierte am 15. April Uraufführung - getragen von energetischen Spielerinnen und Spielern des Jungen DT.

 

 

Von Magdalena Sporkmann

 

 

Fünf Tage hat die Klassenfahrt nur gedauert, aber von ihr kehren sieben Mädchen schwanger zurück. So geschehen 2014 in Bosnien und Herzegowina. Infolgedessen ging ein Aufschrei von Eltern und Erziehern durch die Medien, denn Teenager-Schwangerschaften waren längst keine Seltenheit mehr. Es wurde über Sexualkunde in der Schule und Aufklärung Zuhause gesprochen. Über die sieben Mädchen, die schwanger von ihrer Klassenfahrt zurückkehrten, wurde vor allem gemutmaßt und geurteilt. Sie selbst kamen nicht zu Wort.

 

Die Autorin Tanja Šljivar gibt ihnen in „Draufgängerinnen. All Adventurous Women Do" eine Stimme. Das Stück wurde am 15. April 2018 im Deutschen Theater Berlin unter der Regie von Salome Dastmalchi uraufgeführt. Die sieben Darstellerinnen und Darsteller des Jungen DT lassen dabei einen vielstimmigen Chor erklingen, der vehement das Recht auf Selbstbestimmung einfordert und die Kraft dafür aus der Gemeinschaft, einer Gemeinschaft der Ungehörten, zieht.

 

„Draufgängerinnen" lässt keinen Zweifel daran: Die kollektive Schwangerschaft der sieben Mädchen ist gewollt. Zigarette in der einen und den positiven Schwangerschaftstest in der anderen Hand, feiern die werdenden Mütter ihre Empfängnis. Beim Gedanken an die Zukunft, die sie in sich tragen, schäumen Glück und Hoffnung über. Der Herzschlag der Ungeborenen vermengt sich mit den Beats schneller Rockmusik, die Mädchen tanzen. Nach Facebook, Twitter und Co. scheint sich endlich ein realer Ausweg aus der Tristesse ihres vorbestimmten Lebens zwischen dementen Großmüttern, bettnässenden Brüdern, dem geschlachteten Vieh und dem Schraubstock der Religion aufzutun. Die kollektive Erfahrung der Wandlung des eigenen Körpers und des Widerstands der Gesellschaft schweißt die sieben Teenager fest zusammen. Sie erträumen sich für ihre Kinder eine Gemeinschaft, in der jeder auf den anderen achtet, in der es eine ganze Stadt braucht, um ein einziges Kind aufzuziehen. So soll es Gesetz werden. Der Druck durch die Erwachsenen - Lehrer, Eltern, Ärzte - wächst und zwingt die werdenden Mütter schließlich, sich mit einer Abtreibung auseinanderzusetzen. Ihre Vorstellungen und Ängste schlagen sich in martialischen Zeichnungen an den Bühnenwänden nieder, flankiert von launigen Hashtags.

 

Bis auf einen Strauß roter Ingwerblüten ist der Bühnenraum gänzlich weiß, auf den Wänden ein Muster aus schwarzen Rautenzeichen. In diesem unschuldigen oder zumindest sterilen Raum, der mal ein realer, mal ein virtueller ist, bewegen sich die sieben Darsteller und Darstellerinnen als die personifizierte Sünde in knallroten Overalls (Bühne/Kostüm: Paula Wellmann). Tanja Šljivar schickt sie auf eine Odyssee zum fernen Ziel der Selbstbestimmung, derer die Erwachsenen die sieben minderjährigen Mütter 2014 beraubten. Dabei scheuen weder Autorin noch Ensemble drastische Worte und Gesten. Es wird geflucht, gebrüllt und im Geburtsvorbereitungskurs nicht gerade zimperlich an den Barbie-Baby-Puppen exerziert. Das harmonisch-dynamische Ensemble begibt sich in souveränen Interpretationen auf die Suche nach den Gedanken und Gefühlen der Teenager und lässt sie so über ihre Stigmatisierung als Sünderinnen hinauswachsen.


Es spielen: Peter Steden, Eren Gündar, Livia Marlene Wolf, Marthe Müller Lütken, Chenoa North-Harder, Emmi Büter und Bruno Liebler. Die Gruppe hat gemeinsam mit Birgit Lengers, Leiterin des Jungen DT, ihre Proben über Wochen hinweg auf dem Instagram-Account von junge bühne (@jungebuehne) begleitet. Wer also persönliche Einblicke in die Produktion bekommen möchte, besuche uns doch einfach auf Instagram. Die nächsten und bereits ausverkauften Vorstellungen finden am 22. April, 2. Mai, 17. Mai und 29. Mai statt.

 

 

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Heimliches Foto: "Der Schrei des Pfauen in der Nacht"

Einladung zum Lauschen

 

Die Deutsche Oper Berlin zeigt in ihrer Spielstätte Tischlerei ein musiktheatrales Projekt mit Jugendlichen, die teils aus Berlin stammen, teils Geflüchtete sind. Die Produktion „Der Schrei des Pfauen in der Nacht" wurde gefördert durch das Förderprogramm „Zur Bühne" des Deutschen Bühnenvereins im Rahmen von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung". Bevor es in der nächsten Ausgabe der jungen bühne, die im Herbst erscheinen wird, eine Bilderreportage dazu veröffentlichen werden, schildert unser Redakteur Detlev Baur hier schon mal seine Eindrücke.


Von Detlev Baur

 

Oper ist nicht jedermanns Sache. Bei Jugendlichen hat der sehr spezielle Gesang in arg alten Stücken verständlicherweise nur wenige Anhänger. Opernhäuser gibt es vor allem in Europa, junge Menschen aus Afghanistan haben mit Sicherheit noch nie etwas von Mozarts „Zauberflöte" gehört. Wie und wieso sollen also Berliner Jugendliche, die dazu noch ganz unterschiedlicher Herkunft sind, miteinander Musiktheater in der „Deutschen Oper" machen?


Das Projekt der 30 Teilnehmer beginnt schon im Foyer: Eine kleine Gruppe spielt und singt ein Lied, das mir einerseits fremd vorkommt, jedenfalls in der Oper, das aber andererseits zeigt, dass Musik auch aus dem nahen oder fernen Osten längst in unseren Straßen und Kopfhörern bekannt ist - oder, dass schlichtweg auch fremde Musik ein Hörgenuss sein kann. Nach diesem kurzen Vorspiel und einer freundlichen Einweisung geht es durch Lamellenvorhänge in die Tischlerei. Dabei sind blubbernde Geräusche zu hören: aus dem Meer? Oder vielleicht doch eher wie bei unserer Geburt? Wir landen in einem Raum, der von schwarzen Vorhängen umgeben ist. Das Publikum aus etwa 100 Menschen sitzt in etwa sieben Blöcken, vor ihm tauchen jeweils zwei junge Darstellerinnen und Darsteller auf. Sie bewegen sich zu eingespielten Sätzen, die Erinnerungen an die Kindheit beschreiben. Dann singen sie, sprechen im Chor und bewegen sich im Kreis zu einer anderen Zuschauergruppe hin.


Ein Mädchen, vermutlich aus wohl behüteten bürgerlichen Berliner Verhältnissen, erinnert sich an ihre Mutter, die Bachs Brandenburgischen Konzerten flötete. Dazu holt ein Junge - ist es das Hirtenkind aus Afghanistan, das zuvor schon von seiner Flucht sprach? ¬- ein Flöte hervor und spielt eine schöne kurze Weise. Als Antwort singt ein Mädchen - ist es das Kind der musikalischen Mutter? ¬- eine Melodie von Bach, durch immer mehr Schwung und das Tempo wird daraus ein neues Musikstück. In diesem oft berührenden Teil aus kurzen Erinnerungen der Teilnehmer in Verbindung mit ihrer Präsenz um das Publikum herum, zeigt „Der Schrei des Pfauen in der Nacht", wie nicht nur das aktive oder gar geglückte Musik-Machen, sondern auch das Zuhören unseren Horizont erweitern kann. Töne, Gedanken, Gefühle des anderen sind hier kunstvoll miteinander verwoben, so dass uns fremde Menschen nah kommen, ohne ihre Privatsphäre zu verlieren. Gespielt wird gedichtetes Musik-Theater. Die Zuschauerinnen und Zuhörer fühlen sich angesprochen; und wie sehr die Gruppe der ganz unterschiedlichen 30 Aktiven des Projekts sich aufeinander eingelassen haben, wird spätestens beim Schlussapplaus deutlich, wenn sie einander gegenseitig Respekt zollen. Dabei hatten sie mit Regisseurin Bernarda Horres, den Musikern Sebastian Hanusa und Jan Brauer sowie Ausstatterin Hanna Rode und der Dramaturgin Tamara Schmidt nur einen Monat Zeit, um sich kennenzulernen und ihre Gedanken und Geräusche auf die Bühne zu bringen.


Eine klassische Bühne ist auch im zweiten Teil allerdings nicht zu sehen. Die Zuschauergruppen werden nun wechselweise und mit Kopfhörern ausgestattet an fünf verschiedene Stationen geleitet, wo sie zum Mitmachen eingeladen werden. In einem Becken, das einem Aquarium gleicht, hören wir die Geschichte von einer Flucht über das Mittelmeer - dabei können wir über Mikrofone im Wasser bedrohliche oder einfach dahinplätschernde Geräusche entstehen lassen. Mein Favorit war die eher ausgelassene Weihnachtserinnerung: Da umtanzen zwei Engel einen großen Block aus Schokolade und bitten dann die Umstehenden, ihn mit Messern, Meißel oder Hammer zu bearbeiten. Ein eingebautes Mikrofon überträgt dabei ausgesprochen schokoladige Rhythmen.
Zum Schluss sind alle Vorhänge aus der Tischlerei entfernt, eine Discokugel sorgt für bewegtes Licht, alle Teilnehmer animieren uns zum Mittanzen, bevor sie selbst zu Instrumenten greifen, ein junger Mann singt dazu. Die gemeinsame Reise der Teilnehmer und des Publikums ist zu Ende. Die Produktion bleibt noch für kurze Zeit im Repertoire der Oper. Hingehen und -hören lohnt, auch und gerade in diesem Fall. Musiktheater kann vielfältige Sounds bedeuten. Nur in Ruhe und beim aufmerksamen Zuhören können wir Vorurteile überwinden. Vielleicht kann der Abend ja auch eine Anregung für das „Große Haus" sein, sich weiter zu öffnen.

 

Die nächsten Vorstellungen finden am 12. und 13. April 2018, jeweils um 19 Uhr, statt.

 

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Foto: Thorsten Wulff

Weder gut noch böse

 

Das Autorentrio Moritz Schönecker, Katharina Raffalt und Hassan Siami hat ein Stück verfasst über einen Geflüchteten aus Afghanistan, der in die üblichen Schubladen nicht reinpasst. „Sieg Gottes" spannt dabei einen weiten Bogen aus dem Afghanistan der 1980er-Jahre bis in die Gegenwart. Im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt hat Co-Autor Schönecker die Uraufführung inszeniert.

 

Von Alexander Jürgs

 

„Man sagte uns stirb, und wir gingen sterben", erklärt Nasrullah, der von sich selbst sagt, dass er ein Mitläufer ist. Nasrullah, dessen Name sich mit „Sieg Gottes", dem Titel des Stücks, übersetzen lässt, hat sich den Mudschahedin angeschlossen. Man sieht ihn mit seinen Kameraden mit falschen Bärten, der Warlord ist ein Scheusal, Felsen stehen als Kulissen auf der Bühne, ein Zelt aus schlanken Baumstämmen und schwarzen Stoffbahnen, alles wirkt einen Tick zu überzeichnet. Die Szene ist eine Rückblende in die Zeiten, als der Westen in Afghanistan noch die sogenannten Gotteskämpfer unterstützte, weil sie sich gegen die Sowjets auflehnten.

 

„Sieg Gottes" erzählt in Schlaglichtern von dem Leben dieses Mannes, die Handlung springt in der Zeit, mal spielt das Stück in den Mudschahedin-Lagern in den afghanischen Bergen, mal in den Amtsstuben deutscher Behörden, wo eine Frau Ameise rückwärts spricht und den Laptop malträtiert, mal in den Drogenhöhlen Kabuls. Das Stück ist eine Uraufführung, ihre Premiere feiert sie im Kleinen Haus des Darmstädter Staatstheaters. Moritz Schönecker aus dem Leitungsteam des Jenaer Theaterhauses, der auch Regie führt, hat es gemeinsam Katharina Raffalt und Hassan Siami geschrieben. „Sieg Gottes" ist ein fiktiver Stoff, basiert aber auf Interviews, die die Autoren zuvor mit im deutschen Exil Lebenden geführt haben.

 

Nasrullah ist eine Figur, die sich einem nicht einfach erschließt. Nach und nach erfährt man mehr über ihm. Hört von seiner Heroinabhängigkeit, seinem Absturz in den Alkohol. Erblickt ihn, wie er verzweifelt, als ein fehlgeleiteter Raketenangriff seiner Frau, seinem Sohn und seiner Stieftochter das Leben stiehlt. Sieht ihn, wie er gegen die Regeln ein Mädchen auf dem Fahrrad mitnimmt, von einer gemeinsamen Zukunft mit ihr in Europa träumt, mit der Mutter darüber in einen Streit gerät. Sieht ihn, wie er mit den Schleppern einen Joint raucht und davon erzählt, wie ein Rucksack voller privater Fotos, voller Erinnerungen, bei der Flucht übers Mittelmeer verloren gegangen ist. Doch die Puzzleteile fügen sich nicht zusammen, vieles an diesem Nasrullah und seinem Handeln bleibt ein Rätsel.

 

Mehdi Moinzadeh, der schon im „Tatort" zu sehen war und mit der bekannten iranischen Regisseurin Shirin Neshat („Women Without Men") gedreht hat, spielt ihn ausdrucksstark, aber ohne übertriebene Gesten, spielt ihn als einen, der sich durchs Leben trickst. Mal ist dieser Nasrullah, der zum Jacket bunte Ketten und Tücher trägt, ein charmanter Schmeichler, der über die Bühne tanzt, dann wieder ist er aggressiv und ausfallend. Er erinnert einen oft an die Figuren aus den Filmen von Fatih Akin („Gegen die Wand", „Kurz und schmerzlos"), an diese Männer, die wieder gut noch böse sind und sich zwischen den Kultur bewegen. Sie sind voller Sehnsucht, auf ihrer Suche nach dem guten Leben aber scheitern sie trotzdem kolossal.

 

Drei Live-Musiker - Amen Feizabadi, Pouya Raufyan und Philipp Strüber - stehen mit den Darstellern auf der Bühne, sie spielen die traditionellen Saiteninstrumente der afghanischen Folklore, die Setar oder die Rubab, ihre Musik ist oft melancholisch und tragend. Sahar Jaan, die auch Nasrullahs Mutter gibt, singt mit starker Stimme. Die Kostüme wechseln, sind bunt, ja: überkandidelt. Eine Nebelmaschine findet Einsatz, die Bühne ist voller Leben. Und die Darsteller wechseln die Sprachen, reden mal auf Deutsch, mal auf Farsi, Übertitel liefern die jeweiligen Übersetzungen.

 

Dass Schönecker, Raffalt und Siami eine Figur geschaffen haben, die rätselhaft bleibt, die nicht so einfach in die Schubladen Migrant oder Flüchtling passt, ist eine gute Entscheidung. Trotzdem fehlt dieser Figur etwas. Trotzdem vermisst man eine Entwicklung, wartet man lange auf eine Wendung, auf einen Knall. Der aber bleibt aus. Und so fehlt dem Stück ein echter Schluss, verläuft es zum Ende in Sand.


Die nächsten Aufführungen laufen am 21. und 31. März, weitere Termine im April, Mai und Juni.

 

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