„Wahnfried – Bilder einer Ehe“
Meininger Theater

 

11. Januar 2013

 

Jan Steinbach studierte ab 2003 Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Seine ersten Inszenierungen nach dem Studium führten ihn an die Landesbühne Wilhelmshaven. Dort übernahm er unter anderem im September 2009 die Regie für Goethes „Stella“, die ihm eine Nominierung für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST einbrachte. Mit der Schauspiel-Adaption von Reinhard Baumgarts Drehbuch „Wahnfried – Bilder einer Ehe“ eröffnete er am 11. Januar das Thüringer Wagner-Jahr am Meininger Theater.

 

Die Leiden des alten Wagners

 

Von Susann Winkel

 

Keine drei Jahre ist es her, da spielte Peter Bernhard in Meiningen den hormongebeutelten alten Goethe in der Bühnenadaption von Martin Walsers „Ein liebender Mann“. Nun hat er wieder die Rolle eines in die Jahre gekommenen Genies übernommen, dessen Hingabe zum deutlich jüngeren weiblichen Geschlecht den Meister in seiner ganzen männlichen Albernheit bloßstellt. In der Uraufführung von „Wahnfried – Bilder einer Ehe“ gibt er Richard Wagner in der Schweizer Zurückgezogenheit am Vierwaldstättersee und später bei der Errichtung seines eigenen Denkmals auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Es sind jene 14 akribisch in Tagebüchern aufgezeichneten Jahre, die er mit seiner zweiten Frau Cosima zusammenlebet und in denen er – so zumindest behauptet es das Stück – den schönen Röcken deutlich zugeneigter war als den schönen Tönen. Letztere sind ohnehin in dem mit zweieinhalb Stunden reiner Spielzeit überaus in die Länge gedehntem Schauspiel außen vor. Vom „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege!“-Gemurmel zu Beginn einmal abgesehen, dem sich am Ende des Abends das heroische „Rheingold“-Finale folgerichtig anschließt.

 
Der Verzicht auf die Musik erscheint zunächst konsequent. Den Menschen, nicht den Komponisten wollte Regisseur Jan Steinbach zum Auftakt des Thüringer Wagner-Jahres zeigen. Statt seiner Musikdramen von Weltrang sollte das ganz private Drama namens Ehe aufgeführt werden. Doch das verkommt auf der Südthüringer Bühne zur Posse. Nicht Persönlichkeiten ihrer Zeit, sondern Karikaturen ihrer Selbst wandeln durch das Landhaus in Tribschen und nach der Pause durch die Villa mit dem titelgebenden Namen Wahnfried. Nietzsche (Florian Beyer) bleibt ein blutarmer Jungphilosoph, Schwiegervater Liszt (Ingo Brosch) geistert mit wehenden Rockschößen und ebensolchem Haar durch die Räume. Einzig der gehörnte Ehemann Hans von Bülow (Harald Schröpfer) – als Wagner-Dirigent und späterer Meininger Hofkapellmeister biografisch wie spielerisch die reizvollste Figur der Inszenierung – lässt den Skandal der Liaison Cosima-Richard Zigaretten paffend und mit einem ungeladenen Revolver herumfuchtelnd erahnen.
Der Meister, wie er ehrfürchtig genannt wird, siecht unterdessen nicht am amüsierten Klatsch und Tratsch, sondern an den Begleiterscheinungen des Alters. Wo Walsers Goethe trotz schlaffer Manneskraft Dichterfürst blieb, präsentiert sich der Klangrevolutionär als zahnloser Schürzenjäger, dessen erotische Aura auf die Damenwelt zumindest aus der Aufführung heraus rätselhaft bleibt. Von Passion, gar Wahn für seine Kunst keine Spur. Leiden für die Musik sucht einzig Cosima, die gedoppelt als hysterische Herrin von Bayreuth (Chris Pichler) und die Szenerie mit Distanz kommentierende Greisin (Ulrike Barthruff) auf die Bühne tritt.

 
Trotz einiger origineller Einfälle, etwa der düsteren Commedia-dell’Arte-Figuren, die Wagners Tod im Karnevalstreiben in Venedig vorwegnehmen, bleiben die „Bilder einer Ehe“ ein eher bemühter Auftakt für das Thüringer Jubiläums-Jahr. Zu einer eigenen Ausdeutung der Genius kann sich Jan Steinbach nicht aufschwingen, lediglich lässt er die zwischen Komik und Tragik changierende Drehbuch-Vorlage eindeutig ins Lächerlich-Überzogene kippen.

 

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Foto: Moritz Hospodarz

Interkulturelles Konzert

 

09.03.2013, Staatstheater Braunschweig

 

Gestern wurde am Staatstheater Braunschweig das 2. Themenwochenende Interkultur eröffnet. Den Mittelpunkt des Abends bildete das Konzert „Schwarzer Samt“.

 

Von Jonas Schuba

 

Abends erwachte das gläserne Kleine Haus durch die interkulturellen Ausstellungswerke des Themenwochenendes zum Leben. Nach außen hin blickte und sprach die Spielstätte zu vorbeigehenden und auch zahlreich hineingehenden Menschen, durch die Klanginstallation „Integrier mich Baby“. Große Portraitfotos schauten nach außen, während sie von sich erzählten. Im Haus versuchten junge Bewohner der Stadt in dem Film „deutsch = deutsch?“ eine Antwort auf die Frage zu finden, was typisch-deutsch sei und die Fotoausstellung „Braunschweig mit meinen / deinen Augen“ kommunizierte ganz ohne Worte. Über 120 Einsendungen zeigten völlig unterschiedliche Orte und Dinge, die Jugendliche als wichtigen Teil ihrer Stadt begreifen. Noch vor den Eröffnungsreden sorgten die jungen Rapper von „Rapflektion“ nachhaltig für Heiterkeit. Ob Rap-Fan oder nicht, die selbstgeschriebenen Texte der Songs erreichten das gemischte Publikum bis in die letzte Reihe. So wurden alle gut eingestimmt, bevor unter anderem die neue niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur Gabriele Heinen-Kljajic zu Wort kam. In den Einzelgesprächen, die das Foyer danach durchzogen, drehte sich inzwischen alles um das Konzert. Die unterschiedlichsten Erwartungen wanderten mit den Besuchern in den Zuschauerraum, als der Einlass begann.

 

Doch es hatte wohl niemand geahnt das „Schwarzer Samt“ ein so persönliches und nahes Ereignis sein würde. Das Braunschweiger Staatsorchester spielte unter der musikalischen Leitung von Christopher Hein zuerst den Ägyptischen Marsch von Johann Strauß. Moderiert wurde der Abend von Chefdramaturg Axel Preuß und Orchesterdirektor Martin Weller. Die Opernsolisten trugen je bis zu zwei Lieder aus ihrer Heimat vor, die sie selbst ausgewählt hatten, und wurden interviewt. Das Publikum erfuhr von jedem Sänger eine einzigartige Geschichte, die das Thema Interkulturalität aufgriff. So stammt das Titellied „Schwarzer Samt“ zum Beispiel von einem deutschen Komponisten, der nach Jerusalem wanderte, wo Moran Abouloff herstammt, die sich persönlich mit dem Lied verbunden fühlt und es auf imposante Weise vortrug. Dann waren da noch Selçuk Hakan Tiraşoğlu und Orhan Yildiz, die in der Türkei geboren wurden, sowie Arthur Shen aus den USA, Milda Tubelytė aus Litauen und Oleksandr Pushniak aus der Ukraine. Die internationalen Ensemblemitglieder ermöglichten einen moderierten Konzertabend, wie es ihn wahrscheinlich noch nicht so oft gegeben hat. Die zusätzliche Darlegung musikgeschichtlicher Fakten bot dem interessierten Zuschauer eine Fülle an Informationen. Selbst die teils sehr jungen, für Musiktheater eher untypischen, Besucher waren von dem Abend sehr beeindruckt, woraus ein tosender Applaus im fast vollen Zuschauerraum entstand. Im Foyer bot sich noch die Gelegenheit, mit dem Musikensemble und Mitwirkenden der Ausstellung ins Gespräch zu kommen. Ein gelungener Start in ein vielfältiges Wochenende, der zurecht gut besucht war.

 

Jonas Schuba, geboren am 09. November 1993, absolvierte 2012 an der IGS Franzsches Feld in Braunschweig das künstlerisch-literarische Fachabitur. Der Filmemacher und Mitgründer von „Place Of Creativity“ (poc-film.de) war 2011 mit seinem ersten Kurzfilm für die Niedersachsenfilmklappe nominiert. Die gesamte Spielzeit 2012/2013 verbringt Schuba als Vollzeitpraktikant am Staatstheater Braunschweig. Er hospitierte beispielsweise bei „Die Kontrakte des Kaufmanns“, „Das Ballhaus“, „Treulose“ und aktuell bei „demut vor deinen taten baby“. Der Ausstellungsbeitrag „deutsch = deutsch?“ stammt von ihm. Ab dem Wintersemester 2013 wird er Filmregie in Berlin studieren.

 

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Here we are now, entertain us

 

"27/siebenundzwanzig"
21.03.2013, Junges Schauspielhaus Düsseldorf

 

Was können wir von Kurt Cobain, Amy Winehouse und Jimi Hendrix lernen? Vier Jugendliche und vier Senioren begeben sich gemeinsam auf die Suche nach den großen Fragen des Lebens und nach möglichen Antworten.

 

Der legendäre Club 27: Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain, Amy Winehouse. Alle waren sie exzentrische Musiker, alle starben sie mit siebenundzwanzig, ausgebrannt durch den frühen Ruhm und exzessiven Drogenkonsum. Das Gefühl von Normalität muss ihnen fremd gewesen sein, jede Emotion überstieg das eigentliche Empfinden um ein Vielfaches ganz nach dem Motto: „Live fast, love hard and die young.“


Der Club der Spezialisten des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf hat nun unter der Leitung von Urs Peter Halter und Dorle Trachternach mit „27/siebenundzwanzig“ ein Generationenstück inszeniert, das das Lebensalter 27 als Cut zwischen dem Vor und dem Danach, zwischen Jugend und Alter thematisiert. Acht Fremde zwischen sechzehn und vierundsiebzig treffen sich zu einem gemeinsamen Abendessen und beginnen, sich gegenseitig eine Flut von Fragen zu stellen über Träume, Ängste, Sehnsüchte und den Sinn des Lebens. Die Musik des Club 27 wird dabei zum Verbindungsglied. Wenn „When the music’s over“ von The Doors oder Nirvanas „Smells like teen spirit“ erklingen, zählt nur noch das Leben, das Erlebte und nicht Erlebte, über das man sich verbündet, das Lebensalter wird auf einmal zur Nebensache.


Es gibt wunderbar humorvolle wie verstörende Momente in der Inszenierung, etwa wenn alle am Tisch versammelt zwischen den Gängen mit träumerisch verklärtem Blick, dabei immer wieder chorisch sprechend und genüsslich kauend, darüber reflektieren, was man unbedingt einmal im Leben gemacht haben sollte: Einen Frosch aufgeblasen haben, einen Baum gepflanzt haben, Bier getrunken haben, ein Kind gezeugt haben etc. Oder wenn ein Mädchen plötzlich einem Mann, der ihr Großvater sein könnte, all ihre Ängste entgegen schreit. Angst vor der Zukunft, vor dem Scheitern, vor der Vergesslichkeit, davor, dass nach dem 27. Geburtstag nichts Aufregendes mehr passiert.


Am Ende wird die Einvernehmlichkeit durch Handschlag besiegelt. Man hat sich kennengelernt, weiß nun, was die Generationen bewegt. Ob es ein wimbledon-grüner Rollator ist oder der Wunsch, „sich von all dem oberflächlichen Scheiß frei zu machen“. Jetzt gilt es, (s)ein Leben zu leben.

 

Elisa Giesecke

 

Die Autorin ist redaktionelle Mitarbeiterin des Deutschen Bühnenvereins und mitverantwortlich für die junge bühne.

 

Weitere Vorstellungen:

22. März, 19.00 Uhr
20. April, 19.00 Uhr
21. April, 19.00 Uhr

 

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Frühlings Erwachen

 

Thalia Theater Hamburg, 20.04.2013

 

Von Jens Fischer

 

Es war einmal … eine wilhelminisch genannte Zeit. Die Möglichkeiten menschlichen Zusammenschmelzens waren nicht überall in Text und Bild verfügbar, Aufklärung fand mit Klapperstorchgeschichten statt. Mädchen starben mit 14 Jahren an illegalen Abtreibungen, Jungs erschossen sich aus Selbstekel vor den männlichen Regungen. Und wer mehr über die allgegenwärtig knospende Lüsternheit wissen wollte, wurde in eine Besserungsanstalt entsorgt. 1891 kritisierte Frank Wedekind all das und noch viel mehr in „Frühlings Erwachen“, eine traurige Geschichte über die einzig wirklich revolutionäre Zeit des Lebens: die Pubertät. Mal offen reden über das erste Mal, Abtreibung, Onanie, Homosexualität, Selbstmord, Ausgrenzung, Geschlechterrollen, Lebenssinn – deswegen wurde die „Kindertragödie“ damals der Pornografie verdächtigt. Während heutzutage jeder Sechsjährige auf dem Handy des Freundes alle Sex genannten Tätigkeiten kichernormal zur Kenntnis nehmen kann und eine überfordernde Sexualisierung die Öffentlichkeit beherrscht. Dass sich an der Dringlichkeit des Stücks, der Intensität der Gefühle aber nichts geändert, jeder Schwierigkeiten damit hat, darüber reden will, aber nie jemand zuhört, wollen acht Schauspielstudenten der Hamburger Theaterakademie mit der Abschlussarbeit ihrer vierjährigen Ausbildung beweisen. Reichlich flapsigen Jargon und Jugendliteratur-Zitate sowie popmusikalische Kommentare wurden mit dem Wedekind-Text gemixt, um das Stück heutig wirken zu lassen. Gackermädchen debattieren über ihre Blutungen, kratzende Binden, weibliche Rollenklischees und wollen zum Thema Blowjob vor allem wissen: Wie viel Kalorien hat Sperma? Locker verklemmte Tobejungs suchen verzweifelt Wichsvorlagen, möchten Musketiere werden, die gegen die Matrix kämpfen. Als Partyhüpfer entspannen alle mal kurz, bevor sie sich wieder angestrengt cool zurechtschütteln, erneut aufmüpfig und schüchtern zugleich sind, empfindsam und immer ein wenig geniert. In der gestrengen Inszenierung des Thalia-Theater-Ensemblemitglieds Karin Neuhäuser wird so über nichts hinweggelacht, sondern ungeschützt von darstellerischer Routine nach authentischer Nähe zu den Figuren gesucht. Selbst Wedekinds Karikaturen der Erwachsenenwelt, die Erziehung als uniformierende Abrichtung verstehen, werden so verständnisvoll wie hilflos gegenüber den Nöten der Jugendlichen dargestellt. Die kommen zu dem Schluss: „Können die Menschen nicht aus Eiern schlüpfen, die im Wald von Bäumen fallen?“ Dann müssten nicht diese unerträglichen Fragen, überwältigenden Entwicklungen, nötigenden Drangsale, Schuldbeklemmungen und Versagensängste ertragen werden. Und das Schwärmerische, der Reiz alles Sexuellen schlüge nicht durch Angeberei und Unsicherheit immer wieder ins Aggressive um. Kommt es doch mal zum Äußersten, dann in wilder Körperverknäulung, hinter einem extra umgestürzten Tisch den Blicken der Zuschauer entzogen, aber mit Gewittergetöse umtobt. Ganz sachlich wird dann wieder betont, dass es vor allem um die Frage geht: Wer bin ich, könnte ich sein? Und die Antwort kommt prompt: Ich ist ein anderer, Identität eine Illusion, der freie Wille ein Scheißdreck. Nicht neu, aber erfrischend unpeinlich gelingt es, dass Kids von heute in einem Stück von vorgestern an zeitlos aktuellen Problemen zerbrechen.

 

Jens Fischer ist freier Autor und schreibt regelnäßig für "Die Deutsche Bühne".

 

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Fotograf: Uwe Stratmann

Gitterkuchen mit etwas Shakespeare

 

JVA Wuppertal-Ronsdorf, 27.04.2013
„Macbeth schlaflos in Ronsdorf“

 

Theater im Knast. Junge Inhaftierte der JVA Wuppertal-Ronsdorf spielen "Macbeth"

 

Von Elisa Giesecke

 

Wir frösteln ein wenig angesichts des gewaltigen Eisentores das den Eingang zur JVA Wuppertal-Ronsdorf markiert. Und das liegt nicht nur am Wind, der, so scheint es, extra klischeehaft eisig um die Gefängnismauern weht, um der Trostlosigkeit dieses Ortes noch mehr dramatisches Gewicht zu verleihen. Hier stehen wir also vor dem Tor zu einer anderen Welt, die man im Normalfall nie betreten möchte. Bereits die 20minütige Busfahrt vom Wuppertaler Schauspielhaus zur JVA im Nirgendwo hat deutlich gemacht: Gesellschaftliche Ausgrenzung fängt schon bei der räumlichen Ausgliederung an.

 

Doch – und glücklicherweise – gibt es in den letzten Jahren immer wieder Versuche den jungen Inhaftierten vor allem mittels kultureller Angebote neue Perspektiven zu eröffnen und sie dem normalen gesellschaftlichen Leben anzunähern. Auf der Webseite www.knastkultur.de lässt sich ein Eindruck davon gewinnen, wie viele JVAs inzwischen Theaterprojekte anbieten. So auch die JVA Wuppertal-Ronsdorf, die in Kooperation mit der Gefängnisseelsorge Wuppertal und den Wuppertaler Bühnen „Macbeth – Schlaflos in Ronsdorf“ auf die Gefängnisbühne bringt. Sechs Wochen lang haben die Häftlinge vier Stunden pro Tag geprobt, sie verzichteten dafür auf Besuch, Sport und Freizeit.

 

Der Andrang vor der Premiere ist groß: Was erwartet und hinter den Mauern? Ist es wirklich nur kulturelles Interesse, das uns hierher lockt? Oder nicht auch ein wenig Sensationslust? Solche und andere Fragen beschäftigen uns auf dem Weg durch die langen Gänge. Vereinzelt sieht man Gesichter hinter den Gitterfenstern. Ein bisschen unheimlich, wie man so begafft wird, und nicht weiß, von wem. Wie muss es da erst den Häftlingen gehen, die zum ersten Mal auf einer Bühne stehen?

 

Die acht jungen Männer zwischen 17 und 21 Jahren sind nervös, immer wieder fassen sie sich beim Sprechen ins Gesicht, lachen verlegen, was sie sagen, ist kaum zu verstehen. Kleine Jungs mit Muskeln und einigem auf dem Kerbholz. Sie bemühen sich redlich, konzentriert zu bleiben, auch wenn es dem ein oder anderen sichtlich schwer fällt. Texthänger werden mit Hilfe der Mitspieler oder der Souffleuse überwunden. Klar ist, über die Qualität der Darstellung muss man hinwegsehen. Und gerade deswegen packt es einen, weil man merkt, das ist ein so direktes Spiel, wie man es in keinem Theater der Welt finden wird. Jeder der acht ist er selbst und gleichzeitig scheint etwas anderes hindurch, manchmal nur für den Bruchteil einer Sekunde. Man merkt, da hat für den Moment eine Verinnerlichung stattgefunden. Alle sind alles, mal Macbeth, mal Banquo, mal die Hexen. Eine kluge Entscheidung von Regisseur Peter Wallgram, den Darstellern keine festen Rollen zuzuweisen.

 

Der Applaus nach der 45minütigen Vorstellung ist groß, die Darsteller sind sichtlich stolz. Die Zuschauer werden noch zu Kaffee und dem berühmtem Ronsdorfer Gitterkuchen eingeladen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.


Die Autorin ist redaktionelle Mitarbeiterin des Deutschen Bühnenvereins und mitverantwortlich für die "junge bühne".

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