ein schwarzweiß Foto mit einer Person, die ein Bein läßig am Geländer abstützt

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Kolumne: Förder-Labyrinthe

Open Calls und Abgabefristen: Regisseurin Malin Kraus schreibt in ihrer Kolumne über den Stress bei Antrags-Fristen, das große „Vielleicht klappt es ja“ und das Trainieren von Förderungs-Know-How.

Foto oben: Lucia Jost
Beitrag von: am 05.05.2026

Noch 27 Minuten bis das Abgabeportal schließt. Hektisch versuche ich, nicht die Kontrolle zu verlieren und alle säuberlich sortierten Dokumente an die richtige Stelle zu legen. Plötzlich hakt das Internet. Die Seite stürzt ab. Ich muss noch einmal von vorne anfangen. Ich zittere vor Verzweiflung und Stress – und nehme mir fest vor, die nächste Frist nicht so anzugehen. Zwei Minuten vor Ablauf der Zeit befinden sich alle Dateien an Ort und Stelle. Ich bestätige die Datenschutzerklärung und schicke sie ab: „Danke für Ihre Einreichung, wir melden uns in 2-8 Monaten.“

Der Kampf um Förderungen und Ausschreibungen, der Kampf um Geld, ist für die freie Szene immer mehr zum Faustkampf geworden. Gekürzte Gelder, gestrichene Fördertöpfe – wie zuletzt vor allem in Berlin – haben dazu geführt, dass auf nahezu jeden Open Call hunderte Bewerbungen eingehen. Zu vergeben ist aber meistens nur eine Position. Das ist ein Problem, vor allem, weil damit zahlreiche gute Ideen und Projektanfänge im Sand verlaufen. Denn: ohne Geld kein Projekt. Oder doch? 

Frist auf Frist

Viel zu oft stehe ich also vor der Frage, die an jedem Anfang eines Projektes steht: Kann ich/können wir das produzieren? Wie viel Geld brauchen wir mindestens, um alle Kosten zu decken? Und wieviel muss ich zusätzlich arbeiten, unbezahlt natürlich, um überhaupt meine Arbeit und Ideen umsetzen zu können? Besonders am Anfang der Karriere ist dieser Mehraufwand irgendwie selbstverständlich, wird einkalkuliert oder sogar erwartet, aber die eigentliche Frage drängt sich unbehaglich auf: Wer kann und will sich das überhaupt leisten?

Was zu Beginn für mich noch einem undurchsichtigen Labyrinth glich, lüftet langsam seine Geheimnisse: Workshops, wie sie die Lettrétage in Berlin oder das Theaterbüro München kostenfrei anbieten, helfen enorm, nicht den Überblick zu verlieren und einen kühlen Kopf zu bewahren. Denn auf Frist folgt Frist und was auf den ersten Anlauf nicht klappt, muss nicht automatisch eine finale Absage des Projekts bedeuten. Auf den richtigen Zeitpunkt kann es ankommen, auf die richtigen Formulierungen, die richtigen Partner und einschlägige Erfahrungen. Der große Konjunktiv, der allen Beratungsangeboten eigen ist, das große „Vielleicht klappt es ja“, wird reduziert auf ein „Ich-habe-alles-gegeben-was-ich-konnte“.

Polyamourös mit Anträgen umgehen

Ob das Projekt, das ich abgegeben habe, funktionieren wird, weiß ich erst in mehreren Monaten. Bis dahin heißt es: polyamourös mit Anträgen umgehen. Denn nicht  nur ein Antrag finanziert eine große Idee, sondern eine Kombination aus mehreren Anträgen. Die können auf lokaler Ebene, wie einer Förderung aus dem Kiez, stattfinden, oder regional. Manche Förderungen bedürfen mehreren Kooperationspartnern, Empfehlungsschreiben oder übersetzten Dokumenten.

Zu begreifen, welche Anforderung eine Förderung spezifisch erfordert, ist die halbe Miete (und reduziert den Stress in den 27 Minuten, bevor das Abgabeportal schließt). Wie auf einem Laufband laufend, fühlen sich die ersten Gehschritte ungewohnt und seltsam an, bis man irgendwann den richtigen Rhythmus findet. Denn das Gute ist: Förderanträge zu stellen, kann man lernen und trainieren wie ein Gym-Superstar.

 

Hier geht’s zu:

Folge 1: Träumen nachjagen

Folge 2: Working Girls

Folge 3: Endlosschleifen


Malin Kraus ist als Regisseurin wie Journalistin tätig. Sie promoviert aktuell an der HU Berlin zum Thema „Zeitlichkeit“ in Neuerer deutscher Literatur. Sie ist Teil des Spontankollektivs working girlsund gibt gemeinsam mit Rahel Bueb den „DISPUT“, ein Magazin für Literatur, Journalismus und Fotografie, heraus. Im Januar 2026 zeigt sie das Stück „Latexstudien I-IIII“ am Pathos Theater München zu Münchner Arbeiterinnenschaft.