Reihe E, Platz 6 – so steht es auf meiner Pressekarte. „Entschuldigen Sie, ich glaube, das ist Reihe F.“, spricht mich eine Frau an, nachdem ich meinen vermeintlich richtigen Platz im Berliner RambaZamba Theater eingenommen habe. Sie ist nicht die Einzige: „Das ist doch aber hier Reihe D!“ – „Nein, das ist Reihe E! Fehlt hier eine Reihe?“ Nach ein paar gemeinschaftlichen Bemühungen, das Reihen-Durcheinander aufzulösen, zeichnet sich langsam ab, dass eigentlich nur eine Frage wirklich wichtig ist: Haben alle einen Platz? Ok. Dann kann’s losgehen. Und nach wenigen Minuten wird deutlich, dass die Uraufführung von „Weißt du schon, wie schön es wird?“ sogar imstande ist, das anfängliche Reihen-Durcheinander als eine Art ungeplanten Prolog in den Bühnenraum aufzunehmen. Denn die Frage „Haben alle einen Platz?“ ist in dieser Inszenierung sehr viel größer als die Differenzierung zwischen Reihe E und F; sie ist eine Grundsätzlichkeit, die es in Zeiten von massiven Kulturkürzungen gemeinschaftlich zu beschützen gilt. In diesem Sinne:
„Zack Zack Zack
Da Da Da
Hier Hier Hier
Ja Ja Ja
Zack Zack Zack
Los Los Los
Komm Komm Komm
Ja Ja Ja“
Das ist der musikalische Schlachtruf, mit dem das RambaZamba-Ensemble – gemeinsam mit der Band „Acht Eimer Hühnerherzen“ – nicht nur eine wilde Gaunerkomödie startet, sondern auch ihren Widerstand gegen die politischen Einsparungen im Kulturbereich eröffnet.
Ein Tunnelsystem, Solidarität und ein paar kalte Biere
Vor einer rollbaren Hausfassade mit der roten Aufschrift „VERKAUFT“ verkünden Christian Behrend, Friedrich Dambeck, Moritz Höhne, Franziska Kleinert, Shirly Klengel, Anil Merickan, Joachim Neumann, Hieu Pham, Zora Schemm und Rebecca Sickmüller ihren bombensicheren Plan: Zuerst müsste die Truppe den Pizzaladen an der Eberswalder übernehmen; dafür wäre zwar ein Start-Kapital von 10.000 Euro nötig, aber anschließend könnte die Gauner:innen-Bande dann einfach einen Tunnel zum nächsten Späti buddeln, um sich mit ausreichend Bier und Chips zu versorgen.
Foto: Katrin Ribbe
Von da geht’s weiter zur Sparkasse, die es auszurauben gilt, damit genug Geld für Kunst und Theater in der Tasche sei. Dabei ginge es ihnen um Solidarität, denn während sie selbst durch Mittel des Hauptstadtkulturfonds und der Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert werden, würden sie mit dieser Aktion gerne denen helfen, die kein Geld haben. Per selbst gebuddeltem Tunnelsystem würde es danach weiter zum Prater gehen, auf dessen Bühne sie schließlich im Rahmen ihres Musicals groß rauskommen wollen. Mit diesem wasserfesten Konzept und ein wenig beharrlicher Geduld überzeugt die Truppe auch die 27-jährige Kellnerin Anita (Wassilissa List), die sich – geleitet von dem Traum, auf der Bühne des Praters zu stehen – dem Vorhaben anschließt.
Mit Schaufel und Grubenlampe auf der Suche nach Antworten
Regisseur Milan Peschel überführt dieses wilde Ganoven-Spektakel im Laufe des Abends dann Schritt für Schritt in eine philosophische Reise, bei der besonders Anita viel von ihren Ganoven-Freund:innen lernen kann. So durchstreifen die eigensinnigen Kleinkriminellen mit flackernden Grubenlampen und blauem Bühnenlicht zwar zunächst den Untergrund Berlins, doch sie stoßen dabei nicht auf die Tresore der Sparkasse, sondern auf viel Größeres – auf ein gemeinsames Nachdenken über das Leben: „Nichts ist wahrem Glück so sehr im Wege wie die Gewohnheit, etwas von der Zukunft zu erwarten“, zitieren sie ihren Freund und Gründer der Bande. In diesem Sinne kann die Truppe dann sogar Entwarnung geben, als Anita erschreckt feststellt, dass sie scheinbar in die falsche Richtung gebuddelt haben: „Es gibt keine falsche Richtung, es dauert höchstens etwas länger.“ Und am Ende geht es doch sowieso vielmehr um Liebe und die wichtigen Dinge im Leben.
Zwischen kraftvollen Musikeinlagen, herzlichem Lachen im Saal und dem ein oder anderen kühlen Bier nimmt sich die Reise durch den Untergrund Berlins allerdings auch etwas Platz für eine gute Portion anti-kapitalistische Wut: Denn wie kann es eigentlich sein, dass „im Hintergrund schon der Verrat, der Goldrausch und das Kapital [lauert]“, während dieses Ensemble seit Jahren „über sich hinauswächst und Un-Sinn in den Alltag vieler bringt“? Eine sehr gute Frage. Eine Frage, für die wir alle gemeinsam Verantwortung übernehmen sollten.