Here we are now, entertain us

 

"27/siebenundzwanzig"
21.03.2013, Junges Schauspielhaus Düsseldorf

 

Was können wir von Kurt Cobain, Amy Winehouse und Jimi Hendrix lernen? Vier Jugendliche und vier Senioren begeben sich gemeinsam auf die Suche nach den großen Fragen des Lebens und nach möglichen Antworten.

 

Der legendäre Club 27: Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain, Amy Winehouse. Alle waren sie exzentrische Musiker, alle starben sie mit siebenundzwanzig, ausgebrannt durch den frühen Ruhm und exzessiven Drogenkonsum. Das Gefühl von Normalität muss ihnen fremd gewesen sein, jede Emotion überstieg das eigentliche Empfinden um ein Vielfaches ganz nach dem Motto: „Live fast, love hard and die young.“


Der Club der Spezialisten des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf hat nun unter der Leitung von Urs Peter Halter und Dorle Trachternach mit „27/siebenundzwanzig“ ein Generationenstück inszeniert, das das Lebensalter 27 als Cut zwischen dem Vor und dem Danach, zwischen Jugend und Alter thematisiert. Acht Fremde zwischen sechzehn und vierundsiebzig treffen sich zu einem gemeinsamen Abendessen und beginnen, sich gegenseitig eine Flut von Fragen zu stellen über Träume, Ängste, Sehnsüchte und den Sinn des Lebens. Die Musik des Club 27 wird dabei zum Verbindungsglied. Wenn „When the music’s over“ von The Doors oder Nirvanas „Smells like teen spirit“ erklingen, zählt nur noch das Leben, das Erlebte und nicht Erlebte, über das man sich verbündet, das Lebensalter wird auf einmal zur Nebensache.


Es gibt wunderbar humorvolle wie verstörende Momente in der Inszenierung, etwa wenn alle am Tisch versammelt zwischen den Gängen mit träumerisch verklärtem Blick, dabei immer wieder chorisch sprechend und genüsslich kauend, darüber reflektieren, was man unbedingt einmal im Leben gemacht haben sollte: Einen Frosch aufgeblasen haben, einen Baum gepflanzt haben, Bier getrunken haben, ein Kind gezeugt haben etc. Oder wenn ein Mädchen plötzlich einem Mann, der ihr Großvater sein könnte, all ihre Ängste entgegen schreit. Angst vor der Zukunft, vor dem Scheitern, vor der Vergesslichkeit, davor, dass nach dem 27. Geburtstag nichts Aufregendes mehr passiert.


Am Ende wird die Einvernehmlichkeit durch Handschlag besiegelt. Man hat sich kennengelernt, weiß nun, was die Generationen bewegt. Ob es ein wimbledon-grüner Rollator ist oder der Wunsch, „sich von all dem oberflächlichen Scheiß frei zu machen“. Jetzt gilt es, (s)ein Leben zu leben.

 

Elisa Giesecke

 

Die Autorin ist redaktionelle Mitarbeiterin des Deutschen Bühnenvereins und mitverantwortlich für die junge bühne.

 

Weitere Vorstellungen:

22. März, 19.00 Uhr
20. April, 19.00 Uhr
21. April, 19.00 Uhr

 

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Frühlings Erwachen

 

Thalia Theater Hamburg, 20.04.2013

 

Von Jens Fischer

 

Es war einmal … eine wilhelminisch genannte Zeit. Die Möglichkeiten menschlichen Zusammenschmelzens waren nicht überall in Text und Bild verfügbar, Aufklärung fand mit Klapperstorchgeschichten statt. Mädchen starben mit 14 Jahren an illegalen Abtreibungen, Jungs erschossen sich aus Selbstekel vor den männlichen Regungen. Und wer mehr über die allgegenwärtig knospende Lüsternheit wissen wollte, wurde in eine Besserungsanstalt entsorgt. 1891 kritisierte Frank Wedekind all das und noch viel mehr in „Frühlings Erwachen“, eine traurige Geschichte über die einzig wirklich revolutionäre Zeit des Lebens: die Pubertät. Mal offen reden über das erste Mal, Abtreibung, Onanie, Homosexualität, Selbstmord, Ausgrenzung, Geschlechterrollen, Lebenssinn – deswegen wurde die „Kindertragödie“ damals der Pornografie verdächtigt. Während heutzutage jeder Sechsjährige auf dem Handy des Freundes alle Sex genannten Tätigkeiten kichernormal zur Kenntnis nehmen kann und eine überfordernde Sexualisierung die Öffentlichkeit beherrscht. Dass sich an der Dringlichkeit des Stücks, der Intensität der Gefühle aber nichts geändert, jeder Schwierigkeiten damit hat, darüber reden will, aber nie jemand zuhört, wollen acht Schauspielstudenten der Hamburger Theaterakademie mit der Abschlussarbeit ihrer vierjährigen Ausbildung beweisen. Reichlich flapsigen Jargon und Jugendliteratur-Zitate sowie popmusikalische Kommentare wurden mit dem Wedekind-Text gemixt, um das Stück heutig wirken zu lassen. Gackermädchen debattieren über ihre Blutungen, kratzende Binden, weibliche Rollenklischees und wollen zum Thema Blowjob vor allem wissen: Wie viel Kalorien hat Sperma? Locker verklemmte Tobejungs suchen verzweifelt Wichsvorlagen, möchten Musketiere werden, die gegen die Matrix kämpfen. Als Partyhüpfer entspannen alle mal kurz, bevor sie sich wieder angestrengt cool zurechtschütteln, erneut aufmüpfig und schüchtern zugleich sind, empfindsam und immer ein wenig geniert. In der gestrengen Inszenierung des Thalia-Theater-Ensemblemitglieds Karin Neuhäuser wird so über nichts hinweggelacht, sondern ungeschützt von darstellerischer Routine nach authentischer Nähe zu den Figuren gesucht. Selbst Wedekinds Karikaturen der Erwachsenenwelt, die Erziehung als uniformierende Abrichtung verstehen, werden so verständnisvoll wie hilflos gegenüber den Nöten der Jugendlichen dargestellt. Die kommen zu dem Schluss: „Können die Menschen nicht aus Eiern schlüpfen, die im Wald von Bäumen fallen?“ Dann müssten nicht diese unerträglichen Fragen, überwältigenden Entwicklungen, nötigenden Drangsale, Schuldbeklemmungen und Versagensängste ertragen werden. Und das Schwärmerische, der Reiz alles Sexuellen schlüge nicht durch Angeberei und Unsicherheit immer wieder ins Aggressive um. Kommt es doch mal zum Äußersten, dann in wilder Körperverknäulung, hinter einem extra umgestürzten Tisch den Blicken der Zuschauer entzogen, aber mit Gewittergetöse umtobt. Ganz sachlich wird dann wieder betont, dass es vor allem um die Frage geht: Wer bin ich, könnte ich sein? Und die Antwort kommt prompt: Ich ist ein anderer, Identität eine Illusion, der freie Wille ein Scheißdreck. Nicht neu, aber erfrischend unpeinlich gelingt es, dass Kids von heute in einem Stück von vorgestern an zeitlos aktuellen Problemen zerbrechen.

 

Jens Fischer ist freier Autor und schreibt regelnäßig für "Die Deutsche Bühne".

 

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Fotograf: Uwe Stratmann

Gitterkuchen mit etwas Shakespeare

 

JVA Wuppertal-Ronsdorf, 27.04.2013
„Macbeth schlaflos in Ronsdorf“

 

Theater im Knast. Junge Inhaftierte der JVA Wuppertal-Ronsdorf spielen "Macbeth"

 

Von Elisa Giesecke

 

Wir frösteln ein wenig angesichts des gewaltigen Eisentores das den Eingang zur JVA Wuppertal-Ronsdorf markiert. Und das liegt nicht nur am Wind, der, so scheint es, extra klischeehaft eisig um die Gefängnismauern weht, um der Trostlosigkeit dieses Ortes noch mehr dramatisches Gewicht zu verleihen. Hier stehen wir also vor dem Tor zu einer anderen Welt, die man im Normalfall nie betreten möchte. Bereits die 20minütige Busfahrt vom Wuppertaler Schauspielhaus zur JVA im Nirgendwo hat deutlich gemacht: Gesellschaftliche Ausgrenzung fängt schon bei der räumlichen Ausgliederung an.

 

Doch – und glücklicherweise – gibt es in den letzten Jahren immer wieder Versuche den jungen Inhaftierten vor allem mittels kultureller Angebote neue Perspektiven zu eröffnen und sie dem normalen gesellschaftlichen Leben anzunähern. Auf der Webseite www.knastkultur.de lässt sich ein Eindruck davon gewinnen, wie viele JVAs inzwischen Theaterprojekte anbieten. So auch die JVA Wuppertal-Ronsdorf, die in Kooperation mit der Gefängnisseelsorge Wuppertal und den Wuppertaler Bühnen „Macbeth – Schlaflos in Ronsdorf“ auf die Gefängnisbühne bringt. Sechs Wochen lang haben die Häftlinge vier Stunden pro Tag geprobt, sie verzichteten dafür auf Besuch, Sport und Freizeit.

 

Der Andrang vor der Premiere ist groß: Was erwartet und hinter den Mauern? Ist es wirklich nur kulturelles Interesse, das uns hierher lockt? Oder nicht auch ein wenig Sensationslust? Solche und andere Fragen beschäftigen uns auf dem Weg durch die langen Gänge. Vereinzelt sieht man Gesichter hinter den Gitterfenstern. Ein bisschen unheimlich, wie man so begafft wird, und nicht weiß, von wem. Wie muss es da erst den Häftlingen gehen, die zum ersten Mal auf einer Bühne stehen?

 

Die acht jungen Männer zwischen 17 und 21 Jahren sind nervös, immer wieder fassen sie sich beim Sprechen ins Gesicht, lachen verlegen, was sie sagen, ist kaum zu verstehen. Kleine Jungs mit Muskeln und einigem auf dem Kerbholz. Sie bemühen sich redlich, konzentriert zu bleiben, auch wenn es dem ein oder anderen sichtlich schwer fällt. Texthänger werden mit Hilfe der Mitspieler oder der Souffleuse überwunden. Klar ist, über die Qualität der Darstellung muss man hinwegsehen. Und gerade deswegen packt es einen, weil man merkt, das ist ein so direktes Spiel, wie man es in keinem Theater der Welt finden wird. Jeder der acht ist er selbst und gleichzeitig scheint etwas anderes hindurch, manchmal nur für den Bruchteil einer Sekunde. Man merkt, da hat für den Moment eine Verinnerlichung stattgefunden. Alle sind alles, mal Macbeth, mal Banquo, mal die Hexen. Eine kluge Entscheidung von Regisseur Peter Wallgram, den Darstellern keine festen Rollen zuzuweisen.

 

Der Applaus nach der 45minütigen Vorstellung ist groß, die Darsteller sind sichtlich stolz. Die Zuschauer werden noch zu Kaffee und dem berühmtem Ronsdorfer Gitterkuchen eingeladen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.


Die Autorin ist redaktionelle Mitarbeiterin des Deutschen Bühnenvereins und mitverantwortlich für die "junge bühne".

 

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RADIKAL JUNG - Münchner Volkstheater, 19. bis 26. April 2013

 

Radikal jung – Das Festival junger Regisseure findet seit 2005 einmal jährlich am Münchner Volkstheater statt. Es hat es sich zur Aufgabe gemacht, jungen Nachwuchsregisseuren ein Forum und eine Bühne zu bieten.

 

Von Anne Fritsch
 

Über den Namen „Radikal Jung“ haben sich schon viele lustig gemacht. Was daran denn radikal sei, wurde bemängelt. Was so außerordentlich jung. Tatsächlich führten einige Ausgaben des Festivals junger Regisseure am Münchner Volkstheater vor allem eines vor Augen: wie etabliert und angepasst die Ansätze des Nachwuchses doch sind. Sie nahmen sich Stücke und inszenierten diese. Mal mehr, mal weniger innovativ. In diesem Jahr war das anders. Schon die Themenauswahl zeigte: Die früher teils vorherrschende Vorliebe für private Themen, für die Liebe in allen ihren Facetten wurde abgelöst von einer Hinwendung zur Gesellschaft. So setzten sich gleich drei Produktionen auf sehr verschiedene Art und Weise mit dem Thema Terror auseinander: Der Beitrag vom Theater Bielefeld, Babett Grubes Uraufführungsinszenierung von Laura Naumanns Erfolgsstück „Demut vor deinen Taten Baby“, erzählt temporeich und energiegeladen von drei unterschiedlichen jungen Frauen, die ein Erlebnis zusammenschweißt. Sie alle sitzen in einer Flughafentoilette fest, während draußen aufgrund eines Bombenverdachts alles evakuiert wird. Die Erleichterung über die Entwarnung stürzt sie in derartige Glücksgefühle, dass sie diese fortan auch anderen schenken wollen: Sie simulieren alle möglichen Attentate - um Fremden das Glück des Entkommens zu schenken.

 

Demut vor deinen Taten Baby                 Foto: Philipp Ottendörfer

 

Malte C. Lachmann inszenierte am Hamburger Thalia Theater „Die Protokolle von Toulouse“. Zwei junge Männer, beide Muslime, unterhalten sich: über die Liebe, das Leben - und den Hass. Auch wenn der Text teilweise wie ein Kneipengespräch daherkommt: Einer von ihnen, Mohamed Merah, hatte in den Tagen zuvor sieben Menschen ermordet. Drei Soldaten, drei jüdische Kinder und einen jüdischen Lehrer und Familienvater. Am 21. März 2012 versuchten Spezialeinheiten der französischen Polizei, ihn festzunehmen. Merah verschanzte sich in seiner Wohnung, verhandelte stundenlang über Walkie-Talkie mit einem Polizisten. Die Journalistin Karen Krüger entdeckte die Protokolle dieser Gespräche im Internet, berichtete in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung - und übersetzte sie schließlich fürs Thalia Theater. Lachmann inszeniert das Kammerspiel mit einer Leichtigkeit, die dem Ernst des Themas nicht wirklich gerecht wird.

 

Die dritte Inszenierung zum Thema Terror: „Breiviks Erklärung“. Wie politisch das Festival mit einem Mal war, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass das Haus der Kunst, geplanter Veranstaltungsort, kurz vor Festivalbeginn seine Zusage zurückzog: „Breiviks Erklärung“ durfte hier nicht gezeigt werden. Begründung: Für „Veranstaltungen mit rechtsradikalen und antisemitischen Inhalten“ werden grundsätzlich keine Räume vermietet. So weit, so gut. Allein: Die Einordnung von „Breiviks Erklärung“ als rechtsradikale Veranstaltung ist absurd. Sie zeigt jedoch, wie sensibel das Thema ist, das der Schweizer Regisseur Milo Rau für seine Inszenierung gewählt hat, wie allein der Name Breivik verunsichert und verängstigt. Das Haus der Kunst wollte alles richtig machen - und hat alles falsch gemacht.

 

Die Vorstellung wurde schließlich im Münchner Stadtmuseum gezeigt. Es war die vielleicht wichtigste des diesjährigen Festivals. Milo Rau gründete 2007 sein „IIPM - International Institute of Political Murder“, ein Ort für eine „neue, dokumentarisch und ästhetisch verdichtete Form politischer Kunst“. Seine Themen bilden sein Interesse dafür ab, wozu Menschen fähig sind, wenn sie genug Macht - oder aber genug Hass - haben: das rumänische Diktatorenehepaar Ceausescu, der Völkermord in Ruanda - und eben der norwegische Massenmörder Anders Breivik. Am 22. Juli 2011 tötete er in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen, überwiegend junge Menschen, Teilnehmer am Zeltlager einer sozialdemokratischen Jugendorganisation. Die Frage nach dem Warum beantwortete der Attentäter ausführlich. Bereits vor den Anschlägen verschickte er per Email ein Manifest, im Gerichtssaal dann gab er eine lange Erklärung seiner Motivation ab. Und eben diesen Text bringt Rau auf die Bühne. Nicht als Inszenierung, sondern als Lesung. Oder, wie Rau es nennt: als „Öffentlichen Filmdreh“.

 

Die Protokolle von Toulouse                                  Foto: Krafft Angerer

 

Die Schauspielerin Sascha Ö. Soydan steht an einem Rednerpult, blickt in eine Kamera und liest. Die Filmbilder werden live auf eine Leinwand übertragen. Das ist alles. Wenn jemand hustet, wenn ein Handy klingelt, macht sie eine Pause. Dann liest sie weiter. Wort für Wort. Unaufgeregt. Analytisch. Überlegt. Die Zuschauer hören - und staunen. Und wer sich zu Beginn der Veranstaltung noch fragte, wozu das Ganze, der beginnt im Laufe der 60 Minuten zu begreifen, was Rau bewegte. Denn dieser Text ist nicht das, was man erwartete. Keine Hassparolen. Sondern eine rhetorisch gewandte Rede. Eine in sich geschlossene Logik. Mit der Realität haben Breiviks Thesen zwar wenig zu tun, aber: In weiten Teilen entsprechen sie den Reden eines rechtskonservativen Bürgertums. Die Angst vor Überfremdung, davor, als Fremde im eigenen Land enden. Der einzige Unterschied: Wo andere es beim Reden, bei Stammtischparolen belassen, startete Breivik als selbsternannter Märtyrer den „gewaltsamen Kampf“. Was vor allem anderen deutlich wird durch diese sachliche Lesung: die Sogwirkung nicht hinterfragter, klug vorgetragener Thesen. Anders: Breivik macht es einem leicht, auf ihn hereinzufallen. Er zitiert Studien, Zahlen, Fakten. Raus Inszenierung ist, wenn man so will, vor allem eins: eine Warnung vor der Verführbarkeit der Massen.

 

Denn wenn der Abend eines nicht macht, dann das: diesen Breivik und seine Taten zu verharmlosen. Im Gegenteil: Indem Rau ins Bewusstsein ruft, wie nah dieser Attentäter dem Bürgertum in seinen Ängsten ist, zeigt er gerade seine Gefährlichkeit auf. Indem er ihn als kühlen Rationalist zeigt, macht er es dem Publikum unmöglich, ihn als irren Einzeltäter abzutun. In dieser Ernsthaftigkeit ist Milo Raus „Breiviks Erklärung“ den anderen Beiträgen zum Thema Terror eindeutig überlegen. Diese Lesung rückt eine Gefahr ins Bewusstsein, die mitten aus der Gesellschaft erwächst, die immer wieder - wie in Breiviks Tat oder denen der NSU - in unfassbare Gewalt ausbricht.
 

Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt regelmäßig für "Die Deutsche Bühne".

 

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"Parzival" - Foto: Menke

Parzival

 

Oberschule Leibnizplatz Bremen, 29.05.2013
Koproduktion mit Schülern der OS Leibnizplatz und Schauspielern der bremer shakespeare company

 

Moin, ich bin Parzival

 

Von Jens Fischer

 

„Moin, ich bin Parzival“, sagt der junge Mann, der von Freunden auch „Parsi“, von der Mutter „Schnuckemuckel“ genannt und wie ein Landei gemobbt wird. Eigentlich gibt der Typ dieses Namens den tumben Toren in einem 800 Jahre alten Ritter-, Liebes-, Entwicklungs-, Gottsucher-Epos, das ein gewisser Wolfram von Eschenbach vor 800 Jahren in 25.000 Versen niederschrieb. Jetzt lebt er auf der Bühne des Bremer Theaters am Leibnizplatz an einem Fluss darstellenden Flokatiteppich, in einem auf Betttuch gemalten Wald. Sein Vater ist als „Berufssoldat“ (Ritter) ständig auf Dienstreise, die alleinerziehende Mutter versteckt ihren Sohnemann vor der bösen Welt. Aber mit jugendlicher Lebenslust und Neugier befreit Parzival sich von Mamas Kontrollwahn, stolpert gierigen Herzens aus dem Naturidyll, sucht für seine unbestimmte Sehnsucht ein Objekt – und findet Männer in glitzernder Rüstung. Mit solch maßgeschneidert coolen Klamotten will er nun auch Ritter (erwachsen) werden und Abenteuer (Party!) erleben. Leitmotivisch warnend tiriliert es dem pubertierenden Jedermann entgegen: „Was willst du aus deinem Leben machen?“ Erst mal lernen, was Gut und Böse, Tod und Liebe, Mitleid und Gott ist. Die Gralsburg ruft zur Reifeprüfung, um aus dem unwissend egoistischen, heilig naiven Raufbold einen reifen Helden zu formen, der ritterlich das Echo seiner Taten aushalten kann und dafür einsteht.

 

Die ehemalige Aula der Oberschule Leibnizplatz, die seit 20 Jahren von der Bremer Shakespeare Company (BSC) als Bühne genutzt wird, ist Ereignisort dieses Pilotprojektes der „Theater Schule Campus“-Kooperation. Die Theater AGs der Sekundarstufe 1 und die Grundkurse Darstellendes Spiel der Sekundarstufe II haben mit der BSC ein Schuljahr lang an „Parzival“ gearbeitet. Und die Stockkampf AG dazugebeten, so dass nun alle Ritterzwiste mit gewirbelt aufeinanderkrachenden Holzstäben ausgetragen werden. Fast 50 Mitwirkende sind auf der Bühne. In Kleingruppen haben sie Szenen erarbeitet und die Materialsammlung dann zur Premiere zusammengepuzzelt, wobei zu viele Themen angerissen, etwas zu wenig auf Handlungsentwicklung geachtet und alles mit zweieinhalb Stunden deutlich zu lang wurde. Beeindruckend allerdings die Präsentation moderner Theaterspielweisen. Szenen werden gleichzeitig in verschiedenen Versionen dargeboten, alle Mitwirkende sind mal Parzifal, spielen aber auch Waldgetier, gruppieren sich zu Statistengewusel, agieren als Geräuschemacher und Sänger. Jungs wie Mädchen erkunden Männerrollen. Und übersetzen den Stoff in ihr Leben.

 

Parsifal könnte auch ein Scheidungskind sein, dessen Mutter dem Vater das Umgangsrecht verweigert und schlecht über ihn redet. Also schreibt der Sohn einen Brief und rezitiert ihn an der Rampe: „Lieber Papa, es gibt Tage, da ich mehr von dir erfahren möchte. Wo bist du? Sind wir uns ähnlich? Denkst du mal an mich? Wieso bist du nicht bei mir? Liebst du mich nicht?“ Stromert Parzival dann los, trifft er auf eine arrogante Gesellschaft – im Fitnessstudio der Karrieristen, befeuert von Deichkinds „Bück dich hoch“-Hip-Hop. „Was bist du denn für’n Tarzan?“ „Das is’n Mogli!“ „Voll süß.“ So lauten die Urteile der selbstgerechten Schnösel über den Außenseiter. „Wo kommst du denn her?“, wird Parzival angeraunzt, als er statt Alkohol eine Rhabarberschorle zu trinken wünscht. Die Lust auf Alberei zieht mit den jungen AG-Schülern ein. Sir Ritter Rost nimmt dann Platz an Artus Tafelrunde. Und wenn ein Parsival-Darsteller in sich hineinhorcht, erzählt ihm die Stimme des Gewissens: „Ich muss kacken!“ Dann singt Balu der „Dschungelbuch“-Bär die Moral von der Geschicht’: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“. Als Antwort auf die unentwegte Suche eines Menschen nach sich selbst und seinen Platz in der Welt ist das vielleicht ein bisschen wenig. Dafür hat die Aufführung massenhaft Theaterbegeisterung geweckt. Was die Schulbehörde bereits beeindruckte. Ab Herbst wird am Leibnizplatz erstmals ein Leistungskurs Darstellendes Spiel in der gymnasialen Oberstufe finanziert. Das nächste „Theater Schule Campus“-Projekt kann so noch intensiver erarbeitet werden.


Der Autor ist freier Journalist und schreibt regelmäßig für „Die Deutsche Bühne".

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